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Staatsoper

Stress in der Bettenabteilung

Ministerpräsident Winfried Kretschmann sieht eine „Figaro“-Premiere mit einem beglückenden jungen Ensemble, zuvor aber auch ein desolates Haus.

03.12.2019

Von JÜRGEN KANOLD

Verwirrung im Möbelhaus: Figaro (Michael Nagl) trifft auf die Gräfin (Sarah-Jane Brandon) und Susanna (Esther Dierkes). Foto: Martin Sigmund

Stuttgart. Was macht ihr in meinem Keller?“, fragt Helene Schneiderman, die Marcellina, und geht lachend im Bademantel weiter. Das steht nicht im Libretto. Aber auch ein Ministerpräsident kommt nicht in der „Hochzeit des Figaro“ vor. Der ist echt. Winfried Kretschmann nimmt sich kurz vor der Premiere am Sonntagabend mit ernster Miene noch die Zeit, ein ganz anderes Spektakel im Stuttgarter Opernhaus anzuschauen: die veraltete, marode Technik, die winzigen Aufenthalts- und Stimmräume der Orchestermusiker und auch furchterregende Risse im Mauerwerk. Sehr deprimierend.

„Genießen Sie es!“ Eine Hornistin wünscht Gerlinde Kretschmann, die sich beim Rundgang auf Mozart freut, eine schöne Vorstellung. Das trifft auch ein. Aber was sie und ihr Mann hinter den Kulissen sehen, ist keine Hochkultur, sondern eine große Aufgabe des Landes: ein jetzt hochgerechnetes Milliardenprojekt. Die Staatsoper gibt ihrem Publikum und den Politikern (der Ministerpräsident gehört beiden Teilmengen an) derzeit mit Führungen „Einblicke“ ins Haus. Ein Spielplan-Hit. Danach bestreite keiner mehr die Notwendigkeit der Generalsanierung, sagt der geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks. Eine andere Frage ist freilich, möchte man entgegnen, ob das alles so viel kosten muss.

Wer den Zustand des Littmann-Baus kennt, die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter, schätzt die Leistungen der Staatsoper jedenfalls umso höher ein. Wobei die technischen Profis des Hauses oft schon dankbar sind, dass die Vorstellungen reibungslos über die Bühne gehen. Opernintendant Viktor Schoners muss mit seinem Team (das gilt ebenso für das Stuttgarter Ballett) unterdessen mit künstlerischer Klasse gute Argumente für die Debatte um das teure Bauvorhaben liefern. Und das tat sein Ensemble in der umjubelten Premiere von „Le nozze di Figaro“.

Nicht nur, dass fast alle Partien mit eigenen Akteuren besetzt sind und mehrere ehemalige und aktuelle Mitglieder des Opernstudios singen, es sind auch drei ausgezeichnete Rollendebüts zu erleben. Michael Nagl als Figaro: ein Bass mit der nötigen Lockerheit für die Opera buffa, der auch böse zornig fokussieren kann. Esther Dierkes als Susanna: feiner, quirliger Sopran und mitreißendes Spiel. Johannes Kammler verkörpert den Grafen Almaviva mit einem versierten Bariton für alle Gefühlslagen: von aggressiv hart bis zu ergreifend weich fürs „Contessa perdono!“

Als Gast singt Sarah-Jane Brandon sehr edel die Gräfin Almaviva. Und nicht zu vergessen Diana Haller als Cherubino: ein virtuoser Power-Mezzo in der Hosenrolle. Dirigent Roland Kluttig aus Coburg macht mit dem Staatsorchester ordentlich Tempo und dreht dramatisch auf. Er setzt Akzente – aber auch in puncto Dynamik: eher die rustikale Art.

Um was es in „Le nozze di Figaro“ geht? Grob gesagt darum, dass jeder jeden, klassenlos, ins Bett kriegen will. Und dass diese Menschen ob ihrer rasenden Gefühle ziemlich verwirrt sind. So gesehen hat Christiane Pohle im Bühnenbild von Natascha von Steiger nichts falsch gemacht, obwohl sie auch viele Buhs einstecken musste. Denn nicht nur Figaro und Susanna gehen bei Ikea einen tollen Tag lang einkaufen, das ganze Opernvolk tobt sich in den Betten eines Möbelhauses aus. Oder wohnt dort gar?

Schlafzimmer-Module werden permanent und labyrinthisch umhergeschoben. Ein Katalog an Beziehungskisten. Das ist witzig und durchdacht. Aber weil die Regisseurin noch zahlreiche Doppelgänger/innen ins Spiel bringt und den Handlungsrealismus konterkariert oder ins Unwahrscheinliche zieht, verlieren in dieser Inszenierung nicht nur die Figuren die Orientierung (was sie ja sollen), sondern zunehmend auch die Zuschauer. Die so traurige Moll-Cavatina der Barbarina (berührend: Claudia Muschio), gesungen auf leerer Bühne von der unschuldigsten Seele, ist da ein willkommenes Innehalten bei allen Turbulenzen.

Hochzeit und Richtfest

Dass in Christiane Pohles Inszenierung die Leute am Ende nicht zufrieden mit gekauften Betten an der Kasse stehen, ist klar. Das Finale ist kein Tutti der Erleichterung, eher hoffen sie trotzig, dass die Liebe schon alles richten werde. Auf denn, zum Feste?

Es menschelt. Und wann die Staatsoper in Stuttgart Hochzeit – sorry: Richtfest eines Ausweichsquartiers für die Generalsanierung feiern kann, ist auch noch nicht klar. „So blühet uns allen das herrlichste Glück!“, heißt es im „Figaro“. Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird sich in der Premiere wohl seinen Teil gedacht haben.

Risse im Gebäude: Winfried Kretschmann begutachtet das Opernhaus. Foto: Jürgen Kanold

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Erstellt:
3. Dezember 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Dezember 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Dezember 2019, 06:00 Uhr

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