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Lichtspur, Werkzeug, Schwebepapiere

Tübinger Galerien präsentieren Unikate zum Bücherfest

Tübingen. Jedes Umblättern bringt eine visuelle Überraschung: Sand, Silber und Rohweiß finden sich auf glatten, gröberen oder fast textil anmutenden Papierflächen – oder ein dunkler Grund, mit feinsten Verästelungen überzogen, scheinbar mit Wachs fixiert. Es handelt sich aber nicht um Wachs, sondern um „Walnussöl für Malbedarf“, sagt die Kusterdinger Künstlerin Roswitha Dönnges, Jahrgang 1940. „Es wird ganz braun, wenn man es über das Papier streicht.

07.06.2013

Dönnges fertigt Bücher zum Tasten und Schauen, jedes ein Unikat, aus Restpapieren, Verpackungsmaterial aus Geschäften, aus Tapeten von früher, die sie in alten Häusern findet. Sie streicht die Fundpapiere glatt und leimt sie neu zusammen – stets mit Buchbinderleim, „damit das nicht bricht“, damit die Arbeiten „ihre Flexibilität behalten“. Die Seiten ihrer handgearbeiteten Bücher haben ungleichmäßig geriffelte Ränder, deren haptischen Reiz man durch die Handschuhe, mit denen Besucher sie anfassen dürfen, nur teilweise spürt.

Man kommt sich vor wie vor historischen Folianten oder einem alten Pergament. Ein Besucher fühlt sich an mittelalterliche Kodizes erinnert. Schriftreste lassen sich entdecken und Gitterstrukturen, prosaisch-stärkere Alltagspapiere und solche, so dünn wie ein Hauch. Dönnges zeigt ihre Papierstücke und Künstlerbücher eigens zum Tübinger Bücherfest. Jedes besitzt eine unverwechselbare Materialität und verweigert sich, anders als ein gedrucktes Buch, der direkten Aussage. „Ich schreibe einen utopischen Text in einer unlesbaren Schrift“, sagt die Künstlerin. Ihr „Großes Papierstück“ (siehe Bild rechts) schwebt 4,60 Meter hoch durch die Stockwerke im Tübinger Kunstamt. Es ist auf Seide geschichtet, geölt und doppelseitig beschrieben. Je nach Blickwinkel kann die Schrift so hervortreten, dass der papierene Grund zu verschwinden scheint.

Info: Nur bis Sonntag, 9. Juni, Kunstamt Tübingen, Doblerstraße 21, täglich 14 bis 20 Uhr.

Ein fotografisches Verfahren aus dem 19. Jahrhundert gibt den kleinformatigen Bildwerken von Christiane Müller ihren besonderen Zauber. Auf den dunkel gehaltenen Ambrotypien herrscht ein membranhaft zitterndes Licht, als würden sie den Erinnerungsprozess sichtbar machen. Sie holen die Lichtverhältnisse einer anderen Zeit wieder herauf, vor der gleichmäßigen Ausleuchtung mit elektrischen Lampen.

Wenn durch ein schmales, hohes Fenster gedämpftes Tageslicht in ein Zimmer fällt, kann man den Eindruck gewinnen, dort wäre eine längst vergangene Lichtspur konserviert. Zwei helle Pferdchenfiguren heben sich stark ab von dem massiven, kleinen Holztisch, auf dem sie platziert wurden. Sie scheinen sich zu bewegen – von der helleren Seite, wo die Tischplatte ein geheimnisvolles Restlicht reflektiert, in eine dunkle Undurchdringlichkeit, in die vollkommene Schwärze.

Die Bilder besitzen die konzen-trierte Intensität von Stillleben. „Langsame“ Fotografie mit Glasplatten macht sie durchlässig für die Dunkelheit des Vergessens, des Verschwindens. „Slow Pace“ hat die Künstlerin ihre Ambrotypien genannt, in Abgrenzung zur hektisch-bunten digitalen Bilderflut. Ein feines Glasgefäß ist so durchscheinend aufgenommen, dass seine Gegenständlichkeit sich aufzulösen scheint, als wäre es nur eine Lichterscheinung, an der Grenze zwischen Materie und Illusion.

Info: Bis 10. Juli, Zimmertheater, Bursagasse 16, ab 19 Uhr vor den Theatervorstellungen. Zudem Mo bis Fr 10 bis 17.30 Uhr, Sa 10 bis 12.30 Uhr; bitte telefonisch anmelden unter (0 70 71) 9 72 30.

Die fast gewaltsam gebrochene, paradoxe Form ist charakteristisch für die Bilder, Skulpturen und Zeichnungen des Künstlers René Dantes. Der 50-Jährige zeichnet oder formt Köpfe, die aussehen, als wären sie mit Gewalt auf ihren Abstraktionsgrad gebracht worden und zeigten nun die funktionellen Konturen von Werkzeugen. Zu seinen Gouachen „Tool Heads“ inspirierte den Künstler vor 15 Jahren eine Ausstellung mit objets trouvés, bei der ihm die den Werkzeugen innewohnende Spannung aufging, sagt die Galeristin Margot Gottschick. Man könnte an ihre Zweckentfremdung zu Zerstörung und Zurichtung denken.

Ein „Roter Kopf“ aus patiniertem Edelstahl (2013), der an Kupfer erinnert, kann noch ganz andere Assoziationen wecken, etwa an mittelalterliche Ritterrüstungen, die ihren lebendigen Träger in ihrer Archaik lange überdauert haben. Ins Extrem getrieben, führt dieses künstlerische Prinzip zum Objekt „Kopfsichel“ aus Cortenstahl.

Stein oder Metall hingegen nehmen in den Händen des Künstlers geschwungene, organische Formen an, teilweise Früchten wie der Meereskokosnuss nachempfunden. In den neuesten Arbeiten fügt Dantes in gerahmte Bildwerke skulpturale Metallformen ein, die sich gleißend kühl und technisch von den matten Farben der Gouachen abheben. Im Galeriehof schmiegt sich die Skulptur „Natura“ (Cortenstahl, 2010) scheinbar so geschmeidig in den hellen Kies, als vermöchten die Steine ihr keinen Widerstand entgegenzusetzen.

DOROTHEE HERMANN

Info: Bis 3. August, Galerie Gottschick, Uhlandstraße 10a, Mo bis Fr, 15 bis 18.30 Uhr, Sa 11 bis 15 Uhr.

Papierkunstwerke von Roswitha Dönnges schweben im Kunstamt.Bild:Metz

AmbrotypieBild:Zimmertheater

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Erstellt:
7. Juni 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Juni 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Juni 2013, 12:00 Uhr

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