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Toleranz im Kriegsgebiet
"Nathan der Weise" in Stuttgart: Peter Kurth in der Titelrolle und Katharina Knap als Daja. Foto: Bettina Stöß
Schauspiel Stuttgart und Nationaltheater Sibiu zeigen den Lessing-Klassiker "Nathan der Weise" dreisprachig

Toleranz im Kriegsgebiet

Wie steht s mit der Toleranz, wenn draußen Krieg ist? "Nathan der Weise" im Krisengebiet: Die Theater Stuttgart und Sibiu arbeiten Hand in Hand.

19.03.2016
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart. Immer wieder Sirenen, Maschinengewehre, Detonationen, Bombenalarm, Rauchwolken - wir sehen Menschen, die Zuflucht suchen in einer halb zerschossenen Hotellobby. Und es dauert nicht lange, bis irgendein Fanatiker auch die Bibliothek im Foyer zerstört. Zudem herrscht Sprachengewirr - die Leute reden rumänisch, englisch und deutsch. "Babylon" heißt einer der Szenentitel, mit denen Regisseur Armin Petras Lessings Klassiker gliedert, "Suffer", "Secret" und "Deal" folgen. "Nathan der Weise" als polyglotter Film-Krimi im Schauspielhaus? Vielleicht, doch die Lobby mitten in einer Kampfzone ist auch ein Ort relativer Ruhe. Während die Menschen sich streiten, hassen und begehren, sitzt seitab ein Musiker (Marius Mihalache) und spielt unbeirrt leise Evergreens wie "Hava nagila" auf dem Hackbrett, hochvirtuos dahingezaubert. Doch das alles wirkt in dem Kriegs-Wartesaal zunehmend unwirklich. Bis auch der Musiker kurz die Nerven verliert und "Those Were The Days" zu einem wilden Verzweiflungsanfall steigert. Ein verrückter, beklemmender Moment.

Regisseur Armin Petras stellt in dieser Koproduktion des Schauspiels Stuttgart mit dem Nationaltheater Radu Stanca Sibiu (Rumänien) eine große Frage: Wird Nathans Plädoyer für ein vorurteilsfreies Nebeneinander der Religionen nicht täglich widerlegt von Terror, Krieg und religiösem Fanatismus? Nun ist Lessings Schlüsselwerk der Aufklärung lange als Edel-und-Gut-Predigt zelebriert worden - jedes Wort eine salbungsvolle Weisheit. Anders Armin Petras.

Seine Regie wirkt eher wie eine Feuerprobe. Die Konflikte sind hart und bitter. Nathan ist bei Peter Kurth nur äußerlich ein cooler Business-Typ mit Geldkoffer. Dahinter verbirgt sich ein klug gewordener Mann, der trotz aller Schicksalsschläge immer wieder aufsteht.

Die viel zitierte Ringparabel ist in Petras Regie weniger Ausdruck von Weisheit, sondern ein schlauer Ausweg aus gefährlicher Lage. Die rumänischen Darsteller vom Nationaltheater Sibiu bringen viel glühende Intensität ins Spiel. Recha, Nathans Ziehtochter, ist bei Ofelia Popii eine Traumatisierte, getrieben vom ewigen "Sturm im Herzen". Und Ciprian Scurtea gibt seinem Tempelherrn mit Lederjacke, schwarzer Terrorfahne und Hassgebrüll viel aktuellen Furor mit auf den Weg. Weil Petras das Lessing-Personal gelichtet hat, muss Katharina Knaps Gouvernante Daja als militante Christin die Hetzparole des Patriarchen "Der Jude wird verbrannt" übernehmen.

Immer wieder treibt Petras das Spiel ins Absurde und zeigt Menschen, die im Krieg um ihre gefährdete Identität kämpfen. Da hilft auch Lessings finaler Kniff, dass alle nur eine große Familie sind, nichts mehr. Während Nathan auf Großvideo in die Nacht flieht, versucht sich Horst Kotterbas zynischer Saladin als Rocker - und brettert auf der E-Gitarre "Highway to Hell". Bis der Hackbrett-Spieler ihm den Ton abdreht. Fazit? Fast alle Fragen offen. Und endenwollender Beifall.

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19.03.2016, 08:30 Uhr
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