Schauspiel

Theater und Leben, ganz nah beieinander

Stuttgart zeigt „Der Besuch der alten Dame“ – verknüpft mit der Geschichte der Hauptdarstellerin.

28.09.2020

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Evgenia Dodina erzählt auch ihre eigene Geschichte. Foto: Julian Baumann

Stuttgart. Drei Männer plaudern am Rand eines Abgrunds, denken zurück an eine gemeinsame, aus der Stadt vertriebene Bekannte – bis diese aus der Tiefen nach oben gehievt wird: die erinnerte Frau, an einem Flügel, traumverloren. Nicht schlecht, dieser Einstieg, ein starkes Bild für die Wiederkehr einer verdrängten Vergangenheit. Wir sehen „Der Besuch der alten Dame“, Regie führt Intendant Burkhard C. Kosminski. Am Samstag feierte die „tragische Komödie“ vor coronagemäß rund 170 Zuschauern Premiere.

Dürrenmatt versus Dodina. So ließe sich der 90-Minuten-Abend kurz beschreiben. Denn Kosminski verknüpft zwei Erzählungen. Zum einen Friedrich Dürrenmatts Stück über Claire Zachanassian – die ehedem Ausgegrenzte kehrt als reiche Frau in ihre Heimat Güllingen zurück und verlangt dort gegen eine Milliardenspende die Tötung ihres früheren Geliebten, der sie gedemütigt hat. Zum andern ist da die Biografie der Evgenia Dodina – die aus Belarus stammende israelische Schauspielerin, neu im Ensemble, schildert ihre Familienhistorie, die von Mogilew über Leningrad, Moskau, Usbekistan bis nach Tel Aviv führte und auch von Krieg, Vertreibung und Flucht erzählt.

Dürrenmatts Stück und Dodinas Geschichte, Fiktion und Wirklichkeit, Tragikomik und Familienepos wechseln sich ab. Ein Detail hat die Regie verändert: Zachanassian hieß im Original einst Kläri Wäscher, hier dagegen Goldberg. Jüdische Herkunft und hebräische Sprache stiften in Kosminskis Regie Brücken zwischen Figur und Darstellerin. Vorsicht Klischeegefahr, ließe sich einwenden, doch die Bezüge von Theater und Realität bleiben unausgesprochen. Zudem hat die Regie den Stücktext erheblich gekürzt. Klamaukige Nebenfiguren, Presseschelte: alles gestrichen.

Dagegen bleibt der sprechende Name der verschuldeten Stadt. Wie die Bürger sich von Zachanassians Milliarden kaufen lassen, um deren Ex-Lover Ill zu töten, das schildert Kosminski kühl und abstrahiert auf einem leeren Spielfeld. Ständig flattern Banknoten vom Bühnenhimmel. Ill (Matthias Leja) wehrt sich, resigniert und schaufelt sich sein eigenes Grab, in dem er dann (ohne Körperkontakt) von seinen Mitbürgern zu Tode gesteinigt wird. Lehrstück über korrupte Moral oder Kapitalismus-Satire? Das lässt die kluge Regie offen. Grandios Evgenia Dodina: Sie spielt Zachanassian (deutsch, teils hebräisch) als verletzte Seele, fragil und rachsüchtig, trauernd wie unerbittlich. Ihre eigene Familiengeschichte aber erzählt Dodina in Ivrit, ruhig, undramatisch – und gerade deshalb bewegend. Großer Beifall. Otto Paul Burkhardt

Info Weitere Termine am 28. September, 1. bis 3., 5. bis 7. Oktober.

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Erstellt:
28. September 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
28. September 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. September 2020, 06:00 Uhr

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