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Szene

Süße Kunst vom Dichter-Enkel

Bertolt Brechts Nachfahre Sebastian verkauft seine selbst kreierten Pralinen, Trüffel und Tafeln jetzt in einem eigenen Geschäft in New York.

19.11.2019

Von dpa

Fotografieren lässt er sich nicht: Sebastian Brecht. Foto: Marie Weigl/dpa

New York. Sebastian Brecht wirbelt durch seine Küche. Ein Kunde hat 150 Pralinen bestellt. Die Creme rührt er mit Yuzu an, einer japanischen Zitrusfrucht. Er umhüllt sie mit hauchdünner Zartbitterschokolade. Die Praline hat die Form einer Pyramide, auf dessen Spitze ein Kügelchen aus weißer Schokolade thront. Ein kleines Kunstwerk.

Brecht ist der Enkel des Dichters und Dramatikers Bertolt Brecht (1898–1956). Der war 1941 mit seiner Frau, der Schauspielerin Helene Weigel, und den beiden Kinder, Stefan und Barbara, auf der Flucht vor den Nazis in Kalifornien gelandet.

Während die 150 Yuzu-Pralinen im Kühlregal ruhen, verfeinert Brecht den Geschmack seiner Indien-Tafel. Er verkauft eine Reihe Schokoladentafeln, die von landesspezifischen Zutaten inspiriert sind.

Der Bestseller ist die Italien-Tafel mit dunkler Schokolade, Mandeln und Olivenöl, gefolgt von der Türkei mit Kardamom und Kaffee, China mit Lapsang Tee und geröstetem Sesam und Griechenland mit einer Fenchel-Füllung. Brecht: „Der Bacchusstab des Dionysos soll ein Riesenfenchel gewesen sein.“

Mit 21 Jahren war Brecht aus sämtlichen Schulen geflogen und arbeitete als Schlosser. Da fiel ihm sein Lebens-Schlüssel in die Hand: Ein Buch über französische Torten. Er besuchte das French Culinary Institute in Manhattan, spezialisierte sich in Konditorei, lernte im Sterne-Restaurant La Reserve und unter Chefkoch Jean-Georges Vongerichten, machte sich selbstständig und verkaufte seine Torten an New Yorks beste Delikatessenhäuser.

„Jeder Konditor zieht die Schokolade wegen der längeren Lebenszeit dem Kuchen vor“, sagt Brecht. „Ein Kuchen hält vielleicht drei Tage. Eine Tafel Schokolade mehrere Wochen.“ Am Valentinstag 2017 eröffnete Brecht, den die „New York Times“ bereits einen der „führenden Konditoren der Stadt“ nannte, das eigene Geschäft „Obsessive Chocolate Disorder“ auf der East 4th Street im Süden Manhattans.

Brecht reagierte verständnisvoll

Ein bemerkenswerter Zufall: Der Dichter-Enkel, der nie zum Theater wollte und sich nie fotografieren lässt, landete mit seinem Laden auf einer der bedeutendsten Theater-Straßen New Yorks, dem Ellen Stewart Way, benannt nach der Gründerin des legendären La MaMa-Theaters. Dieser Straßenabschnitt ist einer von nur drei in ganz New York, die offiziell denkmal-und kulturgeschützt sind.

Seit mehr als hundert Jahren sind Theater, Varieté-Clubs und Tanzkompanien in den Häusern. Überall wird geprobt, gesungen, getanzt, gespielt. Und mitten in dem historisch geladenen Performance-Gewusel verkauft Brechts Enkel Schokolade.

Der Name „Obsessive Chocolate Disorder“ spielt auf zwanghafte Verhaltensstörungen an. Eine entrüstete Dame warf Brecht neulich vor, er würde sich über die Krankheit lustig machen, unter der rund zwei Millionen Amerikaner leiden – auch ihre Tochter. Brecht reagierte verständnisvoll. Er selber lebe seit vielen Jahren mit der Krankheit, sagt er. Humor helfe, ihm damit besser umzugehen.

„Seine Schokolade ist verspielt und humorvoll“, sagt Brechts Mitarbeiterin Marisa Negro. Sie liebe die „Area 51“, eine fliegende Untertasse mit Chips und Karamell. Die Form hat Sebastian selber entworfen, auch beispielsweise einen Skorpion und einen Haifisch. Und eine Österreich-Tafel. Die ist nach einem Marillen-Knödel-Rezept seiner Großmutter Helene Weigel kreiert.

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Erstellt:
19. November 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. November 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. November 2019, 06:00 Uhr

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