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Streusalz für die Straßen kommt aus einem Labyrinth unter Haigerloch
Ein Berg von Steinsalz tief unter der Erde im Bergwerk unter Haigerloch. Foto: dpa
Eine Fahrt in die Tiefe

Streusalz für die Straßen kommt aus einem Labyrinth unter Haigerloch

Der Winter bedeutet Hochsaison für das Bergwerk in Haigerloch-Stetten: Dort wird Salz aus dem Berg gesprengt, um Straßen aufzutauen. Durch den Abbau ist ein 200 Kilometer langes Labyrinth entstanden.

08.12.2015
  • LENA MÜSSIGMANN, DPA

Haigerloch. Wie ein Schlund liegt das Portal zum Clarastollen an der B 463 bei Haigerloch-Stetten (Zollernalbkreis). Durch das eiserne Tor, verziert mit Bergmannshämmern, geht es einen Kilometer hinein in das älteste aktive Salzbergwerk des Landes. Es ist kühl, die Luft trocken. 100 bis 150 Meter unter der Erde liegt ein riesiges Salzvorkommen, in dem Steinsalz, Natriumchlorid, als Streusalz abgebaut wird - etwas gräulich, weil es nicht ganz so rein ist wie das Salz in der Küche.

Die milden Temperaturen zu Beginn dieses Winters machen den kaufmännischen Leiter des Salzbergwerks, Frank Joppen, nervös. "Wir sind auf einen guten Winter angewiesen", sagt er. Ein guter Winter, das bedeutet für ihn: tagsüber Nieselregen, nachts zwei bis drei Grad minus. "Wetter, das sonst keiner haben will." Dann müssen die Straßenmeistereien ihre Streufahrzeuge losschicken und neues Salz - und bei Joppen klingelt die Kasse.

Das Bergwerk gehört dem Chemiekonzern Wacker mit Sitz in München. Die Firma baut pro Jahr knapp 570 000 Tonnen Salz ab - mehr als 14 000 Laster-Ladungen. Der größte Teil wird als Auftausalz an 350 Städte, Kommunen und Kreise aus einem Umkreis von rund 300 Kilometern um Haigerloch-Stetten (Zollernalbkreis) verkauft.

Am Steuer sitzt Gesamtbetriebsführer Michael Schulz (56). Schnurrbart, Helm, Mantel - ein Bergmann wie aus dem Bilderbuch. Das Wegenetz gleicht nebeneinanderliegenden Fischskeletten: Entlang einer breiten Fahrstraße haben die Bergarbeiter rechts und links Kammern in das Salz gesprengt.

Aneinandergereiht wären sie 200 Kilometer lang. Die schmutzig-weißen Wände leuchten wie Schnee in einer klaren Winternacht. Lange nachdem ein Besucher die Orientierung verloren haben würde, erreicht Schulz die Abbaustelle: Ein Arbeiter dirigiert einen sieben Meter langen Bohrer, den ratternde Ketten in die Wand treiben. Die Löcher werden mit Sprengstoff gefüllt. Auf Knopfdruck spuckt der Berg riesige Brocken Salz aus, die die Arbeiter der nächsten Schicht zur Zerkleinerungsanlage transportieren. Walzen machen daraus körniges Streusalz. Ein Förderband transportiert es aus der Tiefe in ein Silo. Am Ende rieselt es in die Anhänger der Abnehmer.

Der Einsatz von Streusalz ist umstritten. Viele Kommunen haben Privatleuten das Streuen damit verboten. Straßenmeistereien benutzen aber nach wie vor Salz. Die Dezernatsleiterin für Umweltschutz und Verkehr beim Städtetag, Susanne Nusser: "Die Städte haben die Pflicht, die Straßen verkehrssicher zu halten, das geht ohne Salzeinsatz häufig nicht." Sie geht davon aus, dass die Kommunen nur so viel Salz wie nötig ausstreuen. "Das ist ja auch eine Kostenfrage."

Der Salzverkauf des Stettener Werks bleibe trotzdem stabil, möglicherweise weil das Straßennetz immer größer werde, erklärt Bergwerksleiter Joppen. Die Natur ächzt unter dem Salz. Es verändere den Nährstoffgehalt im Boden, warnt Anke Beisswänger vom Naturschutzbund (Nabu). Dadurch könnten Bäume im Frühling verdursten. "Bei Eisregen und Blitzeis geht s nicht anders", räumt Beisswänger ein und rät Privatleuten zu Sand statt Salz beim Winterdienst.

Aus Haigerloch kommt noch eine Weile Nachschub. "Ein paar Jahrzehnte können wir hier noch abbauen", sagt Joppen. Aber selbst danach wird das Bergwerk noch Geld abwerfen. Schon jetzt werden in leeren Kammern mineralische Abfälle eingelagert. Der Geruch in den Gängen erinnert an ein Dampfbad, scharf, aber nicht unangenehm. "Wie in der Waschküche", beschreibt es Bergmann Schulz. Das liege an zum Teil ammoniakhaltigen Abfällen. Die Lagerstätte sei wasserundurchlässig, heißt es von Wacker. Die Abdichtung habe sich über 250 Millionen Jahre bewährt.

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08.12.2015, 08:30 Uhr
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