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Die Risiken wurden zu groß

Südweststrom-Windpark GmbH will größten Offshore-Park nicht mehr

Jetzt ist es beschlossene Sache: Die bei den Tübinger Stadtwerken residierende Südweststrom Windpark GmbH zieht sich von der Nordsee zurück. Gestern entschieden sich die 65 Gesellschafter definitiv gegen den seit fünf Jahren angepeilten Kauf des Offshore-Windparks Bard I. Die eigens dafür gegründete Firma wird zum Ende des Jahres aufgelöst.

20.11.2012
  • Sepp Wais

Tübingen. Nach dem ursprünglichen Zeitplan der Bremer Bard-Gruppe sollte der größte Windpark Deutschlands auf hoher See längst fertig und an den Tübinger Südweststrom-Verbund übergeben sein. Das Megaprojekt besteht aus 80 Windrädern, die 90 Kilometer nordwestlich von Borkum in die Nordsee gepflanzt werden. Mit einer Gesamtleistung von 400 Megawatt und einer Jahresproduktion von 1,6 Milliarden Kilowattstunden ist die auf 60 Quadratkilometer verstreute Anlage darauf ausgelegt, den Strombedarf von 400.000 Haushalten abzudecken.

Die Planungen für den Windpark reichen ins Jahr 2005 zurück. Baubeginn war im Herbst 2010, bereits ein Jahr später sollte der Windpark fertig sein und seine volle Leistung bringen. Unter diesen Voraussetzungen erschien das Projekt dem Tübinger Südweststrom-Verbund geradezu ideal, um in großem Umfang in die Stromerzeugung einzusteigen und dabei auch noch die Energiewende voranzutreiben. Im Sommer 2009 hatte Südweststrom-Chefin Bettina Morlok die ersten 15 Stadtwerke für die Gründung der Südweststrom Windpark GmbH zusammen. Einziger Zweck des Ablegers: die Übernahme des schlüsselfertigen Windparks und dessen Betrieb.

Doch schon bald zeichnete sich ab, dass Bard seine Zusagen nicht halten konnte. Weil sich die Montage auf der rauen Nordsee als weitaus schwieriger erwies als erwartet, geriet der Zeitplan völlig aus den Fugen. Eigentlich sollte der Offshore-Park bereits vor anderthalb Jahren komplett fertig sein. Dieser Tage meldete Bard, dass man jetzt immerhin schon ein Viertel der geplanten Leistung ins Stromnetz einspeisen könne. Neuer Termin für die Fertigstellung: Ende 2013/Anfang 2014.

Millionenverluste für den Financier

Wie mit dem Zeitplan kam der Hersteller auch mit seinem Kostenplan ins Schleudern. Anfangs sollte das Pilotprojekt 1,5 Milliarden kosten, mittlerweile ist von 2,3 Milliarden Euro die Rede. Das viele Geld wurde von der Mailänder Unikreditbank vorgestreckt, die inzwischen wohl keine Chance mehr sieht, ungeschoren aus dem Projekt herauszukommen: In ihrer letzten Bilanz schrieb die Bank einen Windpark-Verlust von 700 Millionen Euro ab.

Bei den ersten Rückschlägen in der Nordsee waren die Südweststromer noch zuversichtlich, dass Bard die Probleme in den Griff bekommen würde. Aber dieser Glaube wurde immer mehr erschüttert – bis der Aufsichtsrat mit dem Tübinger OB Boris Palmer an der Spitze Anfang November zum Rückzug blies – mit der enttäuschenden Feststellung: „Es ist nichts so eingetreten, wie man sich das anfangs gedacht hatte.“ Deshalb ist auch der Traum vom günstigen Grundlaststrom aus der Nordsee geplatzt: „Der ist nicht unter 30 Cent pro Kilowattstunde zu produzieren.“ Zum Vergleich: Die Windräder an Land liefern für weniger als 10 Cent.

Als Palmer und Morlok den 65 Gesellschaftern, die sich am gestrigen Mittwoch im Stuttgarter SI Centrum versammelten, den finalen Ausstieg vorschlugen, war nicht nur die Enttäuschung groß, sondern auch die Einsicht, dass es an der Zeit ist, einen Schlussstrich zu ziehen. Die Entscheidung, das Projekt aufzugeben und die Windpark GmbH aufzulösen, fiel laut Palmer „ganz eindeutig“ aus. Offenbar war den Südweststrom-Partnern nach mancher bösen Überraschung das Offshore-Konzept nicht mehr ganz geheuer. In einer knappen Pressemitteilung schrieb Morlok dazu: „Die Verzögerungen beim Bau und die nicht absehbaren Risiken bis zur Fertigstellung waren ausschlaggebend.“

Konzentration aufs eigene Revier

Was den beteiligten Stadtwerken die Entscheidung sehr erleichterte, war der neue Wind in der Landesregierung. „Wer früher in die Windkraft investieren wollte“, meint Palmer dazu, „für den war der Heimatmarkt durch die CDU total vernagelt.“ Dank der grün-roten Regierung in Stuttgart haben die kommunalen Versorger nun die Chance, in ihrem eigenen Revier oder zumindest im Land aktiv zu werden. Wie die Tübinger Stadtwerke (siehe Kasten) haben die meisten Südweststrom-Partner bereits konkrete Pläne für den Bau kleinerer Windanlagen – aber noch keine Bauplätze.

Lesen Sie dazu auch das “Übrigens” in der Mittwochsausgabe des Schwäbischen Tagblatts.

Südweststrom-Windpark GmbH will größten Offshore-Park nicht mehr
Der Offshore-Park Bard I umfasst 80 Windräder, die so hoch sind wie der Turm des Ulmer Münsters. Eigentlich sollte das anfangs auf 1,5 Milliarden, mittlerweile auf 2,3 Milliarden Euro veranschlagte Kraftwerk in der Nordsee längst fertig sein. Doch bis jetzt speist es nur ein Viertel der geplanten Gesamtleistung ins Stromnetz ein. Bild: Bard-Gruppe

Die Tübinger Stadtwerke, die sich mit zehn Millionen Euro an dem Windpark beteiligen wollten, verabschieden sich jetzt mit einem Minus von 200 000 Euro aus dem Großprojekt. Für OB Palmer ist das „ein schmerzlicher, aber erträglicher Verlust“. Für ihn gilt: „Wer kein Risiko eingeht, kann kein Geld verdienen.“ Nach dem Rückzug von der Nordsee wollen die Tübinger Stadtwerke (SWT) mit ihren Investitionen nun im Land bleiben. Insgesamt hat der Aufsichtsrat der Geschäftsführung 50 Millionen Euro für die Beschleunigung der Energiewende bewilligt. An Geld fehlt es also nicht – umso mehr an machbaren Projekten. Laut OB Palmer sind die Stadtwerke derzeit „an einem Dutzend denkbarer Windkraft-Standorte in Baden-Württemberg zugange – aber noch nirgends am Ziel“. Zum einen, weil geeignete Grundstücke nur schwer zu bekommen sind. Zum anderen, weil es – wie im Rammert – überall erhebliche Widerstände von Anwohnern und Naturschützern gibt. Wo die Stadtwerke ihr erstes großes Windrad aufstellen können, ist noch unklar. Palmer weiß bisher nur, wann das sein soll: „möglichst bald.“

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20.11.2012, 12:00 Uhr
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