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Ein Hightech-Produkt des Mittelalters

Tübingen feiert seine Rathausuhr

Die „alte Dame“ hat ein wahrhaft biblisches Alter. Vor 500 Jahren bekam das Tübinger Rathaus eine ganz besondere Uhr verpasst. Heute ist sie die älteste astronomische Uhr überhaupt, die Sonnen- und Mondfinsternisse anzeigt.

03.04.2011

Von Wilhelm Triebold

Im 19. Jahrhundert wurde sie von der Rathaus-Beletage in den Ziergiebel verbannt: Die Stöfflersche Astronomische Uhr. Wer sie vom Marktplatz aus lesen will, muss sich gehörig den Hals verrenken.Archivbild: Metz

Tübingen. Der sogenannte Drachenzeiger im oberen Ziffernblatt lässt sich Zeit. In den 500 Jahren hat er gerade mal 25 Umdrehungen zurückgelegt, berichtet der Uhrenführer Martin Boertzel auf der Feierstunde im großen Rathaussaal.Der Zeiger, der die Schnittlinie der Erd- und Mondbahn markiert, braucht immerhin 18,6 Jahre, um den Tierkreis am Zifferblattrand einmal zu umrunden. Im kommenden Juli, so Boertzel, ist es wieder so weit – das erste Mal übrigens seit der Renovierung im Jahr 1993.

Für diese Instandsetzung waren damals zwei Herren zuständig, die einfach zur Stadtverwaltung marschiert sind und vorschlugen, die seit einem halben Jahrhundert im Dornröschenschlaf befindliche Uhr wieder flott zu machen. „D-Mark 6000 kostet das Werk mit Zeigern“, rechnete Initiator Karl Schmid dem anderen Schmid vor: Eugen Schmid sagte als Oberbürgermeister da nicht nein.

Das „Bildnis eines Astronomen“ in der Berliner Gemäldegalerie, das nach Christoph Wilhelmis Meinung Johannes Stöffler darstellt, wird gemeinhin auf 1522 oder 1523 datiert und erst seit einigen Jahrzehnten dem Maler Cariani zugeschrieben.

Gemeinsam mit Uhrenkenner Herbert Schmitt sorgte Karl Schmid anschließend dafür, dass Tübingens Bevölkerung und auch Touristen das genial-einfache Räderwerk danach in unzähligen Führungen kennenlernten. Dafür dankte ihnen, wie auch der zweiten Uhrenführer-Generation Boertzel und Wolfgang Binder, auf dem Empfang Tübingens derzeitiger OB. Boris Palmer begrüßte im Öhrn auch eine kleine Junginger Gesandtschaft, denn aus dem Albflecken nahe Ulm stammt der mutmaßliche Konstrukteur der Uhr, Johannes Stöffler.

Stöffler war nicht nur wie Palmer Mathematiker, sondern einer der großen Gelehrten seiner Zeit. In den 36 Junginger Jahren als Pfarrer empfing er dort Fürsten und Scholaren, bis die junge Tübinger Uni den reifen Mann als Professor anwarb. Mit Haushälterin und Musterschülern wohnte Stöffler 1511 grad gegenüber vom Rathaus, konnte also jederzeit einen prüfenden Blick auf die von ihm entworfene Uhr werfen.

Das Stöffler-Porträt aus der Tübinger Professorengalerie. Als es entstand, war der Porträtierte schon lange tot.

Neben diesem sichtbaren Wunderwerk der mechanisch-exakten Zeitmessung hinterließ Johannes Stöffler noch manch anderes in Tübingen. Zum Beispiel eine große Verwirrung, als er für Mitte der 1520er-Jahre eine große Sintflut vorhersagte, was zu panischen Absetzbewegungen allerseits führte. Der Tsunami blieb aus, was Stöffler wiederum zur göttlichen Fügung erklärte. Zu seinen großen Eleven zählten dann Melanchthon und Philipp Imsser. Stöfflers astronomisches Kabinett, in dem sich wohl auch die Unterlagen zur Rathausuhr befanden, wurde beim großen Brand der Sapienz, dem damaligen universitären Gedächtnis, komplett vernichtet.

Die Projektion auf den deutschen Astronomen

Da war Stöffler bereits drei Jahre tot, nachdem er vor der Pest geflohen war (sie hat ihn doch ereilt). Die Rathausuhr sei „ein Hightech-Produkt des ausgehenden Mittelalters“, schwärmte Boertzel, „nur eine Hand voll Zahnräder“, und doch von hoher Genauigkeit. „Zur Zeit des geozentrischen Weltbildes gebaut, ist durchaus ein heliozentrisches Weltbild abzulesen.“

Gastredner war in der Feierstunde am Donnerstag der Buchautor Christoph Wilhelmi, der gerade ein Buch über „Porträts der Renaissance“ veröffentlich hat. Darin untersucht Wilhelmi namenlose Bildnisse, wie sie häufig in den Museen und Galerien dieser Welt anzutreffen sind. In der Berliner Gemäldegalerie etwa hat er ein Bild aus gemacht, das von dem Maler Giovanni Busi, Künstlername Cariani, stammt. Es trägt den Titel „Bildnis eines Astronomen“.

Geht es nach Wilhelm, müsste es künftig „Johannes Stöffler“ heißen. Allerdings ist die Beweiskette, die er im Buch zu spannen versucht und die er auch im Tübinger Rathaussaal darlegte, nicht besonders straff und strapazierfähig. Dass Stöffler Verbindungen nach Italien hatte (so beriet er den Papst in Sachen gregorianischer Kalender), dass er offenbar gut Griechisch konnte und gern Arabisch können wollte (was am Handels-Umschlagplatz Venedig gewiss leichter zu erlernen war als im Schwäbischen), nimmt Wilhelm mit einigem anderen als „kleine Indizien“, aus denen er ein Puzzle zusammenbasteln möchte.

Kunsthistorisch trägt diese Detailhuberei freilich kaum. Und wenn Wilhelmi schließlich kleinlaut einräumen muss, dass Cariani das Bild im zarten Alter von 15 Jahren gemalt haben müsste, um es wie beabsichtigt auf das Jahr 1500 zu datieren (da war Stöffler 48 Jahre alt), dann erweist sich die ganze Fragwürdigkeit des Unterfangens. Sollte das Gemälde wie angenommen aber um 1520 entstanden sein, müsste es Stöffler als hinfälligen Greis abbilden, wie die berühmteren Profilporträts von ihm.

Auch die Tübinger Professorengalerie verfügt über ein Stöfflerporträt. Wie weit es ihm ähnlich sieht? Dem angeblichen Stöffler-Abbild von Cariani gleicht es absolut nicht. Allerdings haben es die Tübinger auch erst 1614 anfertigen lassen. Da war der Gelehrte immerhin schon 83 Jahre tot.

Info: Am heutigen Samstag gibt es jeweils um 10 und 11.30 Uhr Führungen (Beginn im Rathaussaal). Am Dienstag, 5. April beginnen die regelmäßigen monatlichen Führungen.

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Erstellt:
3. April 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
3. April 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. April 2011, 12:00 Uhr

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