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Für immer verloren

Studie: Von den 15 000 antiken Stätten in Syrien wurden schon mindestens 3000 zerstört - und längst nicht nur vom "Islamischen Staat"

Plünderung und Zerstörung antiker Stätten in Syrien werden normalerweise mit dem "Islamischen Staat" in Verbindung gebracht. Eine Studie zeigt, dass auch andere Kriegsparteien diesen Frevel begehen.

22.10.2015
  • MARTIN GEHLEN

Ihre Videos schockieren die Welt. In Palmyra rollten die bärtigen Krieger der Terrormiliz "Islamischer Staat" Fässer mit Sprengstoff in die einzigartigen römischen Tempel und Grabtürme der legendären Oasenstadt. Dann ein riesiger Feuerball - und übrig blieben von den 2000 Jahre alten Kulturmonumenten nur schwarz-verkohlte Schuttfelder.

Kein Wunder, dass vor allem der "Islamische Staat" die Schlagzeilen dominiert, wenn es um Raub und die unwiderrufliche Zerstörung der Kulturschätze Syriens geht. Doch die Gotteskrieger sind bei weitem nicht die einzigen. Ähnliche Untaten finden auch in Gebieten statt, die zum Beispiel von den Regierungstruppen oder anderen oppositionellen Rebellenverbänden sowie kurdischen Einheiten kontrolliert werden. Das belegt eine einzigartige Auswertung von Satellitenfotos, die im jüngsten Heft der Zeitschrift "Near Eastern Archaeology" veröffentlicht wurde.

Kein ausländischer Forscher kann Syrien derzeit betreten und die Schäden vor Ort begutachten. Und so griff Jesse Casana, Dozent für Archäologie am Dartmouth-College im US-Bundesstaat New Hampshire, auf Satellitenbilder der Firma "Digital Globe" zurück, die seit dem Jahr 2007 regelmäßig rund 1300 antike Stätten in Syrien fotografiert. Zu seiner Überraschung fand Casana, dass Plünderungen nicht nur beim "Islamischen Staat", sondern häufig auch in der kurdischen Region vorkommen, die von den PKK-nahen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kontrolliert werden.

"Die meiste Aufmerksamkeit der Medien gilt den Zerstörungen durch den ,Islamischen Staat'. Das hat zu dem Eindruck geführt, dass der ,Islamische Staat' beim Plündern antiker Stätten der Hauptschuldige ist", erläuterte der Forscher. "Dagegen zeigt unsere Studie, dass Plünderungen in Wirklichkeit in allen Teilen Syriens stattfinden." So ermittelte Casana im Herrschaftsgebiet des "Islamischen Staats" bei 21,4 Prozent der 383 dort vorhandenen antiken Stätten Hinweise auf Raubgrabungen. In den Machtgebieten anderer Rebellengruppen, wo sich 237 Kulturdenkmäler befinden, lag die Rate bei 26,6 Prozent. Bei den Kurden mit ihren 116 historischen Stätten waren es sogar 27,6 Prozent. Die geringsten Übergriffe gab es in Territorien, in denen das Assad-Regime präsent ist. Hier fand Casana 16,5 Prozent der 212 Kulturstätten beschädigt oder ausgeraubt.

Der Wissenschaftler unterscheidet drei Kategorien von Zerstörungen - gering, moderat und schwer. Gering bedeutet weniger als 15 Raubschächte, die meist mit Spaten und Spitzhacke gegraben sind. Ein solches Schadensbild findet sich vor allem in den Gebieten der Kurden und sunnitischen Rebellen, wo Kriminelle das wachsende Kriegschaos für ihre dunklen Geschäfte nutzen. Bei schweren Plünderungen dagegen werden systematisch Bulldozer und große Arbeitskolonnen eingesetzt. Hier richtete der "Islamische Staat" mit 18 Schauplätzen die schlimmsten Verwüstungen an, darunter Dura Europos und Mari. Aber auch im Assad-Machtgebiet fallen 22,9 Prozent der Beschädigungen in diese verheerende Kategorie, unter anderem die römische Stadt Apamea, die von der Armee regelrecht ausgeschlachtet wurde.

Die neue Satellitenstudie schätzt, dass von den 15 000 antiken Stätten in Syrien seit Kriegsbeginn mindestens 3000 ruiniert wurden. "Der ,Islamische Staat' ist nur eines von vielen Problemen", bestätigt auch der Chef der syrischen Antikenverwaltung, Maamoun Abdulkarim. Die Dschihadisten zerstörten aus ideologischen Gründen Statuen, Gräber, Klöster und Kirchen. "Münzen, Vasen und Juwelen aber stehlen und verkaufen sie, und das tun andere Gruppen auch." In den vergangenen Jahren haben er und seine 2500 Mitarbeiter 300 000 Fundstücke und Handschriften aus 38 Museen nach Damaskus evakuiert. "Wir verstecken sie in Damaskus", sagt er. "Aber was ist, wenn Damaskus fällt?"

Studie: Von den 15 000 antiken Stätten in Syrien wurden schon mindestens 3000 zerstört - und

Studie: Von den 15 000 antiken Stätten in Syrien wurden schon mindestens 3000 zerstört - und
Kulturschatz in Syrien: Auch in der römischen Stadt Apamea ist viel zerstört worden. Foto: © Dario Bajurin - fotolia.com

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22.10.2015, 12:00 Uhr
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