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Viel Schaum vorm Mund

Streit um „Tübinger Mohrenköpfle“ nimmt an Härte zu

Darf der „Schokokuss“ noch „Mohrenkopf“ heißen? Der Tübinger Streit füllt Mailfächer, Leserbriefspalten und Facebook-Accounts. Er beschäftigt mittlerweile die grünen Parteivorsitzenden Cem Özdemir und Claudia Roth sowie die Tübinger Polizei.

14.12.2012

Von Matthias Stelzer

Tübingen. Jetzt wird schon seit über einer Woche geschrieben, gepostet, gestritten und geflucht. Ist man rassistisch, wenn man den zum „Schaumkuss“ entschärften „Mohrenkopf“ weiter beim alten Namen nennt? Bedient man dann „eurozentristische Stereotypen“? Droht dem multikulturellen Tübingen durch die Chocolart ein „Rückfall in die Urzeiten des Kolonialismus“?

OB Boris Palmer empfiehlt Gelassenheit

Ausgelöst wurde die laufende Debatte um die Süßigkeit eigentlich durch den in Tübingen ansässigen „Verband binationaler Familien und Partnerschaften“, der sich am 4. Dezember, dem Eröffnungstag des Schokoladenfestivals, per Brief an den „Mohrenköpfle“-Konditor Johannes Becker und das Organisationsteam der Chocolart wandte. Durch den Verkauf transportiere man „bar jeder kritischen Reflexion tradierte koloniale Bilder“ und betreibe „Nostalgiepflege einer durch Gewalt geprägten Vergangenheit“, hieß es in den Schreiben. Die Konditoren-Innung, der HGV, die Fraktionen des Tübinger Gemeinderats und auch Oberbürgermeister Boris Palmer sind inzwischen zu Stellungnahmen gegen den „Mohrenkopf“-Begriff aufgerufen. Außerdem hat es die Tübinger „Schaumkuss“-Affäre in die bundesdeutschen Antirassismus-Netzwerke geschafft.

"Tübinger Mohrenköpfle"

Boris Palmer bekam das unmittelbar zu spüren. Mails und Briefe aus ganz Deutschland gehen bei ihm ein. Und die grünen Bundesvorsitzenden haben sich bereits beim Tübinger Schultes gemeldet, um zu schauen, was in seinem grünen Revier los ist. „Weil ich mich nicht, wie gefordert, vom ,Tübinger Mohrenkopf? distanziert habe, war schon nach 24 Stunden eine Beschwerde bei Claudia Roth und Cem Özdemir“, beschreibt Palmer die kurzen Wege zwischen Tübingen und Berlin auf seiner Facebook-Seite. Und zu lesen ist dort auch ein offener Brief der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD), die Palmer vorwirft, er versuche in „Antwortschreiben an kritische Bürger/innen“ die Verwendung des Begriffs „abzutun“. Die Berliner Initiative meint: „Diese Reaktion als ein Politiker Ihres Amtes ist in unseren Augen mehr als unangebracht.“

„Die aufgeregte Diskussion hilft niemandem. Die Art, wie die Kritik von den Verbänden vorgetragen wird, verringert eher das Verständnis für alle jene, die sich verletzt fühlen“, sagt Palmer. Zu einer Antwort auf den öffentlichen Brief der ISD fühlt er sich trotzdem verpflichtet. „Ich halte die Kritik an dem Namen ,Tübinger Mohrenköpfle? grundsätzlich für berechtigt. Allerdings erscheint mir die Schärfe, mit der auch Sie die Kritik an der unglücklichen Begriffswahl vortragen, für kontraproduktiv“, schreibt Palmer darin.

„Gelassenheit und Betonung der subjektiven Empfindungen“ empfiehlt er: „Wer als Betroffener sagt, ich fühle mich durch die Bezeichnung ,Mohrenkopf? oder ,Negerkuss? verletzt und bitte, das zu respektieren, wird überall verstanden und positive Reaktionen ernten. Wer umgekehrt sagt, ich bitte zu respektieren, dass die Bezeichnung ,Mohrenkopf? für mich nichts mit Rassismus zu tun hat, darf ebenso erwarten, dass auch das akzeptiert wird.“

Polizei ermittelt gegen rechten Briefschreiber

Von vorschnellen Rassismusvorwürfen und Forderungen nach einer formalen öffentlichkeits-wirksamen Abkehr vom „Mohrenkopf“ hält der Tübinger Oberbürgermeister nichts: „Rassismus bekämpft man so nicht. Im Gegenteil, die echten Rassisten können sich im Windschatten derartiger Debatten unbehelligt betätigen.“ Eine Befürchtung, die sich bestätigt, wenn man sieht, mit wie viel Schaum vor dem Mund die Schaumkuss-Debatten im Netz und in den Leserbriefspalten bereits geführt werden. Immer mehr Schmähwortschatz macht sich breit. Und sogar die Tübinger Polizei ist inzwischen mit der „Mohrenkopf“-Debatte beschäftigt. „Wir ermitteln wegen Beleidigung gegen Unbekannt“, bestätigt Polizeisprecher Ewald Raidt. Der Grund: ein bedrohlicher, eindeutig rechtsradikaler Brief an eine Tübinger Leserbriefschreiberin.

Kommentar vom 7. Dezember

Die „Tübinger Mohrenköpfle“ waren der Beitrag des Ellmendinger Konditors Johannes Becker zum diesjährigen Tübinger Schokoladenfestival. In seinem Zelt auf dem Markplatz fertigte und verkaufte der Konditor die mit Honig gesüßten und mit fairer Schokolade überzogenen Eiweißschaum-Haufen (Bild). Auf die Kritik am Namen seiner „Schaumküsse“ entschuldigte sich Becker und kündigte eine Umbenennung an. Bis zur nächsten Chocolart soll mittels eines Wettbewerbs ein neuer Namen gefunden sein.

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Erstellt:
14. Dezember 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Dezember 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2012, 12:00 Uhr

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