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Geprüfte Unzufriedenheit

Studentenproteste: Probleme an den Hochschulen sind oft hausgemacht

Ein neuer Studiengang muss in Deutschland wie ein Auto durch einen Tüv. Eine Analyse des Zulassungssystems zeigt, wer Verantwortung für viele Probleme trägt, deretwegen die Studenten protestieren.

09.12.2009

Von ANDREAS CLASEN

Student Karl K. hetzt von Prüfung zu Prüfung. Zum Nachdenken hat er kaum noch Zeit. So mit Stoff überfrachtet ist sein Fach. Und als er mal die Hochschule wechseln will, werden ihm seine bisherigen Leistungen nicht anerkannt. Solche Probleme wie der ausgedachte Karl hat nicht jeder Student in Deutschland. Aber so viele, dass zigtausende Studierende auf den Straßen demonstrieren.

Die Probleme im Zuge des Bologna-Prozesses (siehe nebenstehendes Glossar) sind bekannt. Die Verantwortung für sie übernehmen will aber keiner der einflussreichsten Akteure im deutschen Hochschulsystem - weder die Bundesländer, noch die Hochschulen noch die Akkreditierungsagenturen. Dabei waren und sind sie maßgeblich beteiligt an dem System, das die Qualität der neuen Studiengänge und deren Studierbarkeit sichern soll - das so genannte Akkreditierungssystem (siehe Grafik) - eine Art Tüv für Studiengänge und Qualitätsmanagementsysteme an den Hochschulen.

Die Einführung dieses Systems zur Qualitätssicherung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge beschlossen die Länder in der Kultusministerkonferenz (KMK) schon 1998. Noch im selben Jahr gründeten sie den Akkreditierungsrat (AR). Er fasst die gemeinsamen Vorgaben der Länder in Kriterien zusammen, die die Hochschulen beachten und die neuen Studiengänge erfüllen müssen. Tun sie das nicht, erhalten sie das "Tüv-Siegel" nicht und die Studiengänge werden nicht zugelassen. Den praktischen Tüv, die Überprüfung der Kritierien, übernehmen Akkreditierungsagenturen, die der AR auswählt und zeitlich befristet mit diesem Job beauftragt.

Doch trotz dieses Tüvs werden seit Wochen Hörsäle besetzt. Können das System und seine Hauptakteure die Qualität also nicht zuverlässig sichern?

Der Thüringer Rechnungshof kommt nach einer Überprüfung der bis dato akkreditierten Studiengänge in dem Bundesland in seinem Jahresbericht 2008 zu genau diesem Schluss: "Die ...]. . . Bewertungsverfahren für alle Studiengänge (Akkreditierung) verursachen nicht nur erheblichen Aufwand und Ausgaben. . ....], sondern führen darüber hinaus weder zu vergleichbaren noch zu zuverlässigen Ergebnissen der Qualitätssicherung." Die Gutachter würden die Länder- und AR-Vorgaben ganz unterschiedlich interpretieren.

Diese Vorwürfe kann Doris Herrmann, Geschäftsführerin der Agentur Aquas e.V., nicht nachvollziehen. "Da scheinen mir die Zahlen politisch motiviert zu sein." Man solle bedenken, dass viele Studiengänge sehr gut funktionieren, sagt sie, und schiebt den schwarzen Peter weiter. Einige Hochschulen hätten teilweise die Vorgaben der Länder missverstanden. Die Agenturen hätten diese Fehlinterpretation nicht immer erkennen können, weil es die neuen Studiengänge nur auf dem Papier gab. "Die Gutachter haben nur die Plausibilität eines Studiengangkonzeptes überprüft und gesagt, so wie das Konzept dargestellt ist, scheint es uns studierbar." Diese Fehler würde man aber bei der Reakkreditierung abstellen. "Wir legen jetzt einen viel stärkeren Fokus auf die Studierbarkeit."

