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Stuttgarter Beratungsstelle für misshandelte Männer erhält Zulauf – Ein Betroffener erzählt
Unterstützen misshandelte Männer: Berater Jürgen Waldmann (li.) und sein Kollege Thomas Säger. Foto: Ferdinando Iannone
Vertauschte Rollen

Stuttgarter Beratungsstelle für misshandelte Männer erhält Zulauf – Ein Betroffener erzählt

Seit 2014 gibt es in Stuttgart eine der wenigen Anlaufstellen für misshandelte Männer bundesweit. Immer mehr Opfer melden sich. Ein Fallbeispiel.

26.08.2016
  • DOMINIQUE LEIBBRAND

Stuttgart. Die Zeiten des Aufruhrs, sie liegen hinter ihm. Alexander Schreiber, groß, braune Haare, sitzt in einem Café im Stuttgarter Zentrum. Der 43-Jährige wirkt entspannt, aufgeschlossen. Vermuten würde man das nicht. Erst vor ein paar Wochen ist seine Frau aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Er atmet durch. „Die Ruhe nach dem Sturm.“ Im Polizeideutsch würde man sagen, dass Alexander Schreiber, der eigentlich anders heißt, ein Opfer häuslicher Gewalt geworden ist. In seinen Worten: „Meine Frau hat mir ein paar verpasst.“

16 Jahre waren Alexander Schreiber und seine Frau ein Paar, zwölf davon verheiratet. Gestritten wurde oft und leidenschaftlich. „Doch es gab nie Gewalt“, sagt der Angestellte im Rückblick. „Wir waren ein normales Paar.“ Das dachte er zumindest. Vor etwa einem Jahr begann es in der Beziehung zu kriseln. Die Auseinandersetzungen wurden intensiver und endeten häufiger ohne Lösung. Eine Paartherapie folgte. Sie wollte sich trennen. Dann doch ein neuer Anlauf. Und ein neues Scheitern.

Irgendwann im Frühjahr will Alexander Schreiber Schluss machen, die Ehe beenden. Zunächst bleiben aber beide in der Wohnung. Getrennt und doch tagtäglich zusammen – das heizt die schlechte Stimmung zwischen den beiden an. „Es gab dann einen großen Streit. Sie tat so, als würde sie mich mit dem Handy filmen und provozierte mich“, erinnert er sich. Anders als früher ist seine Frau in der Auseinandersetzung nicht defensiv und weinerlich, sondern aggressiv. „Schlag mich doch“, habe sie gesagt. Schließlich habe er sich das Handy geschnappt. Was seine Frau dann tut, damit rechnet er nicht. „Sie rannte in den Hausflur und schrie um Hilfe, rief sogar die Polizei.“ Panik. „Für mich war klar, dass sie denken werden, dass ich der Täter bin.“ Der 43-Jährige rechnet damit, dass er der Wohnung verwiesen wird. „Die Polizisten haben mich auch erst mal gefragt, ob ich irgendwo unterkommen kann.“ Die Schilderungen seiner Frau erscheinen den Beamten aber offenbar nicht plausibel. „Die Polizistin hat meiner Frau dann ganz deutlich gesagt, dass sie die Wahrheit sagen muss.“ Schreibers Frau macht daraufhin einen Rückzieher. Es sei nichts passiert.

Ein paar Wochen später kommt der Tag, den Alexander Schreiber den „Point of no Return“ nennt. Wieder mal Streit. Schreibers Frau gerät in Rage. „So kannte ich sie gar nicht.“ Wieder Rangelei um das Handy. Dann schlägt Schreibers Frau zu. Er erinnert sich: „Ich dachte noch, okay, jetzt kriege ich eine Ohrfeige.“ Auf die eine folgte die zweite, links, rechts, links, rechts. „Dann habe ich ihre Hand festgehalten, sie gefragt, was eigentlich los ist.“ Noch Tage später wird er ein Ziehen am Ohr spüren.

Der 43-Jährige verlässt die Wohnung, geht zur Polizei, erstattet Anzeige wegen Körperverletzung. Er will die Situation entschärfen. „Ich hatte große Angst, dass ich mich irgendwann wehre und meiner Frau was passiert. Sie könnte ausrutschen, hinfallen.“ Er wiegt 93, sie etwa 57 Kilo. Bei der Polizei trifft er nicht sofort auf Verständnis. „Die haben schon alle geschmunzelt. Das waren ja vertauschte Rollen.“ Die Beamten hätten dann aber doch noch gut reagiert. „Sie haben meiner Frau gesagt: Das muss aufhören.“

Alexander Schreiber ist nicht das typische Opfer. Er wirkt aufgeräumt, reflektiert. Er spricht klar, in ruhigem Ton. Als die Polizisten ihm den Tipp geben, sich an die Stuttgarter Beratungsstelle für misshandelte Männer zu wenden, nimmt er das dankend an. „Da war ich zweimal, das war ziemlich gut.“ Er sei darin bestärkt worden, dass es richtig war, zur Polizei zu gehen.

