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Wilhelmspalais

Stuttgarts neue gute Stube

Die Bürger nehmen nach langem Warten erstmals ihr Stadtmuseum in Augenschein. Es könnte der neue Mittelpunkt der Stadt werden.

16.04.2018
  • BARBARA WOLLNY

Stuttgart. Draußen vor dem Wilhelmspalais wackelt die Piratenhüpfburg unter dem Ansturm der tobenden Kinder. Drinnen ertönt die Filmmusik der „Pirates of the Caribbean“. Die kleinen Stuttgarter betreten das Haus nicht über dessen repräsentative Freitreppe, sondern entern es über eine extra aufgestellte Kletterwand. Dabei werden sie von einem großen Piraten angefeuert und drinnen an einem Extra-Schalter mit Augenklappen und einem Lageplan zur Schatzsuche durch das Haus ausgestattet.

Am Wochenende eröffnete unter dem Motto „Endlich offen“ das in über zehn Jahren für 41 Millionen zum Stadtmuseum umgebaute historische Wilhelmspalais. Dabei wurde mehr als deutlich, dass Kinder als zentrale Zielgruppe des Museums sehr gern gesehene und umworbene Besucher sind. Für sie ist dann auch gleich eine ganze Etage reserviert.

Im ebenerdigen Gartenzimmer können sie im sogenannten „Stadtlabor“ mit großen Würfeln Häuser, Türme oder Tore bauen und mit einer Abrissbirne wieder alles niederreißen – was die Kinder von Daniela Breinig und Björn Kantereit mit großer Begeisterung gleich immer wieder in die Tat umsetzen. Das junge Paar, das mit seinem Nachwuchs im Alter zwischen zwei und fünf Jahren in Stuttgart-Mitte wohnt und am Samstag zu den ersten Besuchern zählte, wusste schon vor der Eröffnung, dass Pädagogik im neuen Haus eine große Rolle spielt. Vor Ort aber zeigten sie sich dennoch überrascht und begeistert davon, dass Familien und alle anderen an diesem zentralen Platz der Stadt künftig einen Ort haben, an dem sie jederzeit eintrittsfrei willkommen sind.

„Es reizt mich unendlich, wiederzukommen“, sagt Joachim von Lübtow aus Schorndorf. Der ehemalige Berliner im Rentenalter findet es spannend, den Anfang des Hauses mitzuerleben. „Es macht neugierig. Ich finde es sehr gelungen, dass auf so viele unterschiedliche Arten die Menschen angesprochen werden.“ Das schlichte Straßenschild „Stuttgart-Degerloch“ ist für Achim Lauer das spannendste Ausstellungsstück. Für den vor Jahren aus Freiburg zugezogenen wissenschaftlichen Mitarbeiter des Museums war es eine neue Erfahrung, dass die Stuttgarter Stadtteile eine starke Identität besitzen und pflegen.

„Es ist ein Haus für Stuttgarter und für alle, die sich für Stuttgart interessieren“, sagt Lauer, der die letzten zwölf Jahre am Konzept des Hauses mitgearbeitet hat. „So wie das Rathaus ein Haus der Bürgerschaft ist, wollen wir der Ort sein, an dem sich die Stuttgarter treffen und über ihre Vergangenheit und Zukunft sprechen. Das Stadtpalais soll keinesfalls bloß ein musealer Ort sein“, sagt Lauer. Das Haus wolle mehr als nur Unterhaltung bieten. „Wir hoffen auf viele Schulklassen“, sagt er, „und mit den Kindern erreichen wir auch die Eltern.“

Von den modernen, mit viel hellem Holz und Beton gestalteten Innenräumen nach draußen: vom offenen Balkon im ersten Stock genießt man auch hier einen neuen zentralen Blick auf die Stadt: links auf die Glasdächer des Dorotheenviertels und das Alte Schloss, geradeaus auf Kunstmuseum und kleinen Schlossplatz, rechts auf Schlossgarten und Neues Schloss. Das Stadtpalais als Stuttgarts neue Mitte? Zumindest bei dieser Aussicht würde man spontan Schriftsteller Joachim Ringelnatz Recht geben. Sein Spruch zu Stuttgart ist auf einer Jutetasche abgedruckt, einem von insgesamt 740 ausgestellten Objekten: „Stuttgart ist schon gegen dieses Scheiss München ein Paris.“

Für sechs Millionen Euro, die bereits vom Gemeinderat genehmigt worden sind, soll in den nächsten zwei Jahren ein Geh- und Radweg von der Landesbibliothek am Stadtpalais vorbei zum Charlottenplatz führen und damit das Gebäude, das auch von der Urbanstraße aus betreten werden kann, noch besser erschließen.

Nach dem turbulenten Eröffnungswochenende wirkt Torben Giese zwar leicht erschöpft, befinde sich aber voll im „Museumsglück“. Hat der Chef des Hauses auch Lieblingsstücke? Giese deutet auf einen schlichten rosa-grauen Türgriff, der aus dem „Café Jenseitz“ stammt. Dieser einfache Gegenstand aus der Schwulenszene würde perfekt den Anspruch des Hauses verkörpern: Nicht nur die offiziellen Geschichten der Stadt erzählen, sondern die ganze Vielfalt Stuttgarts in einem Haus zeigen.

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16.04.2018, 06:00 Uhr
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