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Esslingen/Filderstadt

Pflegeeltern dringend gesucht: Werbe-Kampagne soll helfen

Tage, Wochen und manchmal auch viele Jahre bleiben Pflegekinder bei Familien oder Paaren, die sich kümmern. Für Kinder und Jugendliche soll das ein Halt sein in schwierigen Zeiten. Aber die Zahl freiwilliger Pflegeeltern ist nach wie vor viel zu niedrig.

25.06.2019

Von dpa/lsw

Esslingen/Filderstadt. Großfamilie, das trifft es ganz gut. Dutzende Jungen und Mädchen haben im Haus der Familie Müller (Name geändert) in Filderstadt in den vergangenen Jahren ein Zuhause gefunden. Mal ziehen sie nach wenigen Tagen wieder aus, mal bleiben sie ein Jahr, bevor sie weiterziehen müssen. Und ab und zu verbringen sie ihre ganze Kindheit und Jugend bei den Müllers und ihren drei leiblichen Kindern. Sigrid und Klaus, die ihre wirklichen Namen für sich behalten möchten, haben zurzeit drei Pflegekinder. Drei Mädchen im Alter von 12, 15 und 18 Jahren. Über die Jahre sind fast 40 Kinder und Jugendliche in sogenannter Kurzzeitpflege bei ihnen ein- und ausgegangen.

Erzählt sie von den Erfahrungen, strahlen die Augen von Sigrid Müller. „Pflegekinder sind eine Bereicherung“, sagte sie und wirbt eindringlich für das Modell der Pflegefamilie. Und diese Werbung ist dringend nötig. Denn in Baden-Württemberg können etliche Kinder und Jugendliche nicht an Pflegeeltern vermittelt werden, weil es nicht genug freiwillige Familien vom Schlag der Müllers gibt. „Es wird immer schwieriger, ausreichend Pflegefamilien zu finden“, sagte Ursel Wolfgramm, die Vorsitzende des Paritätischen Baden-Württemberg, am Dienstag in Esslingen.

Im Jahr 2017 wurden rund 8500 Kinder und weitere knapp 1100 unbegleitete minderjährige Ausländer durch das Jugendamt untergebracht. „Das ist zwar eine hohe Zahl“, sagte Ministerialdirigentin Christine Jacobi vom baden-württembergischen Sozialministerium. „Der Bedarf an geeigneten Pflegefamilien ist aber noch unverändert groß.“ Genaue Zahlen liegen den Verbänden aber nicht vor.

Das Verhältnis von untergebrachten zu nicht vermittelten Kindern entspricht in Baden-Württemberg grob dem Trend in anderen Bundesländern. Mit einer neuen Kampagne unter dem Titel „Das passt. Kindern Familien ermöglichen“ wollen Land und Verbände für das Pflegeeltern-Konzept werben. Geplant sind eine Wanderausstellung, Plakate und Aktionstage; eine Internetseite gibt es bereits. Im Paritätischen Baden-Württemberg sind wichtige Landesverbände zum Thema Vollzeitpflege und einige Jugendhilfeträger vertreten, die im Bereich des Pflegekinderwesens aktiv sind.

In Berlin, in Nordrhein-Westfalen oder auch in Bayern - überall gibt es zu wenig Paare für die Betreuung von Kindern, die zeitweise oder dauerhaft nicht in ihrer eigenen Familie leben können. Und deutlich unter Druck standen die Jugendämter, Verbände und freie Träger, als neben den Jungen und Mädchen aus Deutschland noch Tausende von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen untergebracht werden mussten.

Die meisten Menschen wünschen sich Kinder. Warum sind dann so wenige bereit, sich zu engagieren? „Viele haben Angst vor der Verantwortung und diese Angst müssen wir ihnen nehmen, wir müssen ihnen Rat geben und Halt“, sagt Werner Nuber vom Verein Arkade. In Ravensburg, Ulm, Tuttlingen und Esslingen vermittelt Arkade junge Menschen, die seelisch belastet sind oder schwierige Vorgeschichten haben. Schwer zu ertragen sei auch die bange Frage, wie lange ein Kind bei der Pflegefamilie bleiben dürfe. „Außerdem nimmt das Gut Familie ab“, sagt Nuber. „Die Gesellschaft verändert sich, oft sind beide Elternteile berufstätig, das familiäre Umfeld ist nicht mehr so engmaschig wie früher und der Wohnungsmarkt ist angespannt.“

Jugendämter auch in Baden-Württemberg sprechen inzwischen gezielt auch Alleinerziehende, homosexuelle Paare und Paare mit Migrationshintergrund an, die bislang eher selten eine Pflegschaft übernahmen. „Es wird also nicht leichter, Pflegeeltern zu finden“, räumt der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg ein und verweist auch auf schwierige finanzielle Fragen.

Simone Werz vom Landesverband der Pflege- und Adoptivfamilien fordert vor allem eine gesicherte Rechtssituation für die Pflegeeltern. „Es muss eine Verbleibeperspektive geschaffen werden“, sagt sie. Die Rechte der Eltern seien sehr hoch. „Da kommt es zu teilweise katastrophalen Rückführungen, die auch die Pflegeeltern schmerzen“, sagt Werz, die selbst ein eineinhalbjähriges Pflegekind aufzieht. Auch der Personalschlüssel in den Jugendämtern müsse verbessert werden, um die Lage für die Pflegeeltern zu entspannen. „Da gibt es teils erhebliche Wissenslücken“, kritisiert sie.

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Erstellt:
25. Juni 2019, 14:39 Uhr
Aktualisiert:
25. Juni 2019, 14:10 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2019, 14:10 Uhr

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