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Kunst inmitten von Steinen

Tausende zog es zu stein.wald.kunst in den Schindhau

Kunst zwischen Steinen: Am Samstag genossen Tausende den Nachmittag im Tübinger Schindhau bei Musik, Tanz und Literatur inmitten darstellender Kunst, umgeben von Wald im Natursteinpark Rongen.

11.10.2015
  • Michael Sturm

Tübingen. „Unglaublich, welch ein künstlerisches Niveau wir hier in Tübingen haben“, staunte Manuel Rongen, als der Abend hereinbrach. Der Betreiber des Natursteinparks im Schindhau hatte das Gelände einer Ansammlung von Tübinger Künstlern unter der Gesamtleitung von Elke Pfeiffer zur Verfügung gestellt. Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen.

Zum einen wegen der Wirkung der Darstellungen in einer Umgebung, in der bisher selten Kunst dargeboten worden war. Elke Pfeiffer hatte einige Paarungen aus Musik und bildender Kunst oder Tanz zusammengestellt, deren Kombination atemberaubend waren. Viele Besucher taten es der Kilchbergerin Sabine Henke gleich: Sie wollte „einfach mal herumlaufen und alles auf mich wirken lassen“. Zum anderen, weil sehr viele interessierte Menschen über den Nachmittag verteilt zum Natursteinpark pilgerten. So viele, dass das Publikum selbst eine ordentliche Kulisse für die Künstler abgab. Viele Familien waren da, denn es gab unterschiedliches für Groß und Klein: Der Tübinger Albert Müller genoss das Flötenkonzert von Reinhold Wolf „in einer ungewohnten Umgebung und kontemplativ“. Dazu zauberte Evelyn Ellwart japanische Kalligraphie auf breites Papier, das sie – wie Rapunzel ihr Haar – von einem Felsen herabließ. Müllers Kinder fanden – im Gegensatz zu den Eltern – die Tübinger „Steinis“ toll. Die Narren stießen hinter einer Umzäunung Urlaute aus.

Cellist Ulrich Bürck entschied sich nach einem Spaziergang durch das Gelände, sich mit seinem Instrument in eine Bucht aus Steinen zu setzen: „Ich hatte im Ohr, welche Art von Musik ich spielen wollte. Ich suchte große Brocken.“ Am Samstag begann er mit Passagen aus der vierten Cello-Suite von Johann Sebastian Bach. Schon die darin enthaltenen Akkord-Brechungen wirkten felsenhaft auf Bürck: „Dieses Stück auszusuchen, hat sich an der Optik der Steine entzündet.“

Spannend für den Cellisten selbst war die Frage, wie es denn klingen würde. „Das hörte sich wohl ganz unterschiedlich an“, vermutete Bürck nach seinem Auftritt und erklärte, er habe „keinen Klang“ gehabt – anders als in einem Saal fanden die Schallwellen kaum zu ihm zurück. Wenig Schritte von ihm weg wurde sein Instrument zum einsamen Cello. Sein Klang wurde dort von den Gesprächen der Besucher auf dem Weg, der an der Steinbucht vorbeiführte, geschluckt.

Die Tübinger Schauspielerin Renate Winkler suchte in „ihrem“ Steinhaufen die beste Position. Sie fand einen flachen Stein, wie eine Sitzbank über den Köpfen ihrer Zuschauer. Untermalt von Friedemann Dähns heiser kratzendem Cello spielte sie Auszüge aus dem kapitalismuskritischen Stück „Die Wand“ – weil sich das Publikum auch hier in einer Bucht befand, wurde der Steinpark zu einem echten Naturtheater.

Dirk Hofmann aus Wankheim stand hingerissen vor den Figuren von Maria Waldner, die ihr Atelier in der Tübinger Neckarhalde hat. „Ich bin künstlerisch nicht bewandert, aber das spricht mich direkt an“, so Hofmann. Er zeigte auf eine Frauenfigur aus dunkler Stahlwolle und sagte: „Irre, aus solch einem Material einen so fein gezeichneten, ausdrucksstarken Körper zu machen. Das haut mich um!“ Hofmann war einer der letzten Bewunderer von Maria Waldners Arbeiten an diesem Tag: Die Sonne war bereits untergegangen.

Nun traten andere Sinneswahrnehmungen hervor. Töne, Lichter. Bemerkenswert war die versteckte Installation von Jan Groeneveld: Der Lichtkünstler hatte eine Lichtung inmitten des Areals gefunden, die abseits der vom Publikum begangenen Wege lag. Es sei tatsächlich der Mittelpunkt des Areals, hatte Groeneveld Manuel Rongen gegenüber versichert. Als es dunkel geworden war, machte sich der Betreiber des Steinparks auf den Weg. Mit einer Taschenlampe bahnte sich Rongen einen Weg durchs Dickicht. Und stand zwischen sieben Tüchern, die von ebenso vielen Overhead-Projektoren angestrahlt wurden – jedes mit eigenem Muster.

Mindestens 3000 Menschen, so die vorsichtige Schätzung von Manuel Rongen, fanden am Samstag den Weg in den Natursteinpark im Schindhau. „Was mich am meisten umhaut, ist die Resonanz aus Tübingen, die wir heute erhalten haben“, so Rongen. Von allen Seiten habe er Unterstützung für den Erhalt des Natursteinparks am aktuellen Standort erhalten. Es seien viele Politiker da gewesen, vor allem waren Mitglieder so ziemlich aller Parteien im Stadtrat da. Nun sagt Rongen: „Bis am Freitag war ich noch der Überzeugung, dass wir den Platz räumen müssen.“ Jetzt schöpfe er wieder Hoffnung, doch bleiben zu dürfen.

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11.10.2015, 12:00 Uhr
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