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Kolossale Großarchitektur

Tübinger Ärzteorchester führte Te Deum von Hector Berlioz in der Stiftskirche auf

Um den französischen Spätklassizisten und romantischen Wahlverwandten Hector Berlioz haben sich Norbert Kirchmann und sein Tübinger Ärzteorchester schon mehrfach verdient gemacht. Nach Berlioz? Requiem und seinem Oratorium „L?enfance du Christ“ erklang am Freitag zum ersten Mal in Tübingen auch Berlioz? legendäres Te Deum.

28.10.2013

An dessen Uraufführung 1855 waren über tausend Menschen beteiligt, darunter ein 600-stimmiger Kinderchor und allein zwölf Harfen.

Für die Aufführung in der Tübinger Stiftskirche hatte Kirchmann die Besetzung proportional auf gut 200 Beteiligte reduziert, ohne etwas an der musikalischen Substanz zu verändern. Das auf symphonische Großdimensionen erweiterte Ärzteorchester, das 2014 sein 30-jähriges Bestehen feiert, kooperierte hier zum ersten Mal mit dem Deutschen Ärztechor. Die 650 Zuhörer waren beeindruckt von so viel festlicher Klangpracht und monumentaler Feierlichkeit.

Stimmig war die Kombination des Berlioz-Te Deums mit Charles Gounods Cäcilienmesse (1856), die aus einer ganz ähnlichen Ästhetik entstammt: Erhabenheit und Größe zwischen klassizistischer Revolutionsarchitektur und Second Empire, das Ineinander von seelenvoll subjektiven Arien und kollektiven Massenchören – und die hellen, luziden Temperafarben, die an die Lichtstimmungen auf den Barockgemälden eines Claude Lorrain erinnern.

Gounods umfangreiche Kirchenmusik ist in Deutschland weniger bekannt, darunter 20 Messen, vier Oratorien und drei Requien. Besonders schön sind Gounods weit ausgreifende melodische Linienzüge, die in der Cäcilienmesse teils ganze Sätze umfassen, etwa das Credo mit zeremoniell vorwärtsschreitendem Orchester und darüber aufragenden Chorpassagen. Das „Et resurrexit“ eine geradezu staatsmännische Auferstehung mit Beckenschlägen und Paukenwirbel.

Kirchmann setzte die Messe auf ein Fundament ruhiger Tempi und tragender Bögen, um die Höhepunkte dann in monumentaler Gelassenheit kulminieren und gipfeln zu lassen. Chor und Orchester schufen in sich geschlossene musikalische Großarchitekturen mit aufragenden Akkordsäulen. Paradiesisch das Gloria mit dem Engelstimbre von Julia Küsswetters Sopran über Harfe und Horn, trompetenhaft hymnisch Johannes Gaubitz? Tenor im Sanctus über überirdisch flimmernden Streichern. Reiner Hibys Bass klang warm und machtvoll, wenngleich oft auch brüchig. Gaubitz hatte große Durchschlagskraft und Tragfähigkeit, übertönte im Terzett aber immer wieder die anderen Solisten. Bei den Amen-Schlüssen, die Chor und Orchester in mediterranen Sonnenuntergangs-Farben entschweben ließen, horchte man besonders auf.

Berlioz? 40-minütiges Te Deum knüpfte klanglich hier an. Ausgedehnter als bei Gounod waren die Dialoge zwischen Orchester und Orgel (Marius Popp, Leiter des Deutschen Ärztechors, der die Chorpartien einstudiert hatte). Ganz mühelos koordinierte Kirchmann die Einsätze von Chor, Solisten, Orchester und Orgel. Wirkungsvoll war auch seine Dramaturgie, das Tempo in manchen Passagen stärker zu dehnen, dann wieder vorwärtszutreiben. Manchen Stellen fehlte dann doch die Klanggewalt eines größeren Chors; einige stereophone Echo- und Raumklangeffekte hätten eine Aufteilung auf mehrere Chöre und Klangorte verlangt.

Aber Chor und Orchester glichen vieles durch starke dynamische Kontraste aus. Zauberhaft der zweite Satz mit den Frauenstimmen über irreal changierenden Regenbogen-Harmonien. Sehr beeindruckend Gaubitz? strahlkräftiges Tenorsolo über bebenden Nachschlägen von Holzbläsern und Streichern. Eine groß angelegte Steigerung gelang Chor und Orchester zuletzt mit dem „Judex crederis“, einem taumelnden Trauermarsch vor den Weltenrichter am Jüngsten Tag. Wobei der unerbittliche Grundrhythmus noch etwas schärfer und schneller hätte sein dürfen.

Nach dem Schlussakkord brandete sofort minutenlanger begeisterter Beifall auf, samt Bravo-Rufen. Die Spendeneinnahmen des Benefizkonzerts gehen zu gleichen Teilen an die Stiftung Stiftskirche und das Tübinger psychiatrisch-psychotherapeutische Rehazentrum „grund.stein“. Achim stricker

Gut 200 Musiker(innen) – vorne mit dem Deutschen Ärztechor – brachten erstmals in Tübingen das Te Deum zu Gehör. Bei der Uraufführung 1855 in Paris waren 1000 Musiker beteiligt.Bild: Faden

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Erstellt:
28. Oktober 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Oktober 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2013, 12:00 Uhr

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