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Leitartikel

Terror ohne Botschaft

08.08.2016
  • ROLAND MÜLLER

Der verheerende Lkw-Anschlag von Nizza, die Axt-Attacke im Zug bei Würzburg, die Rucksackbombe von Ansbach: Es ist eine neue, schwer greifbare Form von Terrorismus, die uns in diesen Attentaten begegnet. Die Kategorien verschwimmen. Das beginnt bei den Tätern: Waren das nun psychisch gestörte Amokläufer, im Netz radikalisierte „einsame Wölfe“ des IS – oder beides? Dann die Orte der beiden deutschen Anschläge: Statt in Zentren der Macht und an Schlagadern westlicher Metropolen bricht die Gewalt in einem Regionalzug und einem Provinzfestival los. Ist das nun perfides Kalkül oder ein Zeichen der Schwäche?

Es wird gern gesagt, dass Gewalt stets sinnlos sei. Das ist eine moralische Wertung, nüchtern betrachtet stimmt es aber nicht. Gewaltforscher sehen Terrorismus als zynische Kommunikationsstrategie: Der Terrorakt soll den Gegner nicht militärisch schwächen, sondern zielt vor allem auf die mediale Wirkung. Die verstörenden Bilder der Gewalt sind eine Botschaft, sie demonstrieren Schlagkraft gegenüber dem Feind, verbreiten Angst, bestärken die eigenen Anhänger. Es ist kalkulierte politische Gewalt, bei der eigentlich nichts dem Zufall überlassen wird. Symbolträchtige Ziele werden genau ausgewählt, Feind und Freund klar benannt – und es gibt ein konkretes Motiv. So war es jedenfalls bei den Terrorgruppen in den 70er und 80er Jahren, die aus handfesten Konflikten entstanden. Die IRA kämpfte in Nordirland gegen die britische Vorherrschaft, die Eta mordete in Spanien für ein unabhängiges Baskenland, palästinensische Terroristen wollten den israelischen Staat in die Knie zwingen. Für den sozialrevolutionären Kampf der RAF war schon mehr Phantasie nötig.

Im islamistischen Dschihad hat sich der Terror total globalisiert, Al-Kaida und der IS strahlen als Terror-Marken propagandistisch in die Welt hinaus. Der Politologe Herfried Münkler spricht von „Franchise-Terrorismus“: Jeder, der sich berufen fühlt, kann im Namen des IS losschlagen. Statt straffer Organisation und Hierarchie, Befehl und Gehorsam gibt's höchstens unverbindliche Beratung per Internet-Chat.

Zum Opfer kann jeder werden: Im Regionalzug von Würzburg ging der Täter auf chinesische Touristen los; unter den 84 Todesopfern von Nizza waren 30 Muslime. All diese Eigenschaften des neuen Terrors macht ihn noch unberechenbarer, für die Sicherheitsbehörden ist es ein Alptraum, da klassische kriminalistische Ansätze ins Leere laufen.

Diese Ziel- und Wahllosigkeit macht den Terror andererseits aber auch beliebig, hohl, fast banal. Wenn jeder der IS sein darf und blindwütig losmordet, wenn es egal ist, wen es wo trifft, ist keine politische Botschaft mehr erkennbar, verschwimmen eben Amok, Terror und Geisteskrankheit. In sozialen Medien wird das bereits aufs Korn genommen: Unter dem Twitter-Schlagwort #ISbekenntsich machen sich Menschen darüber lustig, dass die Terror-Miliz nach jedem Ausraster eines Trittbrettfahrers stolz behauptet, ein „Soldat des IS“ habe zugeschlagen. Wenn Terrorismus wirklich Kommunikation ist, dann übergibt der IS unter „Franchise“-Bedingungen große Teile der Deutungshoheit an labile Wirrköpfe ab.

Das Glück des IS ist, dass diese Schwäche kaum auffällt. Erstens, weil der Schock und das mediale Echo weiterhin riesig sind. Und zweitens, weil unsere Gesellschaften in der Flüchtlingsfrage tief gespalten sind, so dass jeder Anschlag unsere eigenen Befindlichkeiten und politischen Debatten aufs Neue entflammen lässt. So schwach die eigentliche Botschaft des IS sein mag – wir sind dafür umso empfänglicher.

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08.08.2016, 06:00 Uhr
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