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"Tour de Toilette" in Berlin: Wohin der Kaiser zu Fuß ging . . .

Von JOANNA STOLAREK

Eine gewöhnliche Stadtführung reißt keinen Touristen mehr vom Hocker. Originalität ist gefragt. Wie bei der "Tour de Toilette" in Berlin. "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin . . ." - über zehn Millionen Menschen haben es in diesem Jahr schon getan und besuchten die Hauptstadt. Wer sich dort auf Entdeckungsreise begeben möchte, egal ob als Einheimischer oder Tourist, findet eine riesige Auswahl an verschiedenen Stadtführungen. Niemand vermag es genau zu sagen, wie viele Touren es tatsächlich gibt. Originell und schräg sind die meisten davon: Sie reichen von Sightjogging und Unterweltspaziergängen, über die DDR-Trabi-Safari und spezielle Besichtigungen für Plüschtiere bis hin zur "Tour de Toilette".

Berlin Diese hat Anna Haase neben zig anderen im Angebot. Die Stadtführerin wollte ein Tabu brechen, außerdem findet sie, dass die Geschichte der Berliner Toiletten etwas vom Alltag der Menschen erzählt. Sie recherchierte gründlich und trug Erstaunliches und Kurioses zusammen. Durchschnittlich sechs Mal am Tag führt der Weg zum stillen Örtchen, in Berlin kann dabei zwischen 375 öffentlichen Toiletten ausgewählt werden. Mal zeigt sich das Örtchen in Luxusvariante, mal denkmalgeschützt oder modern zweckmäßig eingerichtet. Fast überall erwarten den Besucher Hygieneinspekteure, wie die Toilettenfrauen jetzt genannt werden.

Kostenfreie WCs sind dabei selten zu finden, eins davon ist das grüne Toilettenhäuschen von 1876, das so genannte "Cafe Achteck" am Gendarmenmarkt, wo die Tour beginnt. Sieben Männer fanden dort gleichzeitig Platz, die achte Gebäude-Ecke war der Eingang. "Auf eine kleine aufgemalte Fliege im Pissoir sollten die Herren zielen", erklärt Anna Haase. Diese Toilette und manch eine andere waren ursprünglich nur für Männer gedacht, Frauen mussten sich ins Gebüsch verdrücken. Erst um 1900 gab es auf den Plätzen der Stadt auch Damen-WCs.

Die originalgetreu restaurierte Toilette Kaiser Wilhelms II. befindet sich samt Marmorpissoirs neben dem Kaisersaal am Potsdamer Platz und ist einer der Höhepunkte der Tour. Genauso wie die kuriose Tatsache, dass aus dem ehemaligen WC am KaDeWe inzwischen eine denkmalgeschützte Pizzeria wurde. Wo früher Urinale waren, steht jetzt ein Ofen. Na dann . . .


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26.08.2011 - 12:00 Uhr