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Kommentar

Troia steckt im tiefen Tal

Was ging da ab! Als 2001 in Stuttgart die große Troia-Schau lief, eröffnet vom deutschen und dem türkischen Staatspräsidenten, da waren das Thema Troia und der Tübinger Archäologe Manfred Korfmann in aller Munde. Die Menschen standen Schlange vor dem Ausstellungsgebäude beim damals noch völlig unversehrten Hauptbahnhof. Dann, als sich Manfred Korfmann und sein Tübinger Antipode Frank Kolb giftig über die Bedeutung und Größe der antiken Ruinenstadt stritten, und das auch noch während eines Symposiums in der Neuen Aula, waren die Gazetten voll mit dem Stoff.

29.05.2012

2004 brachte Wolfgang Petersen seinen Kinofilm über Troia mit Brad Pitt heraus. Troia, wegen Homers Ilias und Schliemann Lieblings-Archäologie-Ort der Deutschen, war im Hoch, die Ausgrabung stieß auf großes Interesse.

Danach ebbte die Aufmerksamkeit ab. Als vier Jahre später Raoul Schrott Troia nach Karatepe in Kilikien verlegte und Homer kühn als griechischen Schreiber in assyrischen Diensten beschrieb, war Troia schon nicht mehr im Fokus.

Inzwischen befindet sich das Thema in einem Tal, das tiefer ist als der Graben, den Schliemann durch die Zitadelle schlug. Weil Daimler nicht mehr sponsert, schrumpfte die ehemalige Großgrabung zu einer Grabung mittlerer Bedeutung. Der Hype ist vorbei, vielleicht auch deswegen, weil Korfmanns Nachfolger Ernst Pernicka, ein nüchterner Naturwissenschaftler, Abstand davon nahm, seine Forschungen mit dem Homer-Stoff zu verquicken.

Korfmann war es daran gelegen, die Historizität des Trojanischen Kriegs zu belegen, was allerdings weniger mit archäologischen Fakten als mit philologischen und geschichtlichen Mitteln (Hethiter-Keilschriften!) gelang. Gerade das Spiel mit Fiktion und Realität war das Besondere an der Troia-Grabung. Das faszinierte die Menschen.

Heute führt Troia eine Randexistenz in der archäologischen Wahrnehmung. Selbst die Internet-Seite des Troia-Projekts ist nicht mehr aktuell. Das Universitätsmuseum vernachlässigt das Thema sträflich. Die Sammlung im Schloss zeigt ein paar Funde von Schliemann, der Verlauf und die Ergebnisse der Korfmann-Grabung bleiben unerwähnt. Der Name Pernicka kommt überhaupt nicht vor.

Eine Schande, dass das größte und teuerste archäologische Uni-Projekt aller Zeiten im eigenen Haus ein Schattendasein führt. Es fehlt an Unterstützung. Es fehlt an Interesse. Rektor Bernd Engler konzentriert sich auf andere Themen.

Sonst hätte es bestimmt eine Tübinger Lösung für die Nachfolge Pernickas gegeben. Die Uni beraubt sich eines ihrer Alleinstellungsmerkmale, sie verschenkt internationale Aufmerksamkeit. Korfmann, wenn er es erlebt hätte, würde zürnen wie einst Achill im Schiffslager vor Troia.

RAIMUND WEIBLE

Ende einer Ära: Pernicka gibt Lizenz als Ausgräber von Troja ab 26.05.2012

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Erstellt:
29. Mai 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Mai 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2012, 12:00 Uhr

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