Burladingen

Trigema: Ohne Erdgas geht es nicht

Trigema in Burladingen erzeugt seinen eigenen Strom – allerdings mit Erdgas. Wie viele andere Hersteller auch versucht das Unternehmen in der Krise zu sparen, wo es kann. Doch ausgerechnet bei der zentralen Ressource gibt es Limits: Wenige Prozent weniger Gas schon, und die Branche kommt ins Schleudern, sagt Trigema-Manager Wolfgang Grupp Junior.

13.10.2022

Von Eike Freese

Näher bei der Arbeit. Bild: Bernhard Schmidt/Unternehmen

Näher bei der Arbeit. Bild: Bernhard Schmidt/Unternehmen

Alles hängt am Gas. Das läuft in jeder größeren Produktion von Textilien so, und in Burladingen ist das nicht anders. In Burladingen hängt sogar der Strom am Gas – zumindest der selbstproduzierte. Trigema, für viele Deutschlands vermutlich deutschester unter den prominenten Modeherstellern, macht aus seiner Erdgas-Turbine Strom für die Eigenversorgung. Eigentlich eine tolle Idee, Strom als Abfallprodukt zu nutzen. Doch aktuell weist dieser Strom nur auf das Kernproblem hin: das Erdgas, die politische Krise, die dahintersteckt, und die unsicheren Zukunftsaussichten, die das für Unternehmen und jeden einzelnen Verbraucher mit sich bringt.

„Unsere Kunden haben ja selbst mit viel höheren Ausgaben in jedem Bereich zu kämpfen“, sagt Wolfgang Grupp Junior, Manager im Betrieb seines prominenten Vaters. „Wir sollten nicht riskieren, dass sie bei uns sparen.“ Mode im Segment von Trigema steht unter hohem Preisdruck. Von unten kommen nicht nur die Energiekosten, sondern auch etwa die Preise für Garn, allein die sind in den vergangenen Monaten extrem gestiegen. Von oben drückt der Kunde, der ebenfalls weniger Geld in der Tasche hat und nicht mehr für seinen Pullover bezahlen will – denn sonst trägt er seinen alten einfach noch ein Jahr länger.

Spätestens seit dem Frühjahr gibt es deshalb neue Notfallpläne in Burladingen. Notfallpläne, die glücklicherweise noch nicht alle in Kraft sind. Das, was bei Trigema derzeit als Worst Case gehandelt wird, ist eine Gas-Mangellage von „20 bis 25 Prozent“, die man einsparen müsste, so Wolfgang Grupp Junior. Soweit ist man noch nicht, doch bereits jetzt spart man, wo man kann. Bei den Farben etwa: Manche Polyester-Anfärbungen sind deutlich energieintensiver zu verarbeiten, und auf die wird aktuell großteils verzichtet.

Die Färbe- und Veredelungs-Maschinen bei Trigema arbeiten sind die großen Gasfresser in der Produktion. „Diese Maschinen arbeiten mit extrem viel Dampf – und den kreiert man aktuell am effizientesten mit einer Gasturbine“, so Grupp Junior. Mit den aktuellen Umstellungen etwa bei den Betriebsabläufen spare man fünf bis zehn Prozent ein. Das sei schon einiges – und nicht selbstverständlich. Denn jedes Sparen hat auch eine Auswirkung auf der Angebotsseite des Unternehmens, etwa bei der Vielfalt der Produkte. Deshalb, so Grupp, habe man solche Maßnahmen vor der Russland-Krise nicht umgesetzt.

Jetzt aber ist der schnelle „Fuel Switch“ unabdingbar. Trigema hat bereits einen Kessel bestellt, der neben Gas auch mit Öl arbeiten kann. „Wir brauchen als Unternehmen die Gewissheit, dass wir im Falle einer Knappheit in diesem oder nächsten Winter weiterarbeiten können“, so Grupp Junior. Ganz weg von den Fossilen, so glaubt man im Haus, geht es in der Textilindustrie vielleicht nie.

Langfristig, so der Trigema-Manager, sei durchaus vorstellbar, dass man Gasturbinen einmal mit erneuerbarem Strom koppele. Bislang ist bei Trigema die Gasturbine immerhin ans übrige Netz gekoppelt. „Bei uns ist das ein sehr effektives System aus Dampf, Wärme und Strom“, so Grupp Junior. „Aber eben nicht autark, sondern abhängig vom Erdgas.“

Bei Trigema hofft man bei aller außenpolitischen Unsicherheit mindestens auf eine Produktions-freundlichere Wirtschaftspolitik im Inneren. Bei den Maßnahmen schon in der Corona-Zeit, findet Grupp Junior, habe sich gezeigt, dass Produktion selber gar nicht (mehr) im Fokus der Wirtschaftspolitik liege. Die damaligen Home-Office-Regelungen hätten die Bedürfnisse der Industrie kaum bedacht, aktuelle Ideen wie das 9-Euro-Ticket liefen am produzierenden Gewerbe komplett vorbei. „In der Fläche können leider nicht viele mit dem ÖPNV zur Arbeit kommen“, so Grupp Junior.

Immerhin hätten die letzten Jahre gezeigt, dass internationale Lieferketten ihre Probleme haben, vor allem auch, wenn sie durch politisch instabile Regionen führen. In Branchen wie der Batterie- oder Chipfertigung ist die heimische Produktion aktuell wieder zu einer kleinen Renaissance gekommen. Anderswo auch? „Ich hoffe, dass diese Renaissance kommt“, so Wolfgang Grupp Junior: „Aber die muss auch bewusst gefördert werden.“

Trigema Der Ein-Mann-Mittelständler?

Trigema ist einer der prominentesten deutschen Modehersteller. Grund ist nicht zuletzt der medienaffine Inhaber Wolfgang Grupp Senior, der das 1200-Mitarbeiter-Unternehmen in dritter Generation weiter als „eingetragener Kaufmann“ führt. Hauptstandort ist Burladingen, von dort aus wird Sport- und Freizeitbekleidung sowie Tag- und Nachtwäsche produziert. Fürs Jahr 2020 kursiert eine Zahl von 122 Millionen Euro als Umsatzhöhe. Trigema wickelt alle Produktionsstufen vom Garn aufwärts im Haus ab, die Wertschöpfung liegt bei knapp 80 Prozent. Mit Wolfgang Grupp Junior und Bonita Grupp arbeiten Sohn und Tochter des Inhabers im Management.

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Erstellt:
13.10.2022, 13:36 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 16sec
zuletzt aktualisiert: 13.10.2022, 13:36 Uhr

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