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Literatur

Süden trifft Franck

Friedrich Ani versammelt in seinem neuen Krimi seine Helden. „All die unbewohnten Zimmer“ ist ein bedrückender Gesellschaftsroman.

22.06.2019

Von JÜRGEN KANOLD

Der Schriftsteller Friedrich Ani. Foto: Heike Steinbeis.

Ulm. Es gibt Hollywood-Filme, deren Besetzungsliste allein schon ein Ereignis ist. Stars im Kollektiv. Der Western „Die glorreichen Sieben“ gehört dazu. Das kommt einem in den Sinn bei der Lektüre von Friedrich Anis neuem Roman „All die unbewohnten Zimmer“. Denn der 60-Jährige, der seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten (und besten) deutschen Kriminalschriftstellern gehört, versammelt darin seine bekannten Helden aus diversen Büchern. Nur – glorreich sind sie wirklich nicht.

Tabor Süden kehrt zurück, der „Verschwundenensucher“, der zunächst bei der Vermisstenstelle der Polizei als Fahnder und später frei als Privatdetektiv arbeitete – total abgestürzt, Alkoholiker ohne festen Wohnsitz. Dann der pensionierte Hauptkommissar Jakob Franck, der mit seiner „Gedankenfühligkeit“ geradezu konspirativen Kontakt zu den Opfern aufnimmt und der nach wie vor als „Todesbote“ gefragt ist, als Überbringer der schlimmen Nachrichten für die Angehörigen. Es sind einsame Männer mit verwundeten Seelen, die alles gesehen haben.

Dann wäre da noch Polonius Fischer, ein ehemaliger Mönch, der in München das Morddezernat K 111 leitet und dessen Team man „Die zwölf Apostel“ nennt: Ein gläubiger Charakterkopf mit ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden, der gelernt hat, dem Augenschein nicht zu trauen. Und in seinen Reihen: die Oberkommissarin Fariza Nasri, die einst unter Franck gedient hatte, später in die Provinz versetzt wurde und jetzt eine neue Chance erhält – ihre Vergangenheit, auch das ist eine Geschichte, führt zum Kern dieses Romans. Es geht um Zivilcourage, Gerechtigkeit, Integrität.

Die Handlung: Ein junger Streifenpolizist wird mit einem Ziegelstein erschlagen, nicht weit entfernt von der Demonstration einer rechtspopulistischen Partei, die hier PAD heißt. Der Polizist hatte zwei Kinder verfolgt, weil sie Äpfel stahlen. Diese Kinder sind traumatisierte Flüchtlinge aus dem syrischen Aleppo – auch ihr Schicksal wird erzählt in diesem Roman, der viele Perspektiven hat.

Dass der Suhrkamp Verlag dieses Buch im Hauptprogramm seiner deutschsprachigen Literatur herausbringt, bedeutet nicht nur, das Friedrich Ani fern des Schubladendenkens zu den sprachmächtigen Gegenwartsautoren zählt und psychologisch komplexe Figuren zeichnet, sondern dass sein 500-Seiten-Krimi auch ein Gesellschaftsroman ist.

„All die unbewohnten Zimmer“ liest sich brandaktuell in einer Zeit, in der ein Fall wie der Mord an dem Kasseler Regierungspräsident Lübcke die Menschen bewegt – oder auch nicht. Ressentiments, Hetzjagden gegen Flüchtlinge, rechtspopulistische Stimmungsmache, neonazistische Infiltration – und ebenso öffentlicher Druck bei den Ermittlungen durch Politik wie Medien auf eine überforderte Polizei, in dessen Reihen nicht jeder auf festem demokratischen Boden steht. Und selbst die Guten sind anfällig für das Böse.

Darum geht es. Aber nicht spektakulär, nicht tagesaktuell effektheischend. Ani schreibt realistisch über die Gefühlslage in dieser Republik, serviert dem Leser keine platten Wahrheiten, sondern Porträts von Menschen – wütenden und resignierenden, traurigen, schmerzerfüllten, verblendeten. Alles bleibt lange in der Schwebe: mühsame Spurensuche, ein falsches Geständnis. Und, ja, für die Friedrich Ani-Fans ist allein schon diese Figuren-Vernetzung, dieses Quartett der Fahnder, ein Lese-Spaß.

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Erstellt:
22. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2019, 06:00 Uhr

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