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Eine Schippe Latein zuviel

Streit um Lateinprüfungen an der Uni: Wie viele Semester werden gutgeschrieben?

Tübinger Romanