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Theater mit der Philosophen-Witwe
Als Andreas Maier in den späten 80ern an der Goethe-Universität studierte, gab es noch keine Credit Points. Foto: Karin Hill / picture alliance
Literatur

Theater mit der Philosophen-Witwe

Andreas Maier setzt seine Autobiografie mit einem Rückblick auf die Frankfurter Studienjahre fort. „Die Universität“ heißt der Roman: Große Dichtung.

22.02.2018
  • GEORG LEISTEN

Frankfurt. Sie schimpft ihn „Hornochse“, „Idiot“ oder „Arschloch“, sie zerkratzt ihm die Arme und ist auch sonst nicht besonders umgänglich. Aber sie trägt einen großen Namen. Anfangs denkt der junge Mann, der zur Finanzierung des Studiums bei einem Pflegedienst anheuert, an einen Zufall. Doch dann stellt er fest, dass es tatsächlich Gretel Adorno ist, die er waschen, anziehen und in den Rollstuhl setzen soll: die Witwe des Philosophen Theodor W. Adorno.

„Die Universität“ heißt das neue Buch von Andreas Maier, der nunmehr sechste Teil des auf elf Teile angelegten autobiografischen Romanprojekts „Ortsumgehung“. Im Vorgängerband „Der Kreis“ haben wir das Erzähler-Ich als Provinz-Gymnasiasten in der hessischen Wetterau verlassen. Fungierten dort die elterliche Bibliothek und das Schülertheater als erste Initiationsstufen in die Literatur, setzt Maiers Alter Ego den Lebensweg in die Welt der Bücher nun in der pulsierenden Main-Metropole Frankfurt fort.

Die Welt der 80er

Zwischen Hegel-Vorlesungen oder Seminaren über Wahrheitstheorie erprobt der Philosophie- und Germanistikstudent, der ein bisschen zu oft zur Bierflasche greift, sein erwachendes literarisches Talent in ersten Schreibversuchen. Kein Bachelor, keine Module, keine Credit Points – die akademische Welt der späten 80er Jahre, in die das Buch eintaucht, ist eine entspanntere als die heutige. Ihre inneren Strukturen gelten aber noch immer. Pointiert werden Rituale und soziale Hackordnung in den Lehrveranstaltungen geschildert.

Es gibt die Schüchtern-Stummen, die Eifrigen, die hastig ihre Statement loswerden wollen, die naiv Fragenden und die profunden Kenner, die warten, bis sie vom Professor nach ihrer Einschätzung des Themas gefragt werden. Äußerlich ist „Die Universität“ einmal mehr ein schmales Werk, dessen Lektüre nur ein kurzes Lesewochenende füllt. Doch die wortreiche Präzision der Beobachtungen, die Maier über sich und andere anstellt, macht die knapp 150 Seiten angenehm und bereichernd. Und diesmal findet der Autor auch zu einer Komik, wie sie angesichts der analytischen Schonungslosigkeit seiner Selbsterkundungen zuvor kaum möglich schien.

Da ist zum Beispiel der so genannte Hegel-Japaner. Die Karikatur eines Hochschul-Nerds, der stinkt, dem ein Zahn fehlt und den niemand versteht: „Ich konnte in seinem Vokabelbrei kaum Wortgrenzen isolieren.“ Oder jener seltsame Internist. Im Reden macht er lange Pausen – als hätte er eine Beruhigungstablette zu viel genommen. Maier sucht ihn wegen nervöser Magenschmerzen auf und verlässt die Praxis mit der Empfehlung, nach dem Mittagessen Alkohol zu trinken.

In dem minimalistischen Dialog-Ping-Pong mit dem Mediziner fällt auf, wie Maier sich dem Tonfall seines damaligen Vorbildes Samuel Beckett annähert. Aus Becketts absurdem Theater könnte auch Gretel Adorno in ihrer Mischung aus körperlicher Hinfälligkeit und tyrannischer Herrschsucht entsprungen sein. Zwischen der verwirrten Greisin und ihren studentischen Pflegern spielt sich eine Art Herr-und-Knecht-Drama ab, in dessen Verlauf die halbe Bibliothek verschwindet.Es gehört zu den Eigenheiten des autobiografischen Genres, dass sich Reales im schreibenden Rückblick mit der Fiktion überlagert und die Grenzen zwischen beidem aufweichen. Andere Meister des Fachs von Elias Canetti bis Karl Ove Knausgard verfahren nicht anders.

Was wann wirklich wie passiert ist, spielt nur eine Nebenrolle, wenn aus Lebenswahrheit Dichtung wird. Im Fall von Andreas Maier große Dichtung.

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22.02.2018, 06:00 Uhr
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