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Mössinger Freifunk

Tage des offenen Netzes

In Mössingen gibt es zahllose Orte, an denen Menschen mit ihrem Mobilgerät unkompliziert, kabellos und gratis ins Netz kommen. Der Mössinger Informatik-Lehrer Frank Schiebel und seine Schülerinnen und Schüler sind die personelle Basis des Freifunk-Hypes in der Stadt. Inzwischen sind auch HGV und Stadtverwaltung dabei.

06.07.2019

Von Eike Freese

Engagierter Lehrer und zugleich bekennender Freifunker: Quenstedt-Pädagoge Frank Schiebel. Bilder: Klaus Franke

Der erste große Schritt war die Versorgung der großen Flüchtlingsunterkunft im Mehl-Hochhaus – doch inzwischen verbreitet sich der „Freifunk“-Trend im gesamten Stadtgebiet Mössingens wie, nun ja, ein Virus. Nicht mehr lang, und die Zahl der Orte, an denen Nutzer gratis ins Internet können, knackt die Hunderter-Marke. Die Idee: Privatpersonen, Gewerbe und Institutionen ermöglichen Passanten einen passwortfreien (Neben-)Zugang zu ihrer eigenen Datenverbindung - und sind dabei selbst abgesichert durch das Angebot von Freifunk-Initiativen (siehe Info-Box).

„Anbieter gehen dabei kein Risiko ein – und schaffen gleichzeitig einen großen Wert für die Allgemeinheit“, sagt der Mössinger Frank Schiebel. Schiebel ist Lehrer für Mathe, Physik, Informatik und NWT am Quenstedt-Gymnasium. Er ist gewissermaßen die Keimzelle der Freifunk-Bewegung vor Ort. Getragen wird das Projekt aber auch von seiner AG von Schülerinnen und Schülern, die in der Stadt Klinken putzen, um Interessierte aufzuklären, Router konfigurieren, Funkstrecken einrichten und darauf schauen, wo ein weiterer vielversprechender Knotenpunkt entstehen kann.

Wer überzeugt mitmacht, ist etwa Erhan Kirömeroglu, der im Gewerbegebiet Riethäcker einen gutgehenden Imbiss betreibt. Kirömeroglu ist Freifunk-Anbieter der ersten Stunde in Mössingen. „Es ist zunächst mal für meine Gäste etwas Schönes, hier schnell und unkompliziert ins Internet zu kommen“, so der Currywurst-Experte. Der Radius seines Freifunk-Angebots erstreckt sich aber auch ein wenig über seinen Imbiss hinaus und lockt dadurch den einen oder anderen weiteren Nutznießer auf dem Parkplatz an. „Das ist okay. Andere sollen gerne mitsurfen, mir macht das nichts aus. Und ein wenig mehr Leben bringt das hier auch“, sagt der Wirt.

Ein Mössinger Freifunker der ersten Stunde: Erhan Kirömeroglu schaltet den Router in seinem Imbiss beim Edeka-Center permanent frei für seine Kunden – und auch für manche Nicht-Kunden.

Kirömeroglu ist gewissermaßen ein „Satelliten-Anbieter“, der in einem Mössinger Außenbezirk eine kleine Insel für freies Internet geschaffen hat. Auch „Protonion Paintball“ in der Zeppelinstraße ist so einer, oder der Italiener „Mediterraneo“ in Schlattwiesen.

Dichter schon wird das Netz in der Bahnhofstraße: Vom Mode-Point bei der Volksbank über „Unser Buchladen“, Mode Muschler und die Post bis zu Mode Steinhilber und hinein in die Falltorstraße gibt es hier einige Anbieter, die für Kunden und Passanten auf der Straße viele Verbindungspunkte schaffen. „Wir haben den HGV und damit einige Geschäfte auf unserer Seite“, sagt Frank Schiebel, „das hilft dem Fortkommen des Projektes natürlich sehr. Die haben erkannt, dass das auch eine Art Standortfaktor sein kann.“

Für die Gastronomie gilt das sowieso. Gerade Einzelgäste wollen in Café, Imbiss oder Restaurant oft gern mal surfen. Können sie das nicht, suchen sie sich beim nächsten Mal womöglich eine neue Anlaufstelle. In Mössingen haben viele Gastronomen darauf reagiert und bieten eigene Datenverbindungen mit oder ohne Passwort an – oder eben einen Freifunk-Knoten.

„Vor allem unsere erste Gruppe war extrem motiviert, da gab es ein echtes Pioniergefühl“, so Schiebel. Zu den ersten Leistungen der Schülerinnen und Schüler gehörte es, das Flüchtlingswohnheim im Mehl-Gebäude mit freiem W-LAN auszustatten – eine Maßnahme, die für jeden entwurzelten Geflüchteten ein existenziell wichtiges Angebot sein kann. Damals wurde eine Funkstrecke vom Quenstedt-Gymnasium hinübergelegt (wir berichteten) und die jungen Leute konnten ihr technisches Know-How von vorne bis hinten unter Beweis stellen. „Es geht aber nicht nur ums Technische“, sagt Frank Schiebel: „Die Schülerinnen und Schüler lernen ja auch, sich in einem Berufs-analogen Umfeld zu bewegen und zu interagieren.“ Sie tun das zudem nicht allein aus Engagement für irgendein abstraktes Ziel, sondern spüren die Wirkung selbst – weil sie oft selbst die größten Nutzer sind. Weitere Anerkennung für das Engagement gab es etwa im vergangenen Jahr, als die Mössinger Bürgerstiftung die AG mit ihrem Jugendpreis auszeichnete.

Ansicht auf einige Zugangspunkte in der Mössinger Innenstadt. Unten: das Quenstedt-Gymnasium. Screenshot von freifunk-moessingen.de

Rathaus, 13. Februar. Die neue Mössinger Jugendvertretung tritt zum ersten Mal zusammen. Eines der Themen: die Vision des umfassenden Freifunks in Mössingen. Die jugendliche „Arbeitsgruppe Freifunk“ im 23-köpfigen Gremium schlägt zunächst weitere Standorte vor: Jakob-Stotz-Platz, Steinlachhalle, Jahnhalle, Hauptbahnhof – dort eben, wo Jugendliche gerne abhängen. Wenig später beschließen auch die Mössinger Stadträte Haushaltsmittel, um an ebendiesen Orten freies W-LAN zu installieren. Die Schüler sind weiter beteiligt, aber die Stadt stellt Techniker und Geld dort, wo es benötigt wird. „All das Geld kriegt unsere AG allein nicht weggearbeitet“, kann Frank Schiebel inzwischen sagen.

Eine derzeit hoch frequentierte Verbindung ist der Freifunk-Ableger beim Mössinger Freibad. Im vergangenen Sommer ging die von Schülerinnen und Schülern mit erstellte, komplexe und stets von Dutzenden gleichzeitig in Anspruch genommene Anlage auf Sendung. Billig war dieser spezielle Standort nicht, deswegen griff hier auch die Stadt mit ein (rund 1200 Euro). Doch nun können Unmengen von Freibadfreunden auf dem Gelände kostenlos ins Netz. Dafür gibt es regelmäßig viel Lob von Badegästen, die nicht selten lange Zeit auf dem Gelände verbringen. Auch alle Tourismus-Engagierten in Mössingen freut das – nicht zuletzt, weil direkt neben dem Freibad zudem der Wohnmobil-Stellplatz liegt, an dem Camper ein oder mehrere Tage verbringen. Mit dem eigenen Freifunk-Zugangspunkt ist der Ort nun viel attraktiver für Reisende geworden. Die Stadt wirbt verständlicherweise damit.

Ohne sie gäbe es die Zugänge nicht: Junge Leute der Freifunk-AG vom Quenstedt vor dem Alten Rathaus. Im Bürgerzentrum sorgten sie im Februar für freies W-LAN. Bild: Freifunk Mössingen.

Für Lehrer Frank Schiebel ist das freie Internet aber nicht nur ein Plus für Badegäste, Touristen und Leute, die auf den Bus warten. „Zugang zum Internet muss in der modernen Gesellschaft eine Sache der Grundversorgung sein“, findet Schiebel. Wo es Hürden gebe, sei damit auch die Gleichheit der Bürger, etwa Chancengleichheit für Schüler, berührt.

Weltweit gibt es Bewegungen wie „Open Wireless“, die Menschen dazu animieren wollen, eigene freie Netz-Zugänge anzubieten. Noch allerdings bestimmen vor allem wenige Engagierte darüber, dass es Städte gibt wie Mössingen mit vielen Zugangspunkten. „Es steht und fällt immer noch mit einzelnen Menschen vor Ort“, sagt Frank Schiebel. Deshalb ist etwa der Mössinger Teilort Talheim mit seinen rund 1800 Einwohnern überproportional gut verdrahtet. Schiebel selbst wohnt nämlich dort. Zudem ist etwa der Pfarrer sehr aufgeschlossen, es gibt Zugänge beim Jugendhaus, beim „Talwirt“ und Tennisheim, beim Gemeindehaus und beim Kirchturm.

Weil er weiß, dass ohne die AG und ihn selbst beim Thema Freifunk in Mössingen nicht übermäßig viel los wäre, sieht Frank Schiebel eine gewissermaßen institutionalisierte Freifunkbewegung im Ort als lohnenswertes Ziel. „Ein Stammtisch etwa wäre gut, wo sich fünf, sechs engagierte Erwachsene treffen, die den Freifunk-Gedanken voranbringen“, so Schiebel. „Die Vision ist: Die Idee soll in Mössingen personenunabhängig sein.“

Das Logo der Freifunk-Hotspots.

„Bin ich schon drin?“: kaum finanzielle, technische oder rechtliche Hürden beim W-LAN

Eine Übersicht über alle Freifunk-Spots gibt es auf der Internet-Seite der Mössinger Initiative www.freifunk-moessingen.de. Viele Anbieter zeigen etwa mit dem nebenstehenden Aufkleber, dass sie freies W-LAN anbieten. Sie haften dabei übrigens nicht für das Surf-Verhalten der Nutzer – die Daten laufen über Zwischenserver des Vereins „Freifunk Dreiländereck“. Meist bezahlen Anbieter einmalig bloß gut 20 Euro für den Router und die Einrichtung durch die Freifunk-AG. Nutzer können sich ohne Passwort direkt in die Knoten einwählen.

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Erstellt:
6. Juli 2019, 01:30 Uhr
Aktualisiert:
6. Juli 2019, 01:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Juli 2019, 01:30 Uhr

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