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„Talfahrten sind Lehrstunden“
Claudia Michelsen Foto: dpa
Prominente

„Talfahrten sind Lehrstunden“

Die Schauspielerin Claudia Michelsen spricht über ihren neuen Film „Götter in Weiß“ und über Krankheiten, Familie und Auswüchse des Gewinndenkens.

15.11.2017
  • GABY HERZOG

Berlin. Claudia Michelsen hat einen leeren Einkaufskorb in der Hand, als sie das „De Maufel“ in Berlin-Charlottenburg betritt. „Der leere Korb? Ja, ich gehe nach unserem Gespräch auf den kleinen Markt an der Schaubühne“, sagt die 48-jährige Schauspielerin. „Da kaufe ich jeden Samstag mein Obst und Gemüse. Alles dort ist aus der Region, dem Umland.“ Sie nimmt an einem der runden Bistrotische Platz, schaltet ihr Handy aus und bestellt einen Tee, grün, ohne künstliche Aromen.

In Ihrem neuen Film „Götter in Weiß“ spielen Sie eine Ärztin. Anna Hellberg ist Chirurgin in einem Krankenhaus in Mecklenburg und lebt ein beschauliches Leben . . .

Claudia Michelsen:  . . . bis sie eines Tages merkt, dass in der Klinik schwer geschlampt wird.

Krankenhauskeime sind das zentrale Thema des Films.

Jedes Jahr infizieren sich bis zu 800 000 Menschen, rund 16 000 sterben jedes Jahr in Folge dieser multiresistenten Erreger. Und das sind die „offiziellen“ Zahlen.

In Deutschland?

Kapitalismus regiert unser Gesundheitssystem. Das fängt beim Pflegepersonal an, geht weiter bei längst überholten Instrumenten und reicht bis in die Steri-Abteilung. Kliniken hierzulande sind regelrecht verseucht.

Ist das nur ein deutsches Problem?

Nicht nur. Aber viele Nachbarn machen es besser. In Deutschland ist die Gefahr, sich einen Krankenhauskeim einzufangen, 100 Mal höher als etwa in Holland.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Thema Krankheit um?

Für mich ist die Frage, was ich präventiv tun kann, noch viel wichtiger. Seit der Geburt meiner Kinder versuche ich, bewusster zu essen und auch ganz generell bewusster zu konsumieren, indem ich keine unnötigen Besitztümer anhäufe.

Man sagt ja: Besitz verpflichtet.

Es ist überfällig für uns, alles das zu überdenken. Aber es passiert ja auch schon einiges. Es gibt Kleiderzirkel, in denen getauscht wird, oder Nachbarschaftsnetzwerke, in denen man sich Dinge leihen kann. Das ist doch eine tolle Erfindung, eine Reduktion im Konsumverhalten. Unterm Strich gewinne ich damit Zeit. Zeit für meine beiden Mädchen, meine Freunde, auch Zeit für Langeweile.

Für Langeweile?

Die Langeweile, die aufkommt, wenn es einfach einmal nichts gibt, was ich erledigen muss. In diesem kostbaren Zustand wird Phantasie freigesetzt. Gerade für Kinder ist das essentiell. Es gibt auch negative Langeweile, aber vielleicht hat das dann schon eher mit Sattheit, mit nicht mehr vorhandener Neugier zu tun. Neugier ist für mich absolut notwendig, auch um der Angst vor Wiederholungen zu begegnen.

Auch ein Grund, warum Sie sich generell auf dem roten Teppich eher zurückhalten?

Manchmal habe ich Spaß dabei, Kollegen zu treffen. Aber durch den medialen „Fortschritt“ hat sich vieles verändert. Wie wichtig allein die Außenwahrnehmung geworden ist! Wie viel Zeit kann man damit verbringen, sich da zu positionieren? Ich möchte nicht irgendwann das Gefühl haben, bei meinem eigenen Leben nicht dabei gewesen zu sein.

Das hört man oft von erfolgreichen Männern. Wenn sie im Alter zurückblicken, erkennen sie, dass sie die Zeit mit der Familie, verpasst haben.

Ich denke, das geht inzwischen auch Frauen so, die Familie haben und voll berufstätig sind.

So wie Sie.

Auch wenn es nicht immer ganz leicht ist, ist es mir wichtig – trotz aller Arbeit –, für meine Familie da zu sein, auch wenn es einmal nicht ganz rund läuft.

Bei vielen ist Arbeit eine Ausrede, um sich wegzuducken, wenn es Probleme gibt.

Bei mir nicht. Wir wissen, das Leben ist ein Auf und Ab. Die Talfahrten sind ja auch Lehrstunden, die man nicht missen möchte. Warum passiert mir das? Was hat das Problem mit mir zu tun? Dabei interessiert mich nicht die Frage nach Schuld. Das Verhalten und Handeln des Anderen ist von einem selbst ja nicht zu trennen. Ob im Beruf oder auf privater Ebene, wir spiegeln uns ja auch im Gegenüber.

Und Sie werden nie sauer?

Doch, schon. Aber ich bin mir sicher, dass alles für eine bessere Sache passiert, und wenn man in Wut und Ärger feststeckt, kommt man nicht weiter. Manchmal tut es gut, etwas Abstand zum Alltag zu gewinnen. Da mag ich den Blick vom Fernsehturm am Alexanderplatz.

Dort oben gibt es in 200 Metern Höhe auch ein Restaurant.

Früher, zu DDR-Zeiten, drehte sich die Plattform des Restaurants einmal in der Stunde um 360 Grad. Heute fährt sie in der selben Zeit zweimal rum, damit die Gäste nicht so lange bleiben. Noch so ein Beispiel für den schnellen Profit, den Gewinn, Kapitalismus.

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15.11.2017, 06:00 Uhr
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