Der AR-Vorsitzende Professor Reinhold Grimm teilt ebenso wenig die Einschätzung des Rechnungshofes, obgleich er Verbesserungsbedarf sieht. Mittelfristig will er, dass die Akkreditierung von einzelnen Studiengängen zur Ausnahme wird. Stattdessen sollen nur noch von den Hochschulen entwickelte Qualitätssicherungssysteme einen Tüv durchlaufen. Vereinfacht gesagt, nicht mehr das Auto sondern die Autowerkstatt soll bei dieser "Systemakkreditierung" geprüft werden.

Um auch kurzfristig für Verbesserungen zu sorgen, fordert Grimm, die KMK solle einige ihrer Detailvorgaben für die Studiengänge streichen und korrigieren. Der AR selber müsse in Zukunft bei den Agenturen mehr darauf achten, dass sie nicht zu viele Zusatzanforderungen an die Hochschulen stellten, und nicht so viele überregulierte Studiengänge zulassen. Auch der AR will deshalb die Kriterien, an die sich die Agenturen bei der Prüfung halten müssen, "rigoros kürzen, damit sie nur noch diese wenigen Punkte - vor allem die Studierbarkeit - kontrollieren und keine Details steuern".

Außerdem fordert Grimm ein Umdenken bei den Professoren. Sie hätten erstens manchmal Module mit zu vielen Prüfungen konstruiert, und Module, die mehr der Leidenschaft des Professors frönen würden, als dem Ziel des Studiengangs. "Da haben die Studierenden von A bis Z recht, wenn sie Sturm laufen."

Anja Gadow, Vorstandsmitglied der Organisation Freier Zusammenschluss von StudentInnenschaften (FZS), saß selbst als Studentvertreterin schon im AR. Sie sieht für viele Probleme die Hauptverantwortung bei den Hochschulen. In keiner KMK- oder AR-Vorgabe stehe zum Beispiel, dass man jede Lehrveranstaltung eines Moduls mit einer Prüfung abschließen müsste oder dass ein Modul der Hochschule X von der Hochschule Y nur anerkannt werden dürfte, wenn Titel, Inhalt und Umfang identisch sind.

Nikolaus Zahnen, Referent für Lehrfragen an der Universität Konstanz und Ansprechpartner für die neue Studienstruktur, gibt Fehler auf der Hochschulseite zu. Einige Studiengänge seien zum Beispiel mit Stoff überfrachtet. "Es hat bereits Anpassungen gegeben. Optimal ist es aus studentischer Sicht aber in einigen Fächern noch nicht." Die Zahl der Prüfungen sei zwar konstant geblieben, aber der Stress für die Studenten habe sich erhöht, weil jetzt alle Noten in die Endnote einfließen. Was die Probleme bei der Anerkennung von Studienleistungen anbelange, habe sich im Vergleich zur Diplomzeit weder etwas verbessert noch verschlechtert. "Das liegt weiter in den Händen der Lehrenden."

Die Agenturen würden nicht mehr Vorgaben machen, als die Länder und der AR vorschreiben. Das Verfahren beschere dem Personal aber jede Menge Arbeit, und sei deshalb verständlicherweise manchen lästig, weil sie die Zeit lieber für Lehre und Forschung verwenden würden. "Grundsätzlich überwiegt aber die Zufriedenheit mit dem Verfahren." Wenn es jedoch alle paar Jahre wiederholt werden müsste, und so aufwendig bleibe, könnte der Widerstand dagegen wachsen. Hier müsste es Reformen geben.

Fazit: In puncto Prüfungslast, Mobilität, Verschulung und Stoffüberfrachtung spricht also viel dafür, dass die Hauptverantwortung für die Probleme in den Hochschulen liegt. Aber auch die Länder, der AR und die Agenturen haben dem Kriterium der Studierbarkeit zu wenig Beachtung geschenkt.

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Erstellt:
9. Dezember 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Dezember 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Dezember 2009, 12:00 Uhr

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