So kreativ war der Mensch vor 40000 Jahren

Tübinger Archäologen lüften das Rätsel um ein eiszeitliches Werkzeug

Ist das Kunst? Ein Hebelwerkzeug? Oder doch ein Musikinstrument? Tübinger Archäologen haben das Rätsel gelöst: Mit speziellen gelöcherten Elfenbein-Stäben haben Menschen in der Eiszeit Seile hergestellt.

24.07.2016

Von Madeleine Wegner

Laura Bauer und Nicholas Conard präsentieren den Lochstab aus dem Hohle Fels, mit dem Menschen in der Altsteinzeit wahrscheinlich Seile fertigten. Bild: Faden

Tübingen. Der Hohle Fels bei Schelklingen hat schon für so manche Sensation gesorgt: So fanden Tübinger Archäologen bei ihren Sommergrabungen in der Eingangshöhle mit der Venus-Figur die älteste plastische Menschendarstellung und mit der „Geierflöte“ das bislang älteste Musikinstrument. Gestern präsentierte Nicholas Conard, der die Grabungen seit 20 Jahren leitet, eine neue Sensation: einen 20,4 Zentimeter langen, aus Mammutelfenbein geschnitzten Stab. Er ist mehrfach durchbohrt, in den sorgfältig ausgearbeiteten Löchern sind spiralförmige Einkerbungen zu erkennen.

Solche so genannten Lochstäbe haben die Archäologen bereits häufiger und in verschiedenen Ausführungen gefunden. Doch wozu die ersten modernen Menschen diese Stäbe genutzt haben, war bislang ein Rätsel. War es Hebelwerkzeug, ein Musikinstrument oder Kunstwerk? „Die Kerben erwiesen sich als Schlüssel für die Nutzung“, sagt Maria Malina, eine der Grabungsleiterinnen. Die Vermutung der Archäologen: Die tiefen Einschnitte in den Löchern sollten Pflanzenfasern in eine bestimmte Richtung leiten, damit sie sich zu Schnüren eindrehen. Demnach diente das Werkzeug zur Herstellung von Seilen.

Für Jäger- und Sammlerkulturen waren Seile überlebenswichtig. Forscher wussten jedoch bislang kaum etwas über deren Herstellung vor 40 000 Jahren. „Dieses Werkzeug beantwortet die Frage, wie im Paläolithikum Seile hergestellt wurden. Ein Rätsel, das Wissenschaftler für Jahrzehnte beschäftigt hat“, sagt Veerle Rots. Zusammen mit ihrem Team hat sie an der Universität Lüttich in vielen Versuchen die Nutzung solch eines Werkzeugs untersucht und damit experimentiert.

Mit Hilfe einer Nachbildung des Lochstabs hat sie aus Rohrkolbenblättern meterlange, feste und haltbare Seile gedreht. Dazu waren zwei Leute nötig: Rots fädelte jeweils mehrere schmale Blätterstreifen in die Löcher und drehte anschließend das Werkzeug im Uhrzeigersinn herum – die spiralförmigen Kerben sorgten dabei für die nötige Gegendrehbewegung. Während ihr Kollege das so entstehende Seil unter Spannung hielt, schob Rots mit dem Stab wie auf einem Webstuhl die verzwirbelten Schnüre fest zusammen. Mit dem richtigen Dreh lassen sich mit Hilfe des Werkzeugs innerhalb kurzer Zeit mehrere Meter Seil herstellen.

Der moderne Mensch war kreativ

„Es funktioniert auf jeden Fall“, sagt Conard. Sicher könne man sich freilich dennoch nicht sein, dass dies die einzige und richige Deutung des Lochstabes ist. „Rein theoretisch ist es möglich, dass der Stab zu anderen Zwecken genutzt wurde“, sagt Conard, „aber wir haben keine alternative Deutung.“

Der moderne Mensch, der sich vor 40 000 Jahren über Europa ausbreitete, sei sehr kreativ gewesen und habe, so Conard, „eine unglaubliche Vielfalt an Innovationen“ hervorgebracht. Unter anderem technische Erfindungen wie solche Lochstäbe.

Laut Conard sei es anzunehmen, dass die Menschen in der Altsteinzeit häufig Seile hergestellt haben. Bis zu einer bestimmten Menge sei das mit tierischen Sehnen möglich gewesen. Waren jedoch größere Mengen Seil nötig, mussten die Jäger und Sammler vermutlich Pflanzenfasern nutzen – denn diese waren ausreichend vorhanden.

„Schnur an sich aus dieser Zeit haben wir überhaupt nicht“, sagt der Ausgrabungsleiter. Nur in Ausnahmefällen fanden die Archäologen Seilabdrücke in gebranntem Ton und Darstellungen von Stricken oder Seilen auf eiszeitlichen Kunstwerken. Auch am Werkzeug selbst konnten die Wissenschaftler keine Pflanzenfasern finden. Da an dem Lochstab jedoch kaum Abnutzungsspuren zu erkennen sind, sei es möglich, dass er noch gar nicht zum Einsatz gekommen war.

Aus 15 Bruchstücken

zusammengesetzt

Gefunden hat das Seilwerkzeug die Archäologin Laura Bauer bei der Sommergrabung der Uni Tübingen vergangenes Jahr im Hohle Fels. Mehr als dreieinhalb Meter tief unterhalb des Erdbodenniveaus habe sie zu der Zeit in einer ohnehin sehr fundreichen Schicht mit vielen Elfenbeinbruchstücken gegraben. Die Tübinger Archäologen hatten hier in der Nähe 2008 auch die Venus und die Flöte gefunden.

Am 6. August 2015 legte Bauer Teile des Lochstabs frei. „Es war relativ schnell klar, dass es etwas Besonderes ist“, sagt die junge Archäologin. Ein Teilfragment wurde schon vorher gefunden. Schließlich erkannten die Forscher 15 zusammengehörige Bruchstücke. Diese wurden behutsam unter Wasser gesäubert, getrocknet und zusammengesetzt.

Der Fund ist so gut erhalten wie kein anderer Lochstab, viel besser beispielsweise als die Elfenbeinstücke aus dem Geißenklösterle. Und es ist der erste Stab dieser Art, dem die Wissenschaftler eine Deutung zuweisen können. Ganz vollständig ist der Stab nicht, das ist an dem obersten ausgebrochenen Loch deutlich zu sehen. „Es kann sein, dass wir noch ein Teil finden und dass das Werkzeug dann komplett wird“, sagt Conard, „das ist Glückssache.“

Video auf Youtube:

Demonstration Seilherstellung in der Altsteinzeit

Die spiralförmigen Einkerbungen in den Löchern des Seil-Werkzeugs sollten vermutlich die Fasern in die richtige Richtung leiten. Bild: Uni Tübingen

Das Seilwerkzeug ist ab heute in Blaubeuren zu sehen

Ab heute ist der Elfenbein-Lochstab im Urgeschichtlichen Museum (urmu) in Blaubeuren als „Fund des Jahres“ zu sehen. Das Seilwerkzeug passt damit zum Jahresthema „Spitzentechnik“. Besucher können uner anderem auch selbst ausprobieren, Schnüre von Hand zu zwirnen. Öffnungszeiten bis 30. November: Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 17 Uhr. Der Schelklinger „Hohle Fels“, wo die Archäologen das Werkzeug fanden, ist bis 31. Oktober sonntags geöffnet. Seit der ersten Großgrabung im Jahr 1870 ist die Höhle als bedeutende archäologische Fundstelle bekannt. Archäologen der Universität Tübingen graben seit 1977 alljährlich im Sommer in der Eingangshöhle. Sie dokumentieren inzwischen einen Zeitraum von 65 000 Jahren.

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Erstellt:
24. Juli 2016, 02:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Juli 2016, 02:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2016, 02:00 Uhr

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