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Destruktive Kraft der Gier

Trickfilmfest: Der Tübinger Hannes Rall hat Hauffs "Kaltes Herz" verfilmt

Acht Jahre lang hat der Tübinger Hannes Rall, neben seinem Hauptberuf als Professor in Singapur her, an dem Trickfilm „Das kalte Herz“ gearbeitet. Am Samstag hat der 30-Minüter beim Stuttgarter Trickfilmfest Premiere.

26.04.2013

Von Klaus-Peter Eichele

Trickfilm vom Tübinger Hannes Rall - "Das kalte Herz" nach Wilhelm Hauff
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Trickfilm vom Tübinger Hannes Rall - "Das kalte Herz" nach Wilhelm Hauff --

01:37 min

Rall ist im Unterjesinger Schulhaus aufgewachsen, wo er über seinen Großvater, der dort Lehrer war, schon früh mit Mythen und Sagen in Berührung kam. In den achtziger Jahren lernte er an der Stuttgarter Kunst- und später an der neugegründeten Ludwigsburger Filmakademie das Trickfilm-Handwerk. Nach zwei preisgekrönten Kurzfilmen – „Der Rabe“ nach Edgar Allan Poe und „Der Erlkönig“ nach Goethe – ging er 2005 als Professor nach Singapur, wo er seitdem junge Asiaten mit den praktischen Grundlagen des Animationsfilms vertraut macht.

In diesem Jahr entstanden auch das Drehbuch und die ersten Bild-Entwürfe für „Das kalte Herz“. Das Märchen von Wilhelm Hauff, erzählt Rall, habe ihn schon in seiner Kindheit fasziniert – speziell die Figur des Holländer-Michel, „einer der interessantesten Bösewichte der deutschen Literaturgeschichte.“

Ein in warmem Rot gehaltenes Szenebild aus Hannes Ralls Hauff-Verfilmung „Kaltes Herz“.

Ein Anhänger des Handgemachten

Eher zufällig ergab sich, dass das Grundmotiv der Geschichte, die destruktive Kraft der menschlichen Gier, im Zuge der Finanzkrise zum Top-Thema gedieh. Es geht um einen Schwarzwald-Köhler, der sein „elend Leben“ satt hat. Ein Deal mit zwei Waldgeistern, einem guten und einem bösen, soll ihm Reichtum und soziale Anerkennung bringen. Doch der Schuss geht – zumindest moralisch – nach hinten los. Aus dem gutmütigen Leichtfuß wird ein monströser Geizhals, der sogar über Leichen geht.

Da Rall ein Anhänger des handgemachten Trickfilms ist, war an eine schnelle Umsetzung nicht zu denken. Um die 20000 Bilder wurden, von ihm selbst und fünf Mitarbeitern, im Lauf der Jahre mit Bleistift und Pinsel auf Papier gezeichnet. Danach kam am Computer die Farbe hinzu. Für die exquisite Farbdramaturgie konnte der Regisseur die langjährige Disney-Fachkraft Hans Bacher („Mulan“) gewinnen, dessen „Color Script“ sich an expressionistischen Gemälden und traditionellen Schwarzwaldtrachten orientiert hat.

Auch für Rall ist der deutsche Expressionismus in Kunst (Ernst-Ludwig Kirchner) und Film (Friedrich Wilhelm Murnau) eine der wichtigsten Inspirationsquellen. Daneben ist der 48-Jährige ein großer Fan der Trickfilm-Pionierin Lotte Reiniger. Wie das Werk der 1981 in Dettenhausen verstorbenen Scherenschnitt-Künstlerin („Die Abenteuer des Prinzen Achmed“) sind Ralls Filme holzschnitthaft und teilweise abstrakt. „Reiniger hat nie versucht, die Realität nachzuahmen, sondern ihre ureigene künstlerische Wirklichkeit erschaffen. Deswegen sehen ihre Filme auch heute noch gut aus“, sagt er. Tübingen könne sich glücklich schätzen, diesen „Weltschatz des Animationskultur-Erbes“ zu beherbergen.

Ralls Reiniger-Verehrung sieht man dem „Kalten Herz“ durchaus an, allerdings eignet dem Film auch eine beinahe rauschhafte Dynamik. Zum Genießen der einzelnen Bilder, die oft ohne Schnitt ineinander fließen, bleibt nicht viel Zeit. Deswegen spielt Rall mit dem Gedanken, die Zeichnungen später einmal als Graphic Novel zu veröffentlichen. Eines seiner vielen anderen anstehenden Projekte ist die abendfüllende Verfilmung der Nibelungen-Sage, inspiriert von Fritz Langs Klassiker aus den zwanziger Jahren.

Hannes Rall konzentriert am Trickfilmtisch.Archivbild: Metz

Im Sommer auch in Tübingen zu sehen

Im Juni oder Juli will Rall „Das kalte Herz“ auch in Tübingen zeigen – vielleicht wird das dann sogar die eigentliche Uraufführung. Denn beim Stuttgarter Trickfilmfest kommt am Samstag (17 Uhr, Kino Gloria) „nur“ die englisch synchronisierte Version zum Zug; die deutsche Originalfassung mit dem 2009 gestorbenen Karl-Michael Vogler („Kara Ben Nemsi“) als Sprecher harrt noch ihres Premierentermins.

Unser Walt Disney heißt Lotte: „Tanz der Schatten“ – ein Forschungsfilm der Tübinger Medien-Wissenschaftler 25.07.2012 Aus Liebe zur Handarbeit: Tübinger Trickfilmer erweckt Goethe, Poe und Wilhelm Hauff zu Leinwand-Leben 05.05.2010

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Erstellt:
26. April 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. April 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. April 2013, 12:00 Uhr

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