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Neben dem Staat versagten viele Medien

Tanja Thomas führt die unkritische Berichterstattung über die NSU-Mordermittlungen auf

„Dönermorde.“ Ein Unwort, doch keines zeigt besser, wie staatliche Behörden bei der Aufklärung der Terrorserie des NSU versagten – aber auch Journalisten bei ihrer Berichterstattung. Denn von ihnen wurde dieser Begriff geprägt. Die meisten Medien gaben die Deutungsmuster der Ermittler unkritisch wider. Das belegt eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung. Die Tübinger Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas gehört zum Autorenteam.

23.02.2015

Von Renate Angstmann-Koch

Tübingen. „Im Begriff Dönermord verdichtet sich etwas“, sagt Tanja Thomas. Er tauchte erstmals 2005 in der „Nürnberger Zeitung“ auf. Der Autor begründete seine Erfindung später mit „Pragmatismus“. Thomas will nicht generell von Medienversagen sprechen, denn dieses Wort pauschalisiert. Und doch: Journalisten gaben über die ganzen zehn Jahre, in denen die Ermittler im Dunkeln tappten, weitgehend unhinterfragt wider, was die Behörden behaupteten: dass der Mord an neun Männern türkischer und griechischer Herkunft mit organisierter Kriminalität, Drogenhandel oder Schutzgelderpressung zusammenhänge.

„Journalisten können nicht Ko-Ermittler werden“, das ist Thomas bewusst. Doch sie vermisst bei der Berichterstattung über die NSU-Morde kritische Distanz. Journalisten müssten hinterfragen und Widersprüche thematisieren. Stattdessen gingen die meisten Medien selbst unvermittelte Wendungen der Ermittlungen mit – etwa, als es plötzlich hieß, es sei ein psychopathischer Einzeltäter am Werk, der schlechte Erfahrungen mit Türken gemacht habe. Die meisten Medien lehnten sich so eng an polizeiliche Quellen an, dass sie Hinweise aus dem Umfeld der Betroffenen zu Hintergründen der Taten nicht berücksichtigten.

Solange die Ermittler die Verbrechen dem persönlichen Umfeld der Opfer zuschrieben, sponnen manche Medien die Spekulationen sogar noch weiter. Sie schrieben von „Parallelwelten“ oder einer angeblichen „Mauer des Schweigens“, die Ausdruck unzureichender Integration seien. Menschen mit Migrationsbiografie erschienen in dieser Darstellung als abgeschottete Gruppe. Das nüchterne Fazit der Studie: Teile der Medien seien ihrer Aufgabe, „gesellschaftliche Prozesse professionell zu beobachten und kritische Öffentlichkeit herzustellen, nicht nachgekommen und gerecht worden“.

Thomas zufolge berichteten Journalisten in Interviews, dass sie bei Pressekonferenzen durchaus immer wieder nachgefragt hätten, ob nicht ein rechtsextremer Hintergrund der Verbrechen infrage komme. 2006 sei tatsächlich kurz die These aufgetaucht, es gebe einen solchen Hintergrund. Auch der Vater eines Opfers sprach davon. Die Vermutung wurde jedoch schnell weggewischt.

Journalisten erklärten auch, sie seien beim Nagelbombenattentat in der Kölner Keupstraße von Polizisten abgehalten worden, mit Anwohnern zu sprechen. Später erwies sich als Problem, dass Angehörige nach schlechten Erfahrungen bei polizeilichen Verhören kaum noch bereit gewesen seien, sich gegenüber Medienvertretern zu äußern. „Aber es gibt auch immer eine Gelegenheit, etwa mit Kulturvereinen zu sprechen“, sagt Thomas.

Nur Regionalzeitungen

zeigten Empathie

„Es war offenbar nicht vorstellbar, dass eine solche Struktur mitten in der Gesellschaft lebt“, erklärt Thomas das Versagen – ebenso mit einer Art Schwarmverhalten, einer zu starken Orientierung an Leitmedien. So folgten etwa türkischsprachige Medien stark der Berichterstattung des „Spiegel“. „Quellenvielfalt, Prüfung der Glaubwürdigkeit von Quellen, Widersprüche thematisieren, auch unbequem sein“ – all diese journalistischen Prinzipien kamen zu kurz. „Positiv überrascht“ zeigten sich Thomas und die anderen Autoren der Studie hingegen von den Regionalzeitungen. Sie nahmen noch am ehesten auch einmal eine andere Perspektive ein und zeigten Opfer und ihre Angehörigen als Menschen.

Mehr Zeit für Recherche und eine bessere Aus- und Weiterbildung könnten dazu beitragen, dass sich Ähnliches nicht wiederholt. Aber „wir brauchen in den Redaktionen auch Menschen mit anderen Biografien und Erfahrungen“, fordert die Medienwissenschaftlerin. Nur zwei bis drei Prozent der Journalistinnen und Journalisten hätten Migrationsgeschichte: „Es herrscht eine große Distanz zu anderen Lebensweisen.“

Tanja Thomas trat ihre Professur in Tübingen im Herbst an. Bis dahin lehrte die gebürtige Saarländerin in Bremen und zuvor in Lüneburg. In ihrer Dissertation beschäftigte sie sich mit der Konstruktion nationaler Identität. Die Themen Nationalismus und Rassismus ziehen sich durch ihre wissenschaftliche Arbeit, ebenso das Thema Feminismus. Sie ist beteiligt an den „Feministischen Studien“, einem Blog. (blog.feministische-studien.de).

Thomas, die zunächst unter anderem Kunst studierte, arbeitete im Großhandel und war Betriebsrätin, ehe sie sich der Soziologie zuwandte und promovierte. Das trug dazu bei, dass sie ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung erhielt. 2004 begann sie als Juniorprofessorin. Auch an ihrem Tübinger Lehrstuhl gibt es nun eine Nachwuchsforscherinnengruppe mit drei Böckler-Stipendiaten. Die 47-Jährige startete in Tübingen mit einem Forschungssemester, das ihr schon lange zustand. Es bot sich an, weil der Lehrplan für das Wintersemester schon fertig war, als sie den Ruf erhielt.

„Es gibt eine Haltung der kritischen Nachfrage, die ich mir stärker gewünscht hätte“, sagt Prof. Tanja Thomas, Professorin für Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt Transformationen der Medienkultur. Bild: Metz

Das Autorenteam um Tanja Thomas, Fabian Virchow und Elke Grittmann analysierte die Berichterstattung zwischen September 2000 und November 2011. Für seine Studie „Das Unwort erklärt die Untat. Die Berichterstattung über die NSU-Morde – eine Medienkritik“ wertete es rund 300 Beiträge und 290 Bilder in der deutsch- und türkischsprachigen Presse aus. Es führte auch Interviews mit Journalisten und diskutierte bei einem Workshop mit ihnen.

Die Studie ist über die Homepage www.otto-brenner-stiftung.de
kostenlos erhältlich.

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Erstellt:
23. Februar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Februar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2015, 12:00 Uhr

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