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Ende eines Beutekunst-Kapitels

Tübingen gibt Thorascheibe an Erben zurück

Nach langer, aber erfolgreicher Suche: Die Stadt Tübingen übergibt heute eine Thorascheibe aus ihrem Museumsbestand an den Enkel ihres Stifters.

24.11.2011

Von RAIMUND WEIBLE

Tübingen 16 Jahre lang verwahrte das Museum der Stadt Tübingen eine Thorascheibe aus dem Nachlass des Theologieprofessors Otto Michel. Heute Abend übergibt OB Boris Palmer dieses Sakralobjekt feierlich an einen der Nachkommen des Stifters, den Psychologen Avner Falk aus Jerusalem. Damit endet ein schwieriges Kapitel über den Umgang mit Beutekunst.

Die Scheibe zierte einst einen Thorastab mit den fünf Büchern Mose. Die hebräische Inschrift besagt, dass sie 1925 von Joseph Zwi Szpiro der Synagoge im polnischen Zgierz gestiftet worden war. Nach dem Angriff auf Polen zerstörten die deutschen Besatzer diese Synagoge. Wie die Scheibe nach Tübingen gelangte, blieb unbekannt. Unbekannt blieben auch die rechtmäßigen Eigentümer.

Im Juli 2010 stellte der Fachbereich Kultur der Tübinger Stadtverwaltung die Scheibe in die Datenbank "Lost Art" der Koordinierungsstelle Magdeburg ein. Diese Stelle nimmt Such- und Fundmeldungen von Objekten entgegen, die Verfolgten des NS-Regimes gehörten oder die während des Krieges verlagert worden sind. Der Tübinger Historiker Hans-Joachim Lang, Redakteur der SÜDWEST PRESSE-Partnerzeitung "Schwäbisches Tagblatt," erfuhr per Pressemitteilung von dem Eintrag in "Lost Art" und begann selbst nach den Erben zu forschen. Da er annahm, dass Stifter Szpiro im Holocaust gewaltsam ums Leben gekommen sein könnte - was sich später bestätigte -, suchte er in der Datenbank von Yad Vashem in Jerusalem nach dem Namen Szpiro. Mit Erfolg. Auf die Namen der noch lebenden Nachkommen führte ihn ein amerikanischer Genealoge. Lang schrieb Avner Falk, einem Enkel von Szpiro, ein E-Mail und erhielt prompt Antwort.

Die Stadt Tübingen überprüfte danach sorgfältig den Anspruch von Falk, seiner Schwester und einer Kusine. Die Scheibe ist ihr einziges Andenken an den Großvater. Zu klären galt auch, ob die Scheibe zurück an die jüdische Gemeinde Zgierz gehen müsste. Diese ist in die Gemeinde Lodz aufgegangen. Die Lodzer Gemeinde erhob keine Ansprüche. Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, lobte die Stadt für ihr "vorbildliches Vorgehen".

Reich verziert: Die Tübinger Thorascheibe. Foto: Geschichtswerkstatt

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Erstellt:
24. November 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
24. November 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. November 2011, 12:00 Uhr

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