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Bei den Firmen kaum bekannt

Teilzeitausbildung als Chance für qualifizierten Berufseinstieg

Dass eine qualifizierte Ausbildung auch in Teilzeit geht, ist kaum bekannt. In Reutlingen steht jetzt ein Pilotprojekt mit 18 Frauen kurz vor dem Abschluss.

09.03.2011

Von Katharina Mayer

Reutlingen. „Die Arbeitsplätze, die keine Ausbildung verlangen, werden immer weniger“, sagt Birgit Heinlin, im Gespräch mit dem TAGBLATT. Heinlin ist Beauftragte für Chancengleichheit bei der Reutlinger Agentur für Arbeit. Immer mehr Frauen, berichtet sie, müssten ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten oder aber zum Familieneinkommen beitragen – und verfügen wegen Kindererziehung, früher Heirat oder der Pflege Angehöriger, über keine Berufsausbildung.

Eine klassische Berufsausbildung in Vollzeit aber ist für die meisten schlicht unmöglich, vor allem, wenn kleinere Kinder zu versorgen sind. „Die Betreuung ist einfach das Problem“, so Heinlins Einschätzung. Im Gegensatz zu manchem europäischem Nachbarland sieht es mit der Kinderbetreuung außerhalb der Kernzeiten in der Bundesrepublik eher schlecht aus. Vor knapp drei Jahren entstand darum die Idee, in Kooperation mit den Kammern und einem Bildungsträger ein Teilzeit-Pilotprojekt ins Leben zu rufen.

Prinzipiell ist eine Teilzeitausbildung nach dem Berufsbildungsgesetz möglich, wenn es denn im Arbeitsvertrag so vereinbart wird. Nur ist dieses Wissen weder bei den potenziellen Auszubildenden noch bei den Firmen allzu ausgeprägt. Das liege daran, dass „viele Betriebe das auch nicht wissen.“

Es sei schon „unglaublich schwierig“, was die Azubi-Stellen angeht. Dass die Kammern eine solche Ausbildungs-Variante mittragen, sei bei den Arbeitgebern „noch gar nicht angekommen“. Dabei kündige sich auf dem Arbeitsmarkt schon jetzt ein Fachkräftemangel an. Irgendwann, so Heinlin, werde es mehr freie Ausbildungsplätze geben als Bewerber. „Da sind die Frauen schon ein Potenzial. Und vor allem: Die wollen.“

Dass für alle 18 Frauen des Projekts Ausbildungsplätze gefunden wurden, „war wirklich Überzeugungsarbeit“, sagt Heinlin. Geklappt habe es trotzdem – und das durch alle Sparten: „von Lageristin über Konditorin, Einzelhandel und Friseurin, querbeet“. Die Frauen, berichtet Heinlin, seien hoch motiviert, und das gerade aufgrund ihrer persönlichen Lage. „Die wissen: Ich muss für mich und meine Kinder sorgen.“

Die Ausbildung selbst beginnt mit einem Vorbereitungskurs, um Schulstoff aufzufrischen und die Teilnehmerinnen auf den gleichen Stand zu bringen. Dann geht es in die Berufsschulen und für mindestens 25, maximal 30 Wochenstunden in den Ausbildungsbetrieb. Eines aber ist anders als bei der gewöhnlichen dualen Ausbildung. Die Frauen werden beim Bildungsträger BBQ auch persönlich betreut.

Dafür ist Mirjana Schulz zuständig, die diese Betreuung in „zwei große Bereiche“ aufgliedert. Pädagogische Begleitung einerseits und Nachhilfe andererseits. Zwar unterscheiden sich die Vorkenntnisse der Frauen kaum, was den Schulabschluss und damit grundlegenden Qualifikationen für eine Ausbildung betrifft – wohl aber die persönlichen Lebenslagen.

„Es spielt eine ganz große Rolle, was die Frauen mitbringen, wie ihr Lebensweg war“, sagt Schulz. Annähernd die Hälfte der Teilnehmerinnen des ersten Kurses etwa habe einen Migrationshintergrund, viele seien früh Mutter geworden oder zwangsweise verheiratet. Ebenso breit gefächert sind die Probleme in der Ausbildungsbegleitung der Azubis, da „bedarf es oft der pädagogischen Unterstützung.“ Die persönliche Betreuung, sagt Schulz, biete aber auch dem Kostenträger „eine gewisse Sicherheit, dass die Leute das schaffen.“

Das Pilotprojekt, dem mittlerweile schon zwei weitere Jahrgänge folgten, ist für Mirjana Schulz „einer der besten Kurse, die ich je gemacht habe“. Und noch dazu eine „ganz ganz wirksame Waffe gegen Arbeitslosigkeit.“ Schulz hofft, dass sich die Erfolge der Umschulung, die von der Agentur für Arbeit finanziert werden, früher oder später herumsprechen.

Doch nur allzu oft stünden Einzelschicksale gegen ein unflexibles Hilfesystem – und dann bliebe alles beim Alten. Aus Hilfeempfängern Menschen mit einer beruflichen Identität zu machen, mag auf den ersten Blick finanziell negativ zu Buche schlagen. Aber „wenn man Geld in diese Projekte investiert, wird sich das langfristig rentieren und sogar amortisieren.“

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Erstellt:
9. März 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. März 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. März 2011, 12:00 Uhr

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