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Im Hans-Rebel-Haus

Studieren und Kinder haben

Studierende mit Kindern haben schon genug um die Ohren. Dazu kommt noch der Stress, eine geeignete und bezahlbare Wohnung zu finden. Manche haben Glück: Sie wohnen im Rebel-Haus.

02.06.2010

Von Ulrike Pfeil

Tübingen. Einen Architekturpreis wird das Haus am Rand des Studentendorfs Waldhäuser-Ost, gleich neben der Geschwister-Scholl-Schule, kaum gewinnen. Es ist ein sachlicher Funktionsbau mit Flachdach, und Welleternit-Verkleidungen, aufgelockert nur durch die Fassadenfarben Gelb, Rot, Orange. Von außen sieht man ihm nicht an, wie viel Leben drin steckt: um die 50 Kinder und knapp zwei Mal so viele Mütter und Väter aus 30 Nationalitäten. Das Besondere: Diese Eltern – mindestens aber ein Elternteil – studieren an der Uni.

Das Rebel-Haus ist heute nicht mehr das einzige in Tübingen, das gezielt für Studenten mit Kindern gebaut wurde. Aber zu seiner Entstehungszeit vor 35 Jahren war es eine Pioniertat. Das schaffte die legendäre Tübinger Landgerichtsdirektorin Dr. Hedwig Maier mit Unterstützung von anderen sozial wachen Frauen und Männern.

Das Geld war für ein Seniorenheim gedacht

Das Geld, das sie dafür in die Hand nahmen, war eigentlich für einen anderen Zweck bestimmt: Hans Rebel, ein Tübinger Professor für Zahnmedizin, hatte Maier sein Vermögen hinterlassen mit dem Auftrag, davon ein Seniorenheim zu finanzieren. Davon, fand die Juristin, gab es aber schon genug. Woran es dagegen fehlte, waren erschwingliche Wohnungen und Kinderbetreuung für Studierende mit Kindern.

Könnte der Stifter sich heute im Rebel-Haus umsehen, hätte er wohl nichts gegen die Umwidmung. So sieht es auch Ursula Zöllner, Maiers Nachfolgerin als Vorsitzende des Trägervereins, der das privat finanzierte Haus unterhält. Ingrid Schneider-Hoffmann, Steuerberaterin von Beruf, wacht als Vorstandsmitglied über die Kasse.

Ein Erweiterungsbau aus den 1980ern wurde voriges Jahr abbezahlt; zuletzt steckte der Verein 1,3 Millionen Euro in eine neue Heizung, Flure, Duschen. 60 000 Euro an jährlichen Reparaturen kommen zusammen. „Seit einer Förderung für den Ursprungsbau kamen keine öffentlichen Zuschüsse mehr“, sagen die Frauen, eher stolz als klagend. Denn sie tragen mit ihrem Ehrenamt und „sehr, sehr sparsamer Haushaltung“ zum Fortbestand bei.

80 bis 100 stehen auf der Warteliste

Wer hier eine Wohnung sucht, wendet sich an Heike WeikertBoess. Die Teilzeit-Angestellte für die Verwaltung hat seit zwölf Jahren ihr fröhlich dekoriertes Büro im Erdgeschoss. Sie betreut die Warteliste (80 bis 100 Anfragen) und macht die Mietverträge, aber sie ist bei Bedarf auch Sozialberaterin. Und sie freut sich am Gewusel der Kinder, an der Vielfalt der Sprachen, an exotischen Speisengerüchen. „Erstaunlich, wie schnell die ausländischen Kinder hier Deutsch lernen!“ stellt sie fest.

Neu am Rebel-Haus war seinerzeit auch eine Kinderbetreuung für die ganz Kleinen. Mit drei Monaten können sie in die Kita unten im Haus. Zwei Erzieherinnen betreuen hier zehn Kleinkinder; die anderen Kinder sind tagsüber in selbst organisierten Kindergruppen oder in anderen Kitas untergebracht – wenn sie nicht schon zur Schule gehen. Kinder bis zu 13 Jahren können im Haus wohnen, aber die meisten, sagt Weikert-Boess, sind doch „in der Pampers-Liga“. Was manchmal zum Problem wird: Für die große Zahl der Kinderwagen sind die Flure nicht ausgelegt.

Über zwei mal vier Semester laufen die Mietverträge, plus ein Jahr Verlängerung, denn es hat sich herausgestellt, so Zöllner, „dass viele in der Zeit doch nicht fertig werden“. Maya Maaß, die kurz vor dem Staatsexamen in Medizin steht, hat eine nicht untypische „Rebel-Haus-Karriere“ hinter sich: Vor dreieinhalb Jahren zog sie mit ihrem Freund in eine Einzimmerwohnung, heiratete, bekam einen Sohn (jetzt anderthalb) und stieg in eine Dreizimmerwohnung auf.

„Die Vorstellung, hier wieder raus zu müssen, ist furchtbar“, sagt die studierende Mutter, die nicht nur die für Tübinger Verhältnisse „einmaligen“ Mieten schätzt, sondern auch die Infrastruktur: das Studierzimmer, in das man sich zurückziehen kann, um ungestört zu arbeiten; den Waschmaschinen- und den Wäschetrockenraum; das Gästezimmer, in dem man Besucher einquartieren kann; den großen Spielplatz hinterm Haus und die Grillstelle im Garten.

Lebenslange Freundschaften

Den Garten und die Kontakte im Rebel-Haus wird auch die Biologin Lydia Hunold vermissen, wenn sie demnächst auszieht, um nach abgeschlossenem Studium ihre erste Stelle auf der Ostalb anzutreten. Obwohl sie nicht sehr lange im Haus wohnte. Aber nach zermürbender Wohnungssuche im Examensjahr war sie glücklich, mit ihrem dreijährigen Sohn eine bezahlbare Bleibe zu finden. „Sehr wohlgefühlt“ habe sie sich, lobt Hunold die Atmosphäre.

So klein die Wohnungen auch sind – für studierende Eltern zählen die sozialen Beziehungen und die Gegenseitigkeit mehr als Quadratmeter. „Für die Kinder“, sagt Ursula Zöllner, „ist es hier wie im Himmel“ – weil sie immer viele sind. Die Freundschaften, die im Rebel-Haus geknüpft wurden, haben deshalb den Auszug schon oft lange überdauert.

Das Vermächtnis eines Zahnmedizin-Professors

Das Rebel-Haus im Fichtenweg 6, am Rand des Studentendorfs Waldhäuser-Ost, wurde 1975 gebaut und später erweitert. Es bietet 57 Wohnungen von 35 bis 54 Quadratmetern, jede mit Küche, kleinem Balkon und Dusche/WC. Die Warmmiete beträgt je nach Größe 323 bis 500 Euro.

Das Haus, das überwiegend mit dem Geld aus einem privaten Vermächtnis des Tübinger Zahnmediziners Prof. Hans Rebel errichtet wurde, wird von einem 23-köpfigen Trägerverein unterhalten. Finanziell trägt es sich heute selbst. Für die Verwaltung ist eine Halbtagskraft angestellt. Hausmeistertätigkeiten werden von Bewohnern übernommen.

Im Rebel-Haus finden Studentenkinder leicht internationale Spielkameraden: Studentin Katharina Rorer (links) erklärt ihrer Tochter Elisabeth und den Freundinnen Irem und Aditi im Kinderzimmer ihrer Wohnung ein neues Puzzle. Bild: Metz

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Erstellt:
2. Juni 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Juni 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Juni 2010, 12:00 Uhr

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