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Trumpomania
Sehr laut, dafür weniger deutlich: Donald Trump ist der Präsidentschaftskandidat für jene US-Amerikaner, die in vielerlei Hinsicht die Nase voll haben. Foto: afp
Wie der US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump das Volk umgarnt

Trumpomania

Sie stehen für ihn stundenlang Schlange, jubeln seinen Tiraden zu und lassen sich durch nichts von Donald Trump abbringen. Vor allem eint die "Trumper" ein Lebensgefühl: Amerika ist nicht mehr, was es einmal war.

29.03.2016
  • SIEGFRIED STADLER

Colleen Devries (59) kann sich an bessere Zeiten erinnern. Das war in den 80er Jahren, als es noch ordentlich bezahlte Jobs in Grand Rapids gab, und sich die Industriestadt im Westen des US-Bundesstaats Michigan stolz "Möbelhauptstadt der Welt" nannte. Dann kam das Freihandelsabkommen Nafta. "Wir haben zigtausende Jobs nach Mexiko verloren", klagt Colleen, die selbst Richtung Süden zog, weil sie in Michigan keine Arbeit mehr fand. Ihr neuer Job in South Carolina war lange nicht so gut bezahlt, heute schlägt sich die Frühpensionärin mit ein paar Dollar durch.

Donald Trumps Versprechen "Make America Great Again" trifft einen Nerv bei Colleen, die wie viele Anhänger des Rechtspopulisten das Gefühl hat, seit Jahren auf der Stelle zu treten. Dass Trump mit dem Finger auf Firmen zeigt, die Fabriken nach Mexiko verlagert haben, und auf die nicht dokumentierten Einwanderer, die von dort kommen, verschafft Colleen Genugtuung.

Mexiko, da ist sie sich sicher, ist das Problem. Und Trump hat eine Lösung, die ihr gefällt: "Er baut die Mauer und schickt die Illegalen zurück." Die Trump-Anhängerin zweifelt keinen Moment daran, dass der New Yorker Baumagnat tut, was er sagt. Dazu gehört das Versprechen, das Nachbarland für den Grenzwall zahlen zu lassen. Auf die Frage, wie Trump das genau anstellen will, haben seine Fans ebenso wenig eine konkrete Antwort wie der Kandidat selbst. "Er handelt einen besseren Deal aus," meint Patty Clark aus Pella im Bundesstaat Iowa. "Er sagt nur nicht jedem, was er vorhat. Aber einen Plan hat er bestimmt."

Die Sekretärin sehnt sich wie viele "Trumper" nach einem Führer, für den die USA immer zuerst kommen. Eine hohe Mauer an der Südgrenze, saftige Strafzölle für Unternehmen, die ins Ausland gehen, und ein hochgerüstetes Militär, das Amerikas Feinden Respekt einflößt - Nationalismus ist der Nektar, mit dem Trump Anhänger verführt.

Ein Präsident, der mit harter Hand regiert, ist genau das, was sich auch Clifton Wilson (69) wünscht. Der Pensionär aus Charlotte im Bundesstaat North Carolina hat genug von den "Bushs" und "Clintons" dieser Welt. "Die Politiker sind doch alle gekauft", klagt er über den Einfluss reicher Geldgeber auf die Politik. Da unterstützt Wilson lieber direkt einen Milliardär. "Der ist von niemandem abhängig."

Tatsächlich hat es Trump zur Methode gemacht, Wahlkampf ohne Mittelsmänner zu führen. Er verzichtet auf Redenschreiber, unterhält keinen Beraterstab und analysiert Umfragen selbst. Die Filter in den traditionellen Medien umgeht er via Twitter, Instagram und Facebook oder durch seine Dauerpräsenz als Interview-Partner im TV.

"Die Leute haben von politischer Korrektheit die Schnauze voll", erklärt Tammy Neuberg (54) aus Greenville den Appeal, der von seinem derben Auftreten ausgeht. "Er sagt, wie es ist. Wirklich." Trump ist der fleischgewordene Mittelfinger der Wutbürger, die in Unbehagen vereint sind. In Nevada erklärten 94 Prozent der republikanischen Wähler bei den Nachwahl-Umfragen, sie seien unzufrieden und verärgert über die Regierung in Washington. Deshalb gewinnt der Kandidat in allen demographischen Gruppen.

Auch die selbstständige Beraterin Michelle Lebrun (39) will den Milliardär wählen. Die zweifache Mutter sorgt sich nach dem Terroranschlag von San Bernardino mehr als zuvor um die Sicherheit ihrer Familie. Sie hat das Gefühl, Amerika sei unter Präsident Barack Obama schwach geworden. Trumps düstere Verheißungen wirken bei seinen Anhängern wie eine Therapie. Sie versprechen Kontrolle in einer Welt, die mehr als Bedrohung denn als Chance begriffen wird.

Die "Trumper" kommen aus allen sozialen Schichten. Besonders starke Unterstützung aber findet er bei weißen Wählern mit niedrigen Bildungsabschlüssen und geringen Einkünften: Arbeiter, Soldaten, Kleinbürger - Wähler, die republikanische Kandidaten wie Mitt Romney oder John McCain in der Vergangenheit nicht erreicht haben.

Ronald Reagan war der letzte Republikaner, der in diesem Spektrum über Parteigrenzen hinweg massive Unterstützung erhielt. Die sogenannten "Reagan-Demokraten" sicherten ihm mit Siegen in 49 von 50 Bundesstaaten die Wiederwahl. Der frühere Reality-TV-Star Trump behauptet, er habe eine vergleichbare Anziehungskraft und könne deshalb demokratische Staaten wie New York, Michigan oder Pennsylvania gewinnen. Dafür spricht, dass sich die "Trumpers" auf der von konservativ bis liberal reichenden Skala der Meinungsforscher selbst als "moderat" einordnen.

Im Unterschied zu der "Tea-Party"-Klientel wollen Trumps Anhänger nichts von einer Privatisierung der Renten- und Krankenversicherung hören. Obwohl sie Muslime nicht mögen und die USA für ein christliches Land halten, gehen "Trumper" eher selten in die Kirche. Sie teilen auch nicht den Interventionismus der Neokonservativen und zeigen wenig Begeisterung für den Freihandel. Das links-rechts-Schema hilft nur bedingt, das Phänomen zu beschreiben. "Trumper" schätzen das autoritäre Gehabe des Kandidaten, setzen Amerika über alles und fürchten, ihre Lebensweise stehe in der globalisierten Welt auf dem Spiel.

"Wir verlieren überall", drückt Allen Revis (59) das Unbehagen aus, das Trump im Wahlkampf aufgreift. Der pensionierte Vertreter vergleicht die Lage der Nation mit einem Schwimmbecken. "Andere halten ihren Schlauch hier rein und saugen es langsam leer." Trump werde das verhindern. "Mit ihm werden wir wieder gewinnen."

Nach Ansicht des renommierten Publizisten Ron Brownstein steuert Trump die Republikaner "in Richtung eines auf Konfrontation ausgerichteten, rassistisch motivierten Nationalismus europäischen Stils". Der Rechtspopulist ermöglicht seinen Anhängern, sich überlegen fühlen, selbst wenn sie ganz unten sind. Es ist diese Mischung aus Nationalismus und Nativismus, die die "Trumper"-Bewegung antreibt und deren Führer zum Spitzenreiter im Rennen um die republikanische Präsidentschafts-Nominierung macht.

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29.03.2016, 08:30 Uhr
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