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Die Angst vor der Vereinigung

Trotz Annäherung an den Süden ist die Türkische Republik Nordzypern auf Eigenständigkeit aus

Es gibt weder Direktflüge dorthin noch internationale Postzustellung. Und McDonalds hat einen Tarnnamen. Willkommen in der Türkischen Republik Nordzypern, einem Staat, dem jegliche Anerkennung fehlt.

23.10.2010

Von CHRISTOPH MAYER

Lefkosa Seit einer Stunde ist die Grenze offen. Aber frohe Gesichter sieht man nicht in Yesilirmak. "Wäre es ein Festtag, würde ich tanzen", spöttelt der alte Mann, der in einem Straßencafé des 600-Einwohner-Dorfes im türkischen Nordteil Zyperns sitzt. Gut 200 Unterschriften gegen die Grenzöffnung habe man gesammelt, erzählt er. Vergebens. Nun fürchten viele, dass es vorbei ist mit der Ruhe, dass automobile Griechen die Straße rund um die Uhr als Abkürzung nach Nikosia benutzen. Der alte Mann zückt sein Portemonnaie und zieht einen 20-Lira-Schein heraus. Nicht mal als Wechselgeld akzeptierten die Zypern-Griechen die türkische Währung, sagt er. Die Landsleute aus dem reicheren Süden hält er vor allem für eines: für arrogant.

Eine Stunde zuvor war der Ton freundlicher. Zur Eröffnung des neuen - seit 2003 nunmehr siebten - Grenzübergangs zwischen dem Norden und dem Süden der durch eine 180 Kilometer lange Demarkationslinie geteilten Mittelmeerinsel ist außer Spitzenpolitikern beider Länder auch EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle gekommen. Er nennt die Grenzöffnung einen "Meilenstein" auf dem Weg zur Lösung des Zypern-Konflikts. Nur über Umwege konnten griechische Zyprer aus dem Westen der Insel bisher in ihre Hauptstadt Nikosia gelangen, Fahrtzeit: vier Stunden. Durch nordzyprisches Terrain lässt sich die Strecke nun in 60 Minuten bewältigen.

Die warmen Diplomatenworte können nicht über die unterschiedlichen Standpunkte der einheimischen Führer hinwegtäuschen. Die Grenzöffnung sei ein Beweis, "dass griechische und türkische Zyprer in einem gemeinsamen Land leben wollen", sagt Dimitris Christofias, Präsident der Republik Zypern. Dervis Eroglu, Präsident der nur von der Türkei anerkannten "Türkischen Republik Nordzypern", spricht dagegen nur von einem "Schritt auf dem Weg zum Frieden".

Tatsächlich scheint Zypern nach 36 Jahren der Teilung von einer Wiedervereinigung weit entfernt. Der nationalkonservative Eroglu, seit April 2010 im Amt, macht sich für eine Konföderation zweier selbstständiger Staaten stark, in etwa so, wie es ein Plan des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan vorsah. 2004 fand dazu in beiden Landesteilen ein Referendum statt, es scheiterte. Die türkische Volksgruppe stimmte zwar mit 65 Prozent zu, die griechische lehnte den Plan aber mit Dreiviertelmehrheit ab. Ihnen ging die vorgeschlagene Lösung nicht weit genug.

Seitdem sitzt der Frust tief auf türkischer Seite: weil trotz Zustimmung zum Annan-Plan das Embargo gegen den Norden weiter besteht; weil der wirtschaftlich ohnehin stärkere Süden trotz Ablehnung mit der EU-Mitgliedschaft geadelt wurde; weil, so hört man die Leute sagen, die EU eh zur Garantiemacht Griechenland halte - um die Türkei aus der EU herauszuhalten. Denn eine Lösung der Zypernfrage ist Voraussetzung für Beitrittsverhandlungen. Viele Nordzyprer befürchten, dass die fast 800 000 Griechen im Falle einer Annäherung die 260 000 Einwohner zählende türkische Volksgruppe dominieren oder gar auf den Status einer Minderheit reduzieren könnten - so wie vor 1974.

Die "Türkische Republik Nordzypern", die 1983 ihre Unabhängigkeit erklärte, wünscht sich die internationale Anerkennung. Sie ist derzeit nicht absehbar. Und so bleibt der Gänsefüßchen-Staat ein Kuriosum. Aus dem Ausland nicht direkt erreichbar, weil jedes Flugzeug, das den Ercan-Airport der "Hauptstadt" Lefkosa anfliegen will, in der Türkei zwischenlanden muss; postalisch eine Nullnummer, weil auch der Weltpostverein nur den Süden anerkennt und nach Nordzypern adressierte Briefe "unzustellbar" sind; Post muss mit dem Code "Mersin 10, Türkiye" versehen werden.

Selbst McDonalds und Burger King dürfen nicht so heißen. Whopper und Co. schmecken zwar wie überall und werden aus der Türkei angeliefert: Weil griechische Zyprioten aber die Exklusivrechte für Franchise-Unternehmen auf der Insel halten, firmiert McDonalds unter dem Namen "Bigmac", Burger King heißt "Burger City".

Das Land hängt am Tropf der Türkei. Von dort kommt die Währung, von dort kommen die Waren. Und die Soldaten: 40 000 sind stationiert, überall sieht man Stacheldraht, Militärlager und martialische Denkmäler, auf denen sich bronzene Soldaten schützend vor türkische Frauen und Kinder stellen.

600 Millionen Dollar hat die Türkei 2009 an Transferleistungen überwiesen. Das Geld fließt unter anderem in einen aufgeblähten Staatsapparat, die Beamten-Quote liegt bei 18 Prozent. Mittlerweile ist der Türkei die Bruderhilfe zunehmend lästig, Subventionen wurden gedrosselt. Dafür sprießen Spielcasinos aus dem Boden, fast jedes Hotel hat eines. Da Glücksspiel in der Türkei verboten ist, strömen Anatolier ins Land, um zu zocken. Und Touristen: aus Russland, Israel, England.

Augenfälligstes Beispiel für die zyprische Teilung ist die Geisterstadt Varosha. Der ehemalige Jet-Set-Stadtteil von Famagusta, das seit der türkischen Besetzung Gazimagusa heißt, war Anfang der 70er Jahre das Touristenzentrum der Insel: 118 Hotels, 10 000 Betten, 3000 Läden, alle in griechisch-zypriotischem Besitz. Beim Einmarsch der türkischen Armee flohen die Bewohner, seitdem ist Varosha militärische Sperrzone und verfällt.

Fraglich, ob es überhaupt eine türkisch-zypriotische Identität gibt. Nicht zuletzt wegen der 70 000 anatolischen Bauern, die nach 1974 im Norden angesiedelt wurden. Selbst Präsident Eroglu räumt im Gespräch ein, dass er sich als Türke fühlt. "Zypern ist nur ein geographischer Begriff." Würde er, so er einen Sohn im heiratsfähigen Alter hätte, dessen Vermählung mit einer Griechin zustimmen? Eroglu lächelt diplomatisch: "Gegen eine Heirat mit einer Deutschen hätte ich nichts einzuwenden. Bei einer Griechin hätte ich große Probleme."

Grenzöffnung im Nordwesten der geteilten Insel: Der zyprische Präsident Dimitris Christofias (Mitte) und der Führer der türkischen Zyprer, Dervis Eroglu (Zweiter von links), lassen zwei Friedenstauben in die Luft flattern. Links EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle, rechts zwei UN-Vertreter. Foto: Christoph Mayer

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Erstellt:
23. Oktober 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Oktober 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2010, 12:00 Uhr

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