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Das Wunder von Den Haag

"The Court": Am Mittwoch hatte der erste Tübinger Film mit Angelina Jolie Premiere

Seit elf Jahren haben rabiate Diktatoren und blutrünstige Warlords ein Problem. Am 1. Juli 2002 formierte sich in Den Haag der Internationale Strafgerichtshof (ICC), der Völkermord und Kriegsverbrechen über Staatsgrenzen hinweg verfolgt. Die Tübinger Marcus Vetter und Michele Gentile haben ihm einen Dokumentarfilm gewidmet.

29.04.2013

Von Klaus-Peter Eichele

Jetzt im Kino: Tübinger Film mit Angelina Jolie gegen Kriegsverbrecher - "The Court"
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Jetzt im Kino: Tübinger Film mit Angelina Jolie gegen Kriegsverbrecher - "The Court" --

02:25 min

Der Türöffner war "Das Herz von Jenin". Luis Moreno Ocampo, bis Juni 2012 Chefankläger in Den Haag, war von Vetters preisgekrönter Doku über einen Hoffnungsschimmer im Nahost-Konflikt so angetan, dass er den Tübinger vor vier Jahren in sein Büro bat. Ob Vetter sich vorstellen könne, einen Film über die Arbeit des ICC zu machen, wollte der Argentinier wissen. Dass der 45-Jährige erst einmal nachschlagen musste, was diese Institution überhaupt ist und macht, war einer der Gründe, das Angebot anzunehmen.

"In der breiten Öffentlichkeit ist die Existenz des Gerichtshofs so gut wie unbekannt", sagt Vetter im TAGBLATT-Gespräch. Dabei sei es "ein Wunder", dass mittlerweile 122 Staaten "ihre Justiz und sogar ihre Polizei einem internationalen Gericht unterstellt haben." Was das konkret bedeutet, konnten Vetter und sein junger Ko-Regisseur Michele Gentile, der zuvor bei dem von Vetter initiierten Wiederaufbau eines Kinos in der palästinensischen Stadt Jenin mitgeholfen hatte, drei Jahre lang hautnah miterleben.

Roter Faden durch den Film, der am Mittwoch, 1. Mai, im Kino Museum seine Premiere erlebt, ist der Prozess gegen Thomas Lubanga, der erste, den der ICC zu Ende geführt hat. Der Warlord hatte in einem Regionalkonflikt im Kongo Kindersoldaten rekrutiert und ist im Juli 2012 deswegen zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Vetter und Gentile konnten auf mehrere Tausend Stunden Videomaterial vom Prozess zurückgreifen. Vor allem aber durften sie Moreno Ocampo und seinem Team bei ihrer täglichen Arbeit über die Schulter schauen, speziell bei der Vorbereitung der Schlussplädoyers. Den Anspruch der beiden Regisseure, "aus eher trockener Gerichtsmaterie einen spannenden und zugleich anschaulichen Dokumentarfilm zu machen" (Vetter), darf man als verwirklicht bezeichnen.

"Es war ein ganz unspektakulärer Dreh": Die Tübinger Regisseure Marcus Vetter (ganz rechts) und Michele Gentile (ganz links) mit Hollywood-Star Angelina Jolie (zweite von links) und Chefankläger Luis Moreno Ocampo (rechts am Tisch). Bild: Verleih

Keine große Rolle spielt dagegen die Kritik, die dem Gericht immer wieder entgegenschlägt. Dass die vier größten Länder der Erde - China, Indien, die USA und Indonesien, außerdem Russland - den ICC nicht anerkennen, wird nur beiläufig erwähnt. Der Vorwurf des Neokolonialismus - bisher wurden in Den Haag fast nur Afrikaner angeklagt - kommt gar nicht zur Sprache. "Wir haben diese und alle anderen Kritikpunkte überprüft", rechtfertigt sich Vetter. Die meisten davon seien überzogen oder "laufen ins Leere". Und letzten Endes würden alle Einwände bei weitem überstrahlt von dem Verdienst des Gerichts, dass ein Großteil der Kriegsverbrecher dieser Erde künftig damit rechnen muss, zur Rechenschaft gezogen zu werden - "und darauf haben wir uns konzentriert". Den Verdacht, eine PR-Arbeit für den Gerichtshof abgeliefert zu haben, weist Vetter zurück: "Es gab keinerlei Vorgaben, wie der Film auszusehen hat. Außer ein paar Sicherheits-relevante Szenen konnten wir alles verwenden, was wir im Gericht gedreht hatten - auch wenn es nicht so schmeichelhaft war".

Tatsächlich zeichnet "The Court" von Chefankläger Moreno Ocampo ein differenziertes Bild. Neben seiner Eloquenz und dem ehrlichen Engagement für Gerechtigkeit schimmern auch eine große Eitelkeit, Rechthaberei und Beratungsresistenz durch. Dass ihm ein ICC-Richter die Führungsqualität "eines argentinischen Großgrundbesitzers" attestiert hat, kann man nachvollziehen. "Wir wollten ihn aber nicht fertigmachen", so Vetter - diesen Job hätten schon zwei andere Dokumentationen vor "The Court" erledigt. Für ihn als Filmemacher gelte immer die Devise: "Du musst deinen Protagonisten lieben" - mit all seinen Fehlern und Macken.

Eine schillernde Figur ist Moreno Ocampo auch wegen seines Faibles für außergewöhnliche Verbündete. So holte der Argentinier den über 90-jährigen Benjamin Ferencz, der 1947/48 Chefankläger im Nürnberger Prozess gegen die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD gewesen war, in seine Crew. Dessen Einschätzung, dass Kindersoldaten nicht nur Opfer, sondern auch Täter seien, ist eine der wenigen provokanten Spitzen im Film.

Aber auch vor Hollywood-Prominenz hat Moreno Ocampo keine Berührungsangst. Er sei eben, sagt Ko-Regisseur Michele Gentile, "ein Showmaster", der nichts unversucht lasse, "den Gerichtshof in der Welt bekannt zu machen." So kommt es, dass Filmstar Angelina Jolie in "The Court" einen Auftritt hat: Kurz vor dem Ende des Prozesses erkundigt sie sich leibhaftig nach dem Stand der Dinge und erweist dem Ankläger-Team in Den Haag vor laufenden Kameras ihren Respekt. "Die Leute am Gericht waren aufgeregter als wir", erinnert sich Vetter an die Begegnung mit der Diva, "für uns war das ein Dreh wie jeder andere auch."

Luis Ocampo Moreno mit Angelina Jolie.

Für unangemessen hält Vetter die Kumpanei von Showbiz und Jurisprudenz in diesem Fall nicht. Schließlich setze sich die Gattin von Brad Pitt schon lange für Menschenrechte ein und habe jüngst bei einem Spielfilm über Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien Regie geführt. Für "The Court" sei ihr Gastspiel ein Glücksfall. "Er macht ihn auch für Leute attraktiv, die sonst nicht in Dokumentarfilme gehen".

Die Deutschland-Premiere von "The Court" findet (ohne Angelina Jolie) am Mittwoch, 1. Mai, um 20 Uhr im Kino Museum statt.

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Erstellt:
29. April 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
29. April 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. April 2013, 12:00 Uhr

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