Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Gegenwart und Zukunft der Gemeinschaftsschule

Tübingen reicht es zu einer Oberstufe

Der baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch nannte die Gemeinschaftsschule gestern ein Erfolgsmodell. Dafür bekam er Beifall. Kein Wunder. Denn vor ihm im Hörsaal der Geschwister-Scholl-Schule saßen rund 200 Vertreter der Schulart aus dem ganzen Bundesland.

11.12.2015

Von Ute Kaiser

Kultusminister Andreas Stoch war einer der Redner beim Fortbildungstag des Vereins für Gemeinschaftsschulen an der Geschwister-Scholl-Schule. Archivbild

Tübingen. Das Erfolgsmodell fasste Andreas Stoch zunächst in Zahlen. In Baden-Württemberg gibt es 271 Gemeinschaftsschulen mit aktuell rund 35 000 Schülern. Knapp 14 000 Fünftklässler werden im kommenden Jahr dazukommen. Da dem Kultusministerium weitere Anträge vorliegen, rechnet der Minister mit rund 300 Gemeinschaftsschulen landesweit. Er lasse es nicht zu, dass die Schulart diffamiert werde, sagte Stoch bestimmt. Das war ganz im Sinn seiner Zuhörer. Stoch spielte unter anderem auf einen Artikel im Sommer in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ an (wir berichteten). Das Kultusministerium hat sich gegen ihn erfolgreich juristisch gewehrt.

Minister stellt sich hinter das Gymnasium

Stoch hatte ein Heimspiel und war entsprechend locker. Matthias Wagner-Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen (siehe Info), stellte den ehemaligen SPD-Bildungspolitiker Norbert Zeller als „Opa“ der Gemeinschaftsschulen vor. „Das bleibt“, sagte Stoch und bekam einen Lachanfall. In seinem gut einstündigen Auftritt kritisierte der Minister dann die Landtagsopposition, aber auch die Grüne Jugend. Die fordert in einem Antrag für den Parteitag am Wochenende in Reutlingen, das Gymnasium abzuschaffen.

So „fuchsteufelswild“ wie dieser Vorstoß Ministerpräsident Winfried Kretschmann nach eigenen Worten machte, reagierte Stoch nicht. Allerdings bekannte er sich eindeutig zum Gymnasium, das im Land „hoch anerkannt“ sei. „Es ist nicht sinnvoll, seine Existenz in Frage zu stellen.“ Das Gymnasium müsse aber beim achtjährigen Weg zum Abitur bleiben. Das zu ändern, würde Real- und Gemeinschaftsschulen beschädigen. Über sie sei der neunjährige Weg zum Abitur möglich, so Stoch.

Schüler möglichst gut individuell fördern: So beschrieb der Minister den Anspruch an alle Schularten, weil die Schüler immer heterogener werden. Die integrative Gemeinschaftsschule mit der Möglichkeit zu unterschiedlichen Abschlüssen soll für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen, egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Die Gemeinschaftsschule stärkt nach Ansicht des Ministers den ländlichen Raum, in dem die Schülerzahlen zurückgehen. Da sich den Realschulen die selben Fragen stellen wie den Gemeinschaftsschulen und sie sich ebenfalls weiterentwickeln müssten, kann nach einem neuen Konzept vom kommenden Schuljahr an dort auch der Hauptschulabschluss gemacht werden.

Stochs Aussage, dass große Gemeinschaftsschulen die Möglichkeit haben müssen, eine eigene Oberstufe einzurichten, registrierten besonders die Tübinger im Publikum aufmerksam. Denn auch nach Berechnungen des Ministeriums wird hier der Mindestanspruch von 60 Schülern erfüllt. „In Tübingen sollte es langen“, so Stoch. Projektgruppen in Tübingen sollen (wie berichtet) die Entscheidung des Gemeinderats im April kommenden Jahres vorbereiten.

Ein Problem, das zeigte die Fragerunde, sind unterschiedliche Deputate und Vergütungen der Lehrer an Gemeinschaftsschulen. Gymnasiallehrer müssen dort zwei Stunden mehr unterrichten. Es gebe dennoch schon jetzt Bewerber. Und es würden aus dem Reservoir der Referendare noch mehr kommen, zeigte Stoch sich sicher. Mit der Heterogenität der Schüler müssten auch die Gymnasien umgehen. Das werde Folgen haben müssen für alle Phasen der Lehreraus- und Lehrerfortbildung.

Matthias Wagner-Uhl, Leiter der Gemeinschaftsschule in Neuenstein, bewegt ein Anliegen. „Wir wünschen uns eine Diskussion um eine gute Schule für ganz Baden-Württemberg“, sagte er im Pressegespräch nach der Rede des Ministers. Diese Diskussion müsste sich auf die Lehrerausbildung erweitern. Eine fruchtbare Debatte sieht er aber durch den Wahlkampf und die Angriffe der Opposition auf die Gemeinschaftsschule gefährdet.

„Sie drehen das Rad der Zeit zurück“, heißt es in einer auch von Joachim Friedrichsdorf unterzeichneten Erklärung. Er ist stellvertretender Vereinsvorsitzender und Leiter der Tübinger Geschwister-Scholl-Gemeinschaftsschule. Die Sorge der Vereinsvertreter: Dass nach einem möglichen Wahlsieg der Opposition die pädagogischen Innovationen der Gemeinschaftsschule eingeschränkt oder abgeschafft werden sollen.

Eltern wollen für die Schulart kämpfen

„Wir werden uns gegen das Schleifen wehren“, erklärte Annette Trube, Mutter von fünf Kindern im Alter von zwei bis 13 Jahren und Beisitzerin im Verein. Sie baut derzeit ein Elternnetzwerk auf. An ihrer Gemeinschaftsschule in Heddesheim gibt es viele Eltern von Kindern mit Gymnasialempfehlung. Sie hätten sich wie sie bewusst für das Konzept entschieden, sagte Trube. Die Mutter einer mehrfachbehinderten Tochter und eines hochbegabten Sohnes ist überzeugt davon, dass ihre Kinder dort je nach ihren Bedürfnissen gefordert und gefördert werden. Dass beispielsweise ihr mathematisch äußerst begabter Sohn genau „das Futter“ bekommt, das er braucht.

Wofür der Verein für Gemeinschaftsschulen steht

Der vor gut zwei Jahren gegründete Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg wollte gestern seinen Gästen ein Forum mit Vorträgen und Workshops bieten. Ein Thema war die „erfolgreiche Individualisierung und Differenzierung im internationalen Kontext“, über das Prof. Anne Sliwka von der Uni Heidelberg sprach. Ziel des Vereins ist die Entwicklung und Weiterentwicklung der Gemeinschaftsschulen, die aus Sicht der Mitglieder (Lehrer und Eltern) „leistungsstark und hoch innovativ“ sind. „Ob alle Schulen in Zukunft Gemeinschaftsschulen heißen, ist zweitrangig“, heißt es in einer Erklärung, „aber sie sollen so arbeiten wie solche.“

Zum Artikel

Erstellt:
11. Dezember 2015, 09:26 Uhr
Aktualisiert:
11. Dezember 2015, 09:26 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2015, 09:26 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen?
Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+