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Teufelspakt im Neonlabor
Glänzt mit strahlkräftigen Höhen und viel Legato-Schmelz: Piotr Beczala in der Titelrolle von Gounods Oper „Faust“ auf der Bühne in Salzburg. Foto: dpa
Charles Gounods Oper „Faust“ bei den Salzburger Festspielen

Teufelspakt im Neonlabor

Buhs und Beifall im Widerstreit: Mit Charles Gounods Oper „Faust“ setzen die Salzburger Festspiele endlich wieder Akzente – durchaus kontrovers.

12.08.2016
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Salzburg. „Rien“ – nichts. Dieser Schriftzug prangt groß in Neonlettern über der Szene. Kein Wunder, denn mit diesem ersten Wort der Oper zieht der Titelheld Faust eine recht trostlose Bilanz seines Gelehrtenlebens.

Doch Regisseur Reinhard von der Thannen blendet dieses Menetekel auch am Schluss noch einmal ein, wenn Fausts Geliebte Margarete stirbt – als Leuchtschrift am Ende einer Tragödie und allen glaubensfesten Jubelchören zum Trotz. Dieser Gegensatz zwischen pompösen Gesängen („Friede und Freude“) und dem darüber prangenden Neon-Wort „Rien“ – das knallt natürlich. Und vielleicht war es das, was einem Teil des Publikums nicht gefiel.

Wie auch immer, Reinhard von der Thannens Lesart von Charles Gounods Oper „Faust“, die vorletzte Premiere der Salzburger Festspielsaison, löste ein gespaltenes Echo aus – Buhs und Beifall für die Regie hielten sich die Waage. Immerhin sorgte diese Produktion wieder für so etwas wie Denk- und Zündstoff, nachdem die Strauss-Oper „Danae“ in leerem Ausstattungsprunk gleichsam ertrunken war.

Reinhard von der Thannen, langjähriger Ausstatter bei Hans Neuenfels, bringt in seiner Salzburger Regiearbeit öfter mal solche optischen Widerhaken. Etwa, wenn er die kirchliche Ächtung der ausgenutzten, allein gelassenen Margarete mit Riesen-Orgelpfeifen verdeutlicht, die wie spitze Speere vom Bühnenhimmel herabfahren.

Oder, wenn zum kriegerischen Soldatenchor („Eilt in den Kampf!“) ein gigantisches Klapper-Skelett auftaucht und einen geisterhaften Tanz vollführt. Die Regie tendiert zu abstrakt-stilisierten Bildern und erzählt das Ganze in einem weißen, futuristischen Labor. Fausts Pakt mit dem Teufel – die beiden treten im Partnerlook auf – ist ein klinisches Menschen-Zwillings-Experiment.

Allzu konkrete Szenen wie die Walpurgisnacht sind kurzerhand gestrichen worden, das Kind Margaretes wird durch eine kleine Kiste ersetzt, halb Schatzkästlein, halb Mini-Sarg. Manches wirkt aber auch betulich verrätselt – etwa die schwarz funkelnden Riesen-Kristallkugeln, die am Ende bedeutungsschwer über die Szene gleiten. Die Chorsänger wiederum, egal ob nun Feldarbeiter, Studenten oder Bürger gemeint sind, stecken allesamt in neckischen Clownskostümen, muten teils wie niedliche Streifenhörnchen an – und erinnern ein bisschen an die possierlichen Neuenfelsschen Ratten im Bayreuther „Lohengrin“.

Dennoch, Reinhard von der Thannen punktet insgesamt mit effektvollen Einfällen, um das, was im Goetheschen Verniedlichungs-Slang „Gretchen-Tragödie“ heißt, vor Augen zu führen. Sängerisch ist diese Produktion exzellent besetzt. Toptenor Piotr Beczala glänzt als Faust mit strahlkräftigen Höhen und viel Legato-Schmelz, Maria Agresta fesselt als Margarete mit einem wunderschön leichten, in leisen Passagen sinnlich leuchtenden Sopran, und Ildar Abdrazakov stattet seinen quirligen Mephisto mit einem robusten Bass aus.

Solide auch die Nebenrollen: Tara Erraught als tapferer Faust-Rivale Siebel, Marie-Ange Todorovitch als glutvolle Marthe und vor allem Alexey Markov als Valentin – trotz seiner undankbaren Rolle avancierte der russische Bariton mit mächtiger Stimmpräsenz und darstellerischem Temperament zum Liebling des Abends.

Vollends die Musik: Der junge Argentinier Alejo Pérez am Pult bietet mit den spielfreudig aufgelegten Wiener Philharmonikern weit mehr als gediegene Festival-Routine. Nein, er raut den oft süßlich verkitschten Gounod-Sound manchmal regelrecht auf und setzt – zwischen kulinarischem Melodiencharme und herbschön beseelten Klagegesängen – dramatische Akzente: aufgewühlte Streicher, Trommelgewitter und schicksalsschwer tönendes Blech. Am Ende, wie gesagt: einhelliger Beifall für den Dirigenten, fürs Orchester und für die Solisten. Nur bei der Regie gab's eine Kampfabstimmung: viel Applaus, aber auch kräftige Buhs.

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12.08.2016, 06:00 Uhr
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