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Traktoren, Vieh und Hungerstreik
Offiziell das Ohr am Volk: Russlands Präsident Wladimir Putin auf Reise in den Osten des Landes. Foto: dpa
Russische Landbevölkerung macht im Vorfeld der Parlamentswahl mobil

Traktoren, Vieh und Hungerstreik

Vor den Duma-Wahlen häufen sich die Versuche von Provinzrussen, auf ihre Nöte aufmerksam zu machen. Unruhen sind aber kaum zu erwarten.

27.08.2016
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Am Donnerstag führte Bäuerin Anastasija Gordijenko ein Kalb zum Bürgerbüro des russischen Präsidenten in Omsk. Sie wolle das Tier Wladimir Putin schenken. Die staatliche Rosselchosbank habe ihr und ihrem Mann einen Kredit verweigert, sodass sie dieses Jahr nichts aussähen konnten. Mangels Futter seien sie gezwungen, ihr Vieh zu schlachten. „Das Kalb will leben, darum schenken wir es dem Präsidenten. Er findet schon etwas, um es zu füttern.“ Ein Vertreter der Omsker Regionalregierung erklärte daraufhin, Gordijenkos Aktion sei wohl ein Versuch, während des Wahlkampfs bei den Behörden Vorteile herauszuschlagen.

Am 18. September findet in Russland die Parlamentswahl statt. Und tatsächlich scheinen sich die Versuche der russischen Bevölkerung zu häufen, im Vorfeld auf ihre Nöte aufmerksam zu machen. Im Grubenstädtchen Gukowo in der Region Rostow gingen am Montag mehr als 60 Bergleute in den Hungerstreik, seit mehreren Monaten warten 5000 Kumpel in der Region auf die Auszahlung ihrer Löhne durch vier in Konkurs gegangene Kohlebergwerke. Der Gouverneur von Rostow sicherte den Streikenden die Auszahlung von 50 Millionen Rubeln zu, die aber pochen auf insgesamt 300 Millionen Rubel Gehalt, umgerechnet über 4,1 Millionen Euro.

Anfang der Woche starteten Dutzende Bauern aus dem Nachbargebiet Krasnodar einen Traktorenmarsch nach Moskau. Sie wollten sich bei Putin persönlich über Korruption, Beamtenwillkür und feindliche Übernahmen kleiner Farmen in ihrer Region beschweren. Fernfahrer begleiteten sie, die Kleinfuhrunternehmer protestieren schon seit Herbst gegen ein neues Mautsystem. Aber 40 Teilnehmer des Protestzuges wurde am Dienstag an der Autobahn im Gebiet Rostow von der Polizei festgenommen, andere mit Geldstrafen nach Hause geschickt.

Am Druck von oben scheiterte vergangene Woche auch eine in Simferopol unter dem Motto „Betrogene Krim“ geplante Demonstration. Deren Organisatoren wollten einen Besuch Putins nutzen, um gegen korrupte Beamte, überhöhte Preise und privatisierte Strände zu protestieren. Die Behörden verlegten den Ort der Kundgebung mehrfach, die 200 Leute, die schließlich erschienen, wurden von der Polizei auseinandergejagt, zwei Organisatoren wurden festgenommen.

Auch statistisch gesehen wächst die Unzufriedenheit. Nach einer August-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada beklagen 34 Prozent der Bevölkerung, die Regierung sorge sich nicht um den sozialen Schutz der Bürger, 27 Prozent glauben, ihre Minister seien korrupt und handelten in erster Linie im eigenen Interesse. Gerade erst kündigte die Regierung an, die Renten dieses Jahr nicht wie versprochen automatisch an die Inflation anzupassen, sondern die Ruheständler mit einer einmaligen Abschlagszahlung von knapp 70 Euro abzufinden.

Aber kaum ein russischer Experte erwartet Massenunruhen. Nach einer anderen Lewada-Umfrage vom Mai sind nur 11 Prozent der Russen bereit, aus Protest auf die Straße zu gehen. „Es kann Demonstrationen in sogenannten Mono-Städten geben, wenn dort der einzige Industriebetrieb dicht macht“, sagt der Petersburger Wirtschaftswissenschafter Dmitri Trawin. „Aber diese Proteste werden lokal bleiben.“ Die Finanzprobleme seien ernst, aber die Menschen in den Metropolen Moskau und Sankt Petersburg hätten Arbeit und Einkommen, lebten besser als in den 90er Jahren. „Und der russische Staat ist im Gegensatz etwa zur Ukraine straff zentralisiert, er lässt nicht zu, dass Demonstranten zentrale Plätze wochenlang besetzt halten. Proteste werden lokal bleiben oder ganz unterdrückt werden.“

Auch Anastasija Gordijenko hatte mit ihrem Kalb für Wladimir Putin in Omsk wenig Erfolg. Die Mitarbeiter seines Bürgerbüros weigerten sich, das Geschenk anzunehmen und versperrten die Tür.

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27.08.2016, 06:00 Uhr
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