Irgendwie peinlich, aber hoch spannend

Studenten betreiben Aids-Aufklärung in Schulen

73.000 Menschen in Deutschland sind HIV-positiv. Gerade junge Leute, die ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen, müssen über Infektionsrisiken aufgeklärt werden - nicht nur am morgigen Welt-Aidstag.

30.11.2012

Von JULIANE BAUMGARTEN

Freddy, 15, hält ein Plakat in die Höhe. Darauf sind zwei nackte Comicfiguren zu sehen. "Die haben Oralsex", sagt der Schüler und kann sich das Lachen kaum verkneifen. Die anderen Jungs prusten los. Die Zeichnung sorgt für Gelächter. Oder ist es das ungewohnte Thema?

Die acht Jungs der 9. Klasse des Heidehof-Gymnasiums haben an diesem Nachmittag Besuch von Sven Weber, 23, von der Aids-Hilfe Stuttgart. Weber ist Grafik-Student und ehrenamtlicher Mitarbeiter der Aids-Hilfe. Nachdem die Jungs sich beruhigt haben, hakt er nach: "Ist Oralverkehr gefährlich, wenn ein Partner HIV-positiv ist?" Die Frage steht im Raum. Die Jungen schauen ihn verunsichert an. Gerade haben sie gelernt, dass Küssen ungefährlich ist. Wie aber ist es hier? "Oralverkehr generell ist nicht gefährlich", klärt Sven Weber auf. Denn wie beim Küssen töte der Speichel die Viren. Die Jungs werfen sich vielsagende Blicke zu. Irgendwie scheint das Thema peinlich, aber dennoch hoch spannend.

Jährlich infizieren sich in Deutschland etwa 3000 Menschen mit dem HI-Virus. Die Aids-Hilfe hat es sich zur Aufgabe gemacht, Jugendliche aufzuklären. Das Thema Sexualität sei der Türöffner über Aids zu sprechen, sagt Alfons Stetter von der Organisation in Stuttgart. Der richtige Umgang mit HIV könne nur über Aufklärung erfolgen. Daher hat er vor knapp drei Jahren das Projekt "Unverklemmte Jugendliche" angestoßen. Heranwachsende werden von einem Studenten über die Thematik informiert. Denn: Eltern oder Lehrer könnten die Aufklärungsarbeit wesentlich schwerer leisten. "Erziehungsbeauftragte werden bei der Aufklärung nicht gefragt. Das ist vollkommen unangenehm, über Sex spricht man nicht", sagt Stetter.

Die Aids-Hilfe arbeitet mit diesem Projekt an Schulen ab der 8. Klasse. Und tritt für ihr Präventionsprojekt bewusst an Sportlehrer heran. Das habe mehrere Vorteile: Der Unterricht sei meist nachmittags in einer Doppelstunde, die Geschlechtertrennung gegeben. Und den Schülern sei klar, dass es nicht um reine Wissensvermittlung gehe. "Unser Ziel ist es, dass die Jugendlichen sich unverklemmt entwickeln können. Daher müssen sie wissen: Wie schütze ich mich vor HIV", betont Stetter.

Bei den Jungs vom Heidehof-Gymnasium kommt schnell die Frage auf: "Warum haben so viele Schwule Aids?" Sven Weber erklärt es ihnen und wirbt dabei mit Nachdruck für Kondome. Die Gruppe schaut weitere Zeichnungen an. Die Schüler müssen jedes Mal überlegen, ob man sich auf diesem Wege anstecken könnte. Mit einem HIV-Infizierten aus dem gleichen Glas trinken - ungefährlich. Nebeneinander in der Sauna sitzen - ungefährlich. Auf dieselbe Toilette gehen - ungefährlich. Dann kommt eine Zeichnung, auf der sich zwei Comicfiguren eine Spritze teilen. Hier wissen die Jungs sehr schnell Bescheid: "Das ist gefährlich." Denn da kann sich das Blut zweier Menschen mischen.

Meist sind auf den Zeichnungen Männer die Überträger des Virus. Daher will Nico wissen, ob einen auch Frauen infizieren können. "Klar", schreit sein Nebensitzer. "Die Sängerin von den No Angels wurde doch verhaftet, weil sie Männer angesteckt hat." Aber wie geht das? Über Blut, Sperma, Scheidenflüssigkeit und Muttermilch können Viren übertragen werden, fasst Weber zusammen. Und über Schleimhäute oder Verletzungen nimmt der Körper die Viren auf. "Der Mann hat oben an seinem Penis eine Schleimhaut. Daher benutzt immer Kondome", sagt Weber.

HIV und Aids werden nur noch von einem kleineren Teil der Bevölkerung als eine der gefährlichsten Krankheiten wahrgenommen. 2011 sind es noch 13 Prozent. Zum Vergleich: 1987 waren es 65 Prozent. Das besagt die Studie "Aids im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik". An der Spitze der gefährlichsten Krankheiten stehen für die Bevölkerung dagegen Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

"Der Schrecken von Aids hat nachgelassen", räumt Marita Völker-Albert, Pressesprecherin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), ein. Das heiße aber nicht, dass das Interesse oder das Schutzverhalten nachgelassen habe. Das bestätigt auch Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aids-Hilfe. "Eine Sorglosigkeit gibt es nicht. Die Bevölkerung ist gut aufgeklärt, und das Schutzverhalten ist konstant stabil", sagt Wicht. Die Bereitschaft zur Verwendung von Kondomen nahm im Verlauf der vergangenen 25 Jahre stetig zu. Jugendliche, die bereits Geschlechtsverkehr hatten, haben 2011 zu 83 Prozent Kondome benutzt. 1990 waren es nur 50 Prozent.

Aids sei weiterhin ein Thema, das die Jugendlichen interessiert. "Aber es muss auch immer wieder an sie herangetragen werden", sagt Völker-Albert. Da kann der morgige Welt-Aidstag ein möglicher Anlass sein. Aber er reicht natürlich nicht aus. Der Sprecher der Aids-Hilfe sagt es nachdrücklich: Nur weil Aids nicht mehr so präsent sei, dürfe nicht vergessen werden: "Aids ist nach wie vor eine Krankheit, die zum Tode führt."

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Erstellt:
30. November 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
30. November 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. November 2012, 12:00 Uhr

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