Mango-Marmelade wird sogar exportiert

Talheimer Hilfe löst in Gambia eine Wirtschaftsblüte aus

Das Know-how kommt aus Mössingen. In Westafrika hat sich daraus jetzt ein florierender Wirtschaftszweig entwickelt: Mango-Marmelade made in Gambia wird mittlerweile sogar exportiert.

16.06.2011

Von Ernst Bauer

Falko Steinhilber (links neben Schulleiter) und Renate Müller (mit Sonnenbrille) haben auch kleine Geschenke mitgebracht.

Talheim. Das hätten sich Renate Müller, 59, und ihre Mitstreiter/innen vom kleinen Talheimer Verein „Hilfe für Westafrika“ auch nicht träumen lassen. Dass ihr Marmelade-Projekt so einschlägt! „Seit 22 Jahren sind wir da unten.“ Erst im April war eine Delegation wieder dort, wo alles mit der Flüchtlingshilfe für Kriegskinder aus Sierra Leone begann. „Hilfe für Westafrika“ sorgte dafür, dass diese Kinder zur Schule gehen können und das Nötigste zum Leben bekommen.

Zig Container hat man hier in Mössingen im Laufe der Jahre beladen, sogar mit Klinikbetten, alle möglichen Hilfsgüter gesammelt und westafrikawärts expediert, eine ganze Fahrradwerkstatt aufgebaut, ein Ausbildungszentrum für Schulabgänger. Nun hat man „bestimmt schon 300 000 Gläser“, so Müller, runtergeschickt, containerweise Einmachgläser. Denn die Marmeladenküche, die der Verein seit zwei Jahren betreibt, mit Beistellherden und Ofenrohren, floriert ungeahnt. Sie wurde inzwischen sogar erweitert. „Wir haben Workshops gemacht, auch für Leute aus Sierra Leone“, erzählt Renate Müller, „sodass das Wissen weitergetragen wird.“ Selbst der CVJM Gambia hat drei Kurse organisiert, in denen einheimische Hausfrauen lernen, wie die Mangos am besten haltbar gemacht werden.

65 Mitglieder, 240 Patenschaften

„Hilfe zur Selbsthilfe“ lautet das Motto des Vereins, der inzwischen 65 Mitglieder hat und nicht weniger als 240 Patenschaften für Schüler/innen in Westafrika, vor allem in Gambia. Ein findiger Geschäftsmann kauft dort die Mango-Marmelade vom Ausbildungszentrum inzwischen in größeren Mengen auf – und exportiert sie gar nach Schweden und Amerika.

Für den heimischen Markt haben die Frauen des Projekts mit den gespendeten Marmeladegläsern zwei weitere Verkaufsrenner entwickelt: biologischen Wildbienenhonig und Hot Pepper Sauce, eine scharfe Chilipaste, die bei keiner Grundmahlzeit fehlen darf. Jackfruit- und Papaya-Marmelade sowie Erdnussbutter werden ebenfalls fabriziert.

Und prompt haben sich jetzt auch das gambische Fernsehen und der dortige Kultusminister für das Projekt interessiert. „Congratulation, Kalipha! We did fine work“, jubiliert Renate Müller in Talheim ins Telefon, als ihr der Schulleiter aus Gambia – just beim Besuch des TAGBLATTs – die frohe Botschaft verkündet. Man müsse schon ein bisschen von diesem „Waka-Waka-Englisch“ beherrschen, um sich verständlich machen zu können, sagt sie. „Man ist auch nicht in jedes Projekt reingesprungen“, entsinnt sich Müller an die Anfangszeiten. „Man hat seine Berater.“ Zum Beispiel den Bruder des Schulleiters in Lanin Daranka, Western District Bantu, der Hauptbasis des Hilfsvereins – mit Fahrradwerkstatt, Nähschule, Computerschule, Friseursalon und nun auch der Marmeladenküche. Dieser Mann sei sehr einflussreich. Auch Schulleiter Kalipha Jobe und die jungen Lehrer, „das sind ganz wichtige Leute für uns“.

Vertrauen entwickelt sich erst mit der Zeit

Renate Müller, die in Talheim seit 35 Jahren ein Kieferorthopädie-Labor betreibt, und ihr Lebenspartner Falko Steinhilber, der ein Baugeschäft hat, haben in Westafrika schon viel erlebt: „Da bilden sich auch Freundschaften, man wird involviert in Familien, in große Familien, richtige Clans.“ Doch immer wieder haben sie festgestellt: „76 mal in 22 Jahren hinzufahren, reicht nicht aus, um Afrika kennenzulernen.“ Und „Vertrauen entwickelt sich erst im Laufe der Jahre“.

Dafür sind viele hier sehr schnell mit den ganz anderen Verhältnissen vertraut geworden, auch wenn sie, wie Yvonne Peschke, jetzt im April zum ersten Mal bei einer Reisegruppe dabei waren: „Wir kriegen jeden Tag hier Afrika mit“, sagt die Angestellte in Müllers Büro. Susanne Kübler, Mitstreiterin aus Belsen, erzählt von jenem unvergesslichen Erlebnis, als sie in Gambia für die Reisegruppe mit Falko Steinhilber mal Pfannkuchen herausgebacken hat. „Sie glauben nicht, wie die uns umringt haben!“ Seither werden im ganzen Dorf Pfannkuchen gemacht, „da geht kein Ei mehr von Buschhühnern drauf“.

Aus ein paar Kisten Samen und einem Sack Zwiebel – vor sechs Wochen gab es mit dem letzten Container Nachschub – sind in Kaliphas Heimatdorf Dankunku „hinter den Häusern überall Gärten entstanden“. Renate Müller zitiert hier gerne Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger, der den Verein für seine Arbeit ausgezeichnet hat – und von einem „Projekt von besonderer Klugheit“ sprach. Das Projekt mit der Marmelade wurde jedenfalls zum „Selbstläufer“. Müller entsinnt sich noch genau, wie sie vor acht, neun Jahren die Frage aufwarf: „Mensch, was machen wir mit den Mangos?“ Inzwischen sagt sie zu den afrikanischen Freunden: „Euer Gold sind die Mangos!“

Ohne die große Unterstützung hier, auch von Ärzten aus dem Steinlachtal und dem Uniklinikum in Tübingen, sowie von anderen Initiativen dort könnte der kleine Verein „Hilfe für Westafrika“ aus Talheim längst nicht so viel ausrichten. „Wir haben ein super Netzwerk an Grundversorgung aufgebaut“, bilanziert Müller. In Brikama und Banjul wurden auch „Rechte erworben an zwei Kliniken“. An denen werden die Kinder, die Paten des Vereins aufgenommen und versorgt. Nicht selbstverständlich in Westafrika.

Info hilfe-fuer-west-afrika@hotmail.de

Renate Müller (links) im Gespräch mit einheimischen Frauen bei der letzten Reise im April.Privatbilder

Mango-Marmelade aus Westafrika, frisch auf dem Mössinger Frühstückstisch. Bild: Bauer

Falko Steinhilber (links neben Schulleiter) und Renate Müller (mit Sonnenbrille) haben auch kleine Geschenke mitgebracht.

Freude über die großen Hilfsgüter aus dem Container – selbst Betten schickt der Verein nach Westafrika.

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Erstellt:
16. Juni 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Juni 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Juni 2011, 12:00 Uhr

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