Eine Botschaft für die Welt

Tübingen feiert die Eröffnung des Islamzentrums

Mit einem Festakt wurde gestern das Islamzentrum an der Universität eröffnet. Nicht nur der Großmufti von Sarajevo, Mustafa Ceric, und Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan verbinden große Hoffnungen und Wünsche mit dem Projekt.

17.01.2012

Von Angelika Bachmann

Zentrum in Villa: Islamischen Theologie an der Uni Tübingen
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© Ziehe 02:35 min

Tübingen. In der Köstlin?schen Villa wird schon seit Anfang des Wintersemesters Arabisch gebüffelt und islamische Geschichte gelehrt. 36 Studierende haben sich für den Studiengang „Islamische Theologie“ eingeschrieben. Gestern nun war die offizielle Eröffnung des Islamzentrum. Der Festakt in der Neuen Aula fand außerordentlich großes Interesse: in der akademischen Welt, bei den Muslimgemeinschaften und bei den Medien.

Als einen „Meilenstein für die Integration“ lobte Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan das Tübinger Islamzentrum. Es ist das erste seiner Art, wird aber noch in diesem Jahr drei weitere Entsprechungen finden (siehe auch: „Das erste von vier Islamzentren“). Dabei betonte sie, dass das Projekt europaweit wirken soll. Es sei wichtig, in Europa nicht nur über die Währungs- und Fiskalunion zu sprechen, sondern auch die religiöse Pluralität zu leben. Dazu müsse man verstehen, „was dem anderen heilig ist.“ Religiöse Vielfalt dürfe nicht als Bedrohung sondern solle als Bereicherung betrachtet werden.

Eine „Plattform für den Dialog“ soll das Islamzentrum werden – und war es bereits bei seiner Eröffnungsfeier (von links): Mehmet Paçaci vom Amt für religiöse Angelegenheiten der Türkei, im Gespräch mit Mustafa Ceric, dem Großmufti von Sarajevo, sowie Prof. Omar Hamdan, Leiter des Islamzentrums (Mitte). Rechts im Bild: Paso Fetic, der Mufti der Islamischen Gemeinde der Bosniaken in Deutschland. Bild: Metz

Wie wichtig die Gründung wissenschaftlicher Islamzentren für die Selbstfindung europäischer Muslime sei, betonte der Großmufti von Sarajevo, Mustafa Ceric. Es sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem friedlichen Europa – „frei von Krieg und Genozid“, einem Europa, in dem die Menschen keine Angst voreinander hätten. „Ich hoffe, dass die Studierenden des Islamzentrums diese Botschaft hinaustragen in die Welt“. Wichtig sei auch der Dialog der Muslime untereinander. Keine Nation habe „ein Monopol auf den Islam“, sagte Ceric. „Der Islam ist ein Geschenk Gottes.“

Die Hochschulen in der Türkei seien gespannt und sehr bereit, Kooperationen mit dem Tübinger Islamzentrum zu beginnen, sagte Mehmet Paçaci vom Amt für Religiöse Angelegenheiten der Türkei. Darüber hinaus hoffe er, dass das Islamzentrum den Rechten und Bedürfnissen der Moschee-Gemeinden in Deutschland förderlich sei.

Als Schnittstelle zwischen dem akademischen Zentrum und den Moschee-Gemeinden dient unter anderem der Beirat des Islamzentrums, in dem zahlreiche muslimische Gemeinschaften und Verbände vertreten sind. Das sei ein Provisorium, da der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland juristisch immer noch nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt sei, sagte dessen Sprecher Bekir Alboga.

Anerkennende Worte fanden gestern etliche Festredner für Rektor Bernd Engler, ohne dessen Aufgeschlossenheit, Elan und Beharrlichkeit das Tübinger Zentrum wohl nicht zustande gekommen wäre – oder zumindest nicht so schnell, wie Wissenschaftsministerin Theresia Bauer sagte. „Sie waren der Motor des Gründungsprozesses“, sagte Bauer. Dem Islamzentrum, das von Bund und Land finanziert wird, wünschte sie, dass es „beseelt sei vom Geist der Toleranz“ – und dass dieser Gedanke in die Welt hinaus getragen werde.

Nach dem Festakt verlagerte sich zumindest ein Teil der Festgesellschaft von der Neuen Aula in die Köstlin?sche Villa, die dem Ansturm kaum gewachsen war. Der Leiter des Zentrums, Prof. Omar Hamdan, führte die Gäste dort durch die Bibliothek und die Seminarräume.

Trotz all des Trubels entging den hochrangigen Gästen nicht, welch Kleinode das neue Institut beherbergt: Faksimile von Koranhandschriften aus dem 6. Jahrhundert sind in einer Vitrine im Foyer ausgestellt. Und in der Handbibliothek fand Großmufti Mustafa Ceric prompt einen Quellentext über den er einst in Chicago seine Dissertation schrieb.

Ergänzen kann das Institut in der Köstlin?schen Villa seine Bibliothek jetzt durch einen weiteren prächtigen Band, ein Geschenk des Großmufti: das „Kitab asch-Schifa“ des Philosophen Ibn Sina. Der Titel dieser islamischen Enzyklopädie heißt übersetzt etwa „Buch der Heilung“. Es möge, so wünschte Ceric, viele ermutigende Diskussionen anregen.

Tübingen ist das erste von bundesweit vier Zentren für Islamische Theologie. Auf eine Empfehlung des Wissenschaftsrates hat der Bund die Einrichtung solcher Zentren beschlossen. Weitere Standorte werden Münster/Osnabrück, Frankfurt und Erlangen. Ausschlaggebend für die Auswahl Tübingens war unter anderem der akademische Kontext mit einem breiten und anerkannten Islamwissenschaftlichen und religionswissenschaftlichen Angebot. Ein Argument war zudem die Nähe zu Stuttgart mit seinen etwa 70 000 Muslimen und rund 30 muslimischen Gemeinden. Nur durch die Nähe und die Einbindung muslimischer Gemeinden könne ein Islamzentrum auch auf die Bevölkerung ausstrahlen.

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Erstellt:
17. Januar 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Januar 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2012, 12:00 Uhr

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