Etwa 20 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind männlich, schätzt die Leiterin der Stuttgarter Stabstelle für Chancengleichheit, Ursula Matschke. Zwei Jahre lang hat ihre Abteilung das Pilotprojekt „Gewaltschutz für Männer“ finanziert, aus dem die Beratungsstelle für misshandelte Männer in der Nähe des Olgaecks entsprungen ist. Die Stadt bezahlt für die Einrichtung seit diesem Jahr eine feste Stelle. Sie ist bei der Fachberatungsstelle Gewaltprävention angesiedelt, die vom Verein „Sozialberatung Stuttgart“ getragen wird. Dort werden unter anderem auch weibliche Täter betreut.

„Wir haben früher immer wieder Anrufe von misshandelten Männern bekommen, die Hilfe suchten“, erinnert sich Berater Jürgen Waldmann. Daher habe man die Notwendigkeit gesehen, männlichen Opfern eine Anlaufstelle zu bieten. Diese seien bundesweit rar gesät, sagt Ursula Matschke – zumal kommunal finanziert. Ziel sei, das Thema zu enttabuisieren. Seit die Stelle bekannter ist, ist auch die Nachfrage gestiegen. Man habe im vergangenen Jahr 134 Kontakte gezählt, das Gros nach einer Pressekonferenz im Frühjahr 2015, bei der das Projekt vorgestellt wurde, sagt Jürgen Waldmann. Der 60-Jährige und sein Kollege Thomas Säger, der ihn mittlerweile unterstützt, haben sich nach vielen Gesprächen zu Experten für männliche Opfer gemausert. Diese seien in der Regel isoliert. Wenn sie im Freundes- und Bekanntenkreis von Misshandlung berichteten, heiße es: „Du bist doch der Mann, Du regelst das.“ Fraglich sei, wie, sagt Jürgen Waldmann. „Viele der Männer haben als Kinder selbst erlebt, wie der Vater die Mutter geschlagen hat. Als Erwachsene schwören sie sich, es anders zu machen, doch ihnen fehlen die Handlungsalternativen. Denn sie haben nur die eine Konfliktlösungsstrategie vorgelebt bekommen.“

In vielen Fällen sind Kinder im Spiel, eine Trennung wird dadurch schwieriger. Waldmann: „Die Frauen drohen, den Männern die Kinder wegzunehmen.“ Überhaupt sei weibliche Gewalt eher psychischer Natur, was schwerer nachzuweisen sei als ein blaues Auge. Die Frauen übten Druck aus, kontrollierten Handys, drohten mit Selbstmord oder eben dem Entzug der Kinder. Kommt es zu körperlicher Gewalt, dann oft im Affekt und nicht selten unter Zuhilfenahme von Messern oder anderen Gegenständen. Die Spanne sei breit, so Waldmann. „Es gab einen Mann, der von seiner Frau mit einer Holzlatte verprügelt wurde. Ein anderer wurde von seiner Frau wegen sexuellen Missbrauchs des Kindes angezeigt. Das Verfahren wurde wegen Mangels an Beweisen eingestellt, doch der Makel bleibt natürlich.“

Kommen die Männer in die Beratungsstelle, haben sie oft eine jahrelange Spirale von Streit und Gewalt hinter sich. „Wir bauen sie auf, sagen ihnen, dass sie nicht alleine sind“, erklärt Waldmann. Man biete keine Therapien, sondern Handlungsalternativen, vermittle eine weiterführende Betreuung, zeige einen Weg aus der kaputten Beziehung.

Alexander Schreiber hat diesen Sprung geschafft. Schneller und klarer als viele andere, wie auch Jürgen Waldmann sagt. Im Umfeld hat er eher positive Erfahrungen gemacht. „Meine Freunde und meine Familie stehen zu mir.“ Öfter hat er überlegt, die Anzeige gegen seine Frau zurückzuziehen. Doch er hat sich dagegen entschieden. „Sie muss Verantwortung übernehmen für das, was sie getan hat.“

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26.08.2016, 06:00 Uhr
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