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„Trump ist völlig fehl am Platz“
Mit 72 Jahren wieder auf Deutschland-Tournee: Howard Carpendale. Foto: Brian Dowling/Getty Images Foto: Brian Dowling/Getty Images
Musik

„Trump ist völlig fehl am Platz“

Lieder wie „Hello Again“ und „Tür an Tür mit Alice“ haben ihn berühmt gemacht. Jetzt steht Howard Carpendale wieder auf der Bühne. Der Entertainer ist politisch geworden.

24.02.2018
  • CHRISTOPH FORSTHOFF

Berlin. Den heutigen US-Präsidenten kennt Howard Carpendale schon lange; lebte der Sänger doch einst in unmittelbarer Nachbarschaft des Geschäftsmannes in Florida. Entsprechend interessiert hat der gebürtige Südafrikaner dessen Aufstieg zum mächtigsten Mann der Welt verfolgt und macht keinen Hehl daraus, dass er Trump im Präsidentenamt für eine völlige Fehlbesetzung hält. Dies thematisiert Carpendale auch in einem seiner neuen Lieder. Gestern startete der 72-Jährige seine Deutschland-Tournee.

Vor drei Jahren suchten die Republikaner in den USA noch einen Präsidentschafts-Kandidaten. Sie haben schon damals gesagt: „Gott bewahre uns vor Donald Trump, der Typ ist ein Clown.“ Haben sich Ihre Befürchtungen bestätigt?

Howard Carpendale: Er ist noch schlimmer, als ich dachte. Dieser Mann ist nicht mal fähig, Empathie zu zeigen – anscheinend ist er zu gar nichts fähig, was normales menschliches Verhalten angeht. Und sein Mundwerk funktioniert offenbar sehr viel schneller als sein Hirn: Ich kenne solche Leute, die einfach losreden, nur um etwas zu sagen – aber der Mann ist Präsident! Das geht nicht, der Typ ist völlig fehl am Platz.

Woher rührt der große Rückhalt, den Trump in den ländlichen Regionen der USA nach wie vor genießt?

Die Menschen dort sehen sein Verhalten nicht als Fehltritte, sondern erleben seine Auftritte als ihre Sprache – nicht zuletzt wie er mit Nordkorea spricht. „Ich bin Amerikaner“: Das ist die Sprache, die diese Leute verstehen – und die haben sie unter Obama immer vermisst. Dazu kommt, dass alle reichen Leute völlig auf seine Steuerreform abfahren – selbst wenn diese vor allem für Trump eine Riesengeschichte ist und ihm hunderte von Millionen an Steuerersparnissen bringt. Und wenn dann einer noch die Waffengesetze weiter lockert, sind sie völlig glücklich . . . Ich habe viele arrogante Menschen in meinem Leben kennengelernt, aber dieser Typ ist so schmerzfrei, das ist Wahnsinn . . . ich frage mich nur, wie intelligent er eigentlich ist.

Sie meinen, es fehle Trump an Verstand?

Kann man Multimillionär werden und total dumm sein? Eine gewisse Cleverness hat er zweifellos: Von Freunden, die ihn sehr gut kennen, habe ich gehört, dass er auf dem Golfplatz pfuscht – was für mich eine der größten Sünden ist. Wenn du jemanden kennenlernen willst, spiele eine Runde Golf mit ihm: Denn das ist ein Sport, wo niemand weiß, was du tust – wenn dein Ball unter einem Busch liegt, entscheidest du selbst, ob du diesen ein wenig verschiebst . . . und so einer ist Präsident von Amerika: Das geht nicht.

In Ihrem neuen Song „Babylon“ greifen Sie das Thema Trump auf mit der Frage: „Was haben wir nur falsch gemacht“ – wie lautet die Antwort?

Mich erinnert der Weltenlauf an die entspannte Fahrt in einem Auto mit 140 Stundenkilometern auf der Autobahn: Alles scheint wunderbar, doch dann haben wir auf einmal eine Ausfahrt genommen, die uns in ein Durcheinander geführt hat – und inzwischen haben wir nach dieser Ausfahrt so viele weitere Abzweigungen genommen, dass wir gar nicht mehr wissen, wo der Weg zurück zur Autobahn ist. Und das macht mir Angst, dass wir offenbar nicht mehr wissen, wie wir diesen Berg von Problemen angehen sollen.

Inzwischen leben Sie schon seit zehn Jahren wieder in Deutschland – was braucht dieses Land, damit es vorankommt?

Gregor Gysi hat gesagt: Wenn Du jemanden nach Visionen fragen willst, frage Künstler – Künstler haben ein Bild von der Zukunft. Mein Bild ist, dass wir irgendwann – in 100, 200 oder auch 500 Jahren – wirklich eine Welt sein werden. Im Moment haben wir das Problem, dass es je nach Land und Kontinent verschiedene Entwicklungsstufen gibt: Wir hier in Deutschland etwa sind der Meinung, dass Menschen gleichen Geschlechts heiraten sollen – anderswo möchte man Homosexuelle ins Gefängnis bringen. Wie sollen zwei solche Völker zusammenleben? Ich glaube, der Tag wird kommen, wo es allen gleich ist, wer wen liebt – und diese Welt in Frieden leben wird.

Eine schöne Vision für die ferne Zukunft – und was erhoffen Sie sich aktuell von der nächsten Bundesregierung?

Dass den Menschen endlich mal einer den europäischen Gedanken erklärt! Wir müssen unsere Probleme teilen: Sonst können wir Europa vergessen. Das Flüchtlingsproblem etwa kann nur gelöst werden, indem wir die geflüchteten Menschen auf verschiedene Länder verteilen – nicht zuletzt, da es für die Flüchtlinge viel besser ist, auf Europa verteilt zu leben als geballt in einem Staat. Nur dann kann Integration auch gelingen.

Wenn Sie gesellschaftskritische Themen nun in Ihren Liedern aufgreifen, sehen Sie darin dann Anstöße zum Nachdenken?

Es wäre anmaßend zu glauben, ich könne groß etwas ändern. Doch vielleicht gehen 50 Menschen aus jedem Konzert nach Hause und denken über das eine oder andere nach, was ich gesagt oder gesungen habe. Mag es bis zu einer Lösung dieser großen Probleme auch zig oder gar hunderte von Jahren dauern: Wenn wir es nicht anpacken, passiert gar nichts.

Werden Sie im Alter jetzt noch zum politischen Liedermacher oder Protestsänger?

Nein. Mein Ziel ist, dass sich meine jeweils nächste Platte gegenüber dem vorigen Album in irgendeiner Form immer einen Schritt weiterentwickelt: Sei es textlich, in puncto Arrangements oder der Kompositionen – und nicht allein kommerziell zu denken und Hits zu landen.

In Ihrer Branche geht es kaum ohne Egoismus – erlebt Ihr Umfeld Sie auch als Egoisten?

Ja – aber ich habe ein Umfeld, das mir dann sofort einen auf den Deckel gibt. Wer gewohnt ist, im Rampenlicht zu stehen, fragt sich in dem Moment, wo er nicht im Mittelpunkt steht: Warum bin ich nicht im Rampenlicht? Und dann fängt er an, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen – doch meine Familie sagt dann ganz schnell: Du bist jetzt nicht dran – und das ist gut.

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24.02.2018, 06:00 Uhr
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