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Das Lang-Zeitgedächtnis

TAGBLATT-Redakteur Hans-Joachim Lang hat seinen Schreibtisch geräumt und geht in den Ruhestand

Seit gestern ist TAGBLATT-Redakteur Hans-Joachim Lang im Ruhestand. Er verlässt damit den Verlag, für den er als eines seiner Aushängeschilder 38 Jahre gearbeitet hat. Und er hat einen Rekord geprägt: Nach genau einem Tag Volontariat wurde er vom damaligen Verleger und Chefredakteur Christoph Müller zum Redakteur befördert.

27.08.2016
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Jede gute Zeitung hat ein Archiv, das TAGBLATT hat nicht nur ein Archiv, es hat zudem Hans-Joachim Lang. Leider ist er gerade 65 Jahre alt geworden und droht nun, selber ein Stück TAGBLATT-Geschichte zu werden. Es gibt wohl immer noch einige Leserinnen und Leser, die die Zeitung schon kannten und lasen, als Hans-Joachim Lang noch nicht für sie schrieb und recherchierte, doch egal ob Vor-Lang-Zeitleser oder weniger langjährige Abonnenten: Das TAGBLATT ist nur schwer vorstellbar ohne ihn.

1978 stand zum ersten Mal das Kürzel „jol“ im Blatt. Damals arbeitete der gebürtige Pfälzer nebenbei auch noch an seiner Promotion in Germanistik und verdingte sich darüber hinaus als freier Mitarbeiter bei der Zeitung. Seine WG-Zimmer waren immer voller Papierberge, alle seine Recherche-Baustellen brauchten mehr Platz, als die herkömmlichen Verkehrswege eines Zimmers zu bieten hatten, und so wurde bei ihm auch noch das Bügelbrett zur Schreibtischablage zweckentfremdet.

Lang ist gebürtiger Dudenhöfer. Davon gibt es gar nicht so viele auf der Welt, denn Dudenhofen ist klein (rund 5000 Einwohner). Aber weil es ein Musterbeispiel für ein Haufendorf abgab, wurde es im früheren braunen Diercke-Atlas auf einer Deutschlandkarte in großem Maßstab besonders hervorgehoben. Eine ähnlich unmögliche Kombination der Maßstäbe gelang auch Lang selber: Er war Lokalredakteur und Honorarprofessor in einer Person. Am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut unterrichtet er im Fach Empirische Kulturwissenschaft in jüdischer Geschichte, über Shoah und Erinnerungskultur. 2013 hielt er hier seine Antrittsvorlesung zur damals tobenden Beschneidungsdebatte.

Schon in der Anfangszeit als freier Mitarbeiter war klar, dass dieser Mann niemand ist, der seine Artikel runterhaut, irgend so ein Subunternehmer, der sich seine Stunden in Gemeinderatssitzungen in vielen möglichst länglichen Texten versilbern lässt. Langs Artikel waren fast immer mit Herzblut geschrieben, manchmal sah man ihn im sogenannten Fünferbandenzimmer nervös an seinem Schnurrbart zupfen und verzweifelt auf Eingebung warten. Als festangestellter Redakteur zog er sich gerne in das sogenannte Dichterzimmer zurück, wo allerdings auch ein energischer Sportberichterstatter seine herzhaften Telefongespräche führte.

Die Nase für den historischen Stoff

Ich selbst erinnere mich noch gut daran, dass Lang und ich zehn Jahre gemeinsam das „Ressort“ Besucherumfrage auf der Familienmesse innehatten. Die erwartbare Ergebnislosigkeit unserer Recherchen wurde zusammen mit ihm zum lustigen Abenteuerausflug. Was bei diesen Umfragen herauskam, war ungefähr so überraschend wie Pfützen nach einem Regenguss. Doch wir arbeiteten entschlossen auf das 10er Jubiläum hin. Und als Historiker arbeitete Lang sicher konsequenter als ich. Bis zu seinen letzten Tagen als angestellter Redakteur behielt er diese Konsequenz bei. Mit 15 Folgen bereicherte er die „Übrigens“-Glosse auf der lokalen Eins mit seinen traurig-komischen Beschreibungen der Vergeblichkeit, mit der er immer hoffte, per Bahn und Bus von Ofterdingen (seinem Wohnort) nach Tübingen zur Arbeit gebracht zu werden.

Lang recherchierte gründlich, machte seine Arbeit mit Inbrunst, er war mit Leib, Seele und fast immer auch mit Witz dabei. Bei ihm kombiniert sich Tiefsinn mit (gehobenem) Flachsinn zu einer seltenen Mischung. Und wenn er lacht, dann beginnt das bei ihm mit einer Implosion, die sich zur Explosion ausweitet. Erst zieht er die Schultern hoch und den Kopf ein, kneift die Augen zusammen, läuft rot an und dann bricht ein Lachgewitter aus ihm heraus. Nicht dass also jemand denkt, dieser Lang sei nur ein gnadenloser und unbestechlicher Rechercheur, ein antifaschistischer Rächer oder Erzengel der Kritik. Er kann auch anders.

Es ist das eigene Gewissen, das ihn bei seinen Forschungen, die nicht nur in Artikel, sondern auch in etliche Bücher mündeten, antrieb und sicher auch weiter antreiben wird. Dieses Gewissen erfährt freilich immer frische Impulse durch einen ausgeprägten Jagdin-stinkt. Was nicht bedeutet, dass Hans-Joachim Lang Jagd auf Nazis macht, wie spottlustige Kolleginnen es ihm manchmal unterstellten. Denn Nazijäger ist ein Titel, mit dem man ihn jagen kann. Lang jedoch jagte und jagt nie, um einen Nazi zu erlegen. Wenn er etwas jagt, dann ist es die Geschichte und sind es Geschichten, die er ans Tageslicht holen will. Bei seinen Spurensuchen hat er eine untrügliche Nase für historischen Stoff, selbst wenn er schon für manche das Verfallsdatum überschritten hat. Es geht ihm vor allem anderen immer um Wiedergutmachung und um die Erinnerung an die Opfer.

„Die Namen der Nummern“ hieß das Buch zu seiner herausragenden Recherchearbeit, in der er 86 Opfern der Nationalsozialisten ihre Namen und Biografien zurückgab. Sie waren im KZ Natzweiler-Struthof getötet worden und sollten als anatomische Präparate in medizinische Schausammlungen eingehen.

Hans-Joachim Lang war bei Recherchen zur Geschichte der Tübinger Uni-Anthropologie auf dieses Verbrechen gestoßen. Wie so oft ging auch hier seine Forschung vom Nahfeld aus, um dann immer größere Kreise zu ziehen. So war es auch im Jahr 1981, als der Lokalreporter über die erste Gruppe ehemaliger jüdischer Anwohner der Stadt und ihrer Angehörigen schrieb. Eine Besucherin hatte ihn auf die Spur ihres einstigen Nachbarn und Jugendschwarms, Theodor Dannecker, geführt. Lang arbeitete die Biografie des SS-Hauptsturmführers und „Judenberaters“ von Adolf Eichmann gründlich auf. Damit hatte er sein Lebensthema gefunden.

Nie blindlings von Schuld überzeugt

Im TAGBLATT sollten von da an noch viele Hintergrund- und Reportageseiten von „jols“ historischer Tüftelarbeit zu lesen sein. Neben der heimlich-unheimlichen NS-Heimatgeschichte präsentierte er aber viel Lokalhistorie mit viel Lokalkolorit. Oft schwieg er sich vorher über seine Recherchen aus, er überraschte gerne mit seinen Ausgrabungen. Man konnte allerdings sicher sein, irgendein Thema hat er immer am Wickel.

Hartnäckigkeit ist eine Eigenschaft, die ihn, der in seiner Jugend einmal pfälzischer Landesmeister im Gehen war, auszeichnet. Der einstige Kripochef Alois Gabrysch bekam diese Unerbittlichkeit zu spüren, als er, nachdem Lang ihn seiner nationalsozialistischen Täterschaft überführt hatte, sein Bundesverdienstkreuz abgeben musste. Andererseits ist Lang nie blindlings von einer Schuld überzeugt. Wenn alle anderen schon schuldig gesprochen haben, da zeigt er mit minutiöser Recherche, dass es vielleicht doch ganz anders war. So setzt er sich mit sagenhaften Detailkenntnissen dafür ein, dass dem Politologen Theodor Eschenburg, der unter Verdacht der Nazi-Täterschaft steht, nicht posthum Ungerechtigkeit widerfährt.

Universität und Justiz, das waren Langs Ressorts im TAGBLATT, Geisteswissenschaft und Gerechtigkeit. Für seine Artikelfolge über die selbstherrlich Druck auf Schöffen und Angeklagte ausübende Dritte Große Strafkammer des Tübinger Landgerichts, die sogenannte „Dippon-Kammer“, erhielt er 1990 den begehrten „Wächterpreis der Tagespresse“. Jetzt könnte hier eine Liste weiterer Preise und Ehrungen folgen, die ihm im Laufe der Jahre verliehen wurden, aber das klänge dann so abschließend und wie ein Nachruf.

Wir sind überzeugt, dass in den nächsten Jahren noch weitere Preise hinzukommen werden. Denn eins ist so sicher wie ein Lang Pfälzer: Er wird noch viel am Schreibtisch zu tun haben, er wird recherchieren und schreiben und in seinen Zettelbergen auf dem Bügelbrett graben. Wir hoffen inständig, dass die eine oder andere Ausgrabung davon ins TAGBLATT findet.

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27.08.2016, 01:00 Uhr
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