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Erste Hilfe

Teure Lebensretter

Defibrillatoren sind bei einem Herzstillstand eine gute Sache. Umso ärgerlicher ist eine Abzockmasche mit Sponsoren-Werbeverträgen für die Geräte.

16.04.2018
  • ALFRED WIEDEMANN

Rangendingen/Ulm. Mit „Sponsor-Werbung“ zu einem kostenlosen Defibrillator? Das klingt doch gut. Fand man mal am Gymnasium in Haigerloch (Zollernalbkreis). Die Berliner Firma Defimed suchte unter Betrieben in der Region Sponsoren, deren Werbung das Notfall-Gerät an der Schule finanzieren sollte. Handwerker und andere Unternehmer fanden sich, insgesamt sollten sie mehr als 20 000 Euro zahlen und im Gegenzug für drei Jahre auf einer Tafel in der Schule für sich werben können.

Die Werbetafel ist inzwischen wieder weg. Schulleiterin Karin Kriesell hat nach ihrem Amtsantritt das Regierungspräsidium eingeschaltet. Die Sponsoren seien über das „rechtliche“ Nichtbestehen des Vertrags informiert worden. Sie hätten auch Rückforderungen gestellt. „Die meisten Sponsoren waren dankbar, dass ich sie auf diese dubiosen Verträge aufmerksam gemacht habe.“ Das Urteil der Schulleiterin: „Ich habe diesen ,kostenlosen' Defibrillator nicht angeschafft und würde es in dieser Sponsoringform niemals tun.“

Immer wieder werden solche Fälle verschiedener Werbeanbieter bekannt. Firmeninhaber, die sich für eine gute Sache breitschlagen lassen, sollen, wenn sie nicht rechtzeitig kündigen, oft nach drei Jahren erneut für ihre Werbung zahlen. „Abzocke“, sagt Heinz Dahlhoff. „Anbieter kassieren über solche Sponsorenverträge viel mehr, als für das Rettungsgerät plus Wartung fällig werden.“

Der Rangendinger vertreibt mit seiner Firma Defitech selbst Defibrillatoren für Schulen, Firmen und Vereine. Und er dokumentiert seit Jahren den Unfug mit den „kostenlosen“ Defis per Werbemasche. „Ich sage immer, welchen Rabatt ich bekomme und was so ein Defi effektiv kostet“, so Dahlhoff. Die bei einem Herzstillstand so wichtigen Geräte seien ohne Wartezeiten und Werbeverträge zu haben, sagt Dahlhoff. Das funktioniere gut über Spender, die 50, 100 Euro beisteuerten oder über Schul-Fördervereine.

Beispiel Riedlingen: Dort gibt es jetzt in der Realschulsporthalle einen Notfall-Defi. Rund 2000 Euro für Gerät und Wandschrank kommen von sieben Sportvereinen, die die Halle nutzen, dazu von VHS und Volksbank. Joachim Blersch vom Basketballclub hat die Unterstützer zusammengebracht. Seine Tochter habe bei einem Auswärts-Volleyballspiel erlebt, wie eine andere junge Spielerin zusammengebrochen sei. Dank Reanimation und Defi habe die Frau überlebt, sagt Blersch. Weil die Stadt ablehnte, sei der Defi für die Halle privat angeschafft worden. Problemlos habe das mit Dahlhoff geklappt.

Bei Sponsoren-Werbung werde dagegen Unwissenheit über die Kosten schamlos ausgenutzt, sagt Dahlhoff. „Mit den Verträgen werden horrende Summen eingesammelt – bei Ausgaben von maximal 2000 Euro für ein Miet-Gerät für drei Jahre und Werbetafel.“

Von Defimed war trotz Anfragen der SÜDWEST PRESSE keine Stellungnahme zu bekommen.

Über die Sponsorenmasche ärgert sich auch die Björn-Steiger-Stiftung. „Davon distanzieren wir uns“, sagt Sprecherin Anna Eberchart. Die Stiftung verteilt auch Defis an möglichst vielen Orten, ohne teure Werbung. „100 000 Leben retten“ heißt die Initiative. Als Pilotprojekt wird der Kreis Freudenstadt flächendeckend ausgestattet, es gibt Kurse zur Reanimation. Das Geld kommt von Spendern, Firmen und der Stiftung.

Infarkt-Rettungsgeräte an Schulen seien Sache der Schulträger, der Kommunen oder Kreise. Deshalb gebe es vom Kultusministerium keine „Warnung“ vor zweifelhaftem Sponsoring, sagt eine Sprecherin. Sinnvoll seien Schul-Defis, „wenn die Wartung der Geräte gewährleistet und die Handhabung bekannt ist“. Wichtiger sei, dass Lehrer und Schüler wissen, was im Notfall zu tun ist: „Prüfen, ob die Person noch atmet, einen Notruf absetzen, falls nötig eine Laien-Reanimation durchführen oder weitere Erste-Hilfe-Maßnahmen einleiten, bis der Rettungsdienst kommt“, so die Sprecherin. Das werde an den Südwest-Schulen mit Hilfe mehrerer Programme vermittelt.

Der Städtetag hat seine Kommunen schon längst gewarnt, sagt Sprecher Norbert Brugger. Ob Sponsorenangebote „dauerhaft günstig sind, sollte mit Blick auf die Folgeverpflichtungen der Schulen und der Gegenleistungen für das Sponsoring kritisch geprüft werden“, so der Verband.

Beim Gemeindetag sind Sponsoren-Anwerbeversuche ebenfalls bekannt. Der Verband sieht aber keine „flächendeckende Problematik“. Deshalb gab es keine Empfehlung an Kommunen. „Wichtig ist, dass solche Anfragen rechnerisch und rechtlich geprüft werden“, sagt Sprecherin Kristina Fabijancic-Müller. „Daraus ergibt sich oft, ob es sich um ein seriöses oder unseriöses Angebot handelt. Wir wissen, dass unsere Kommunen dies regelmäßig tun.“

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16.04.2018, 06:00 Uhr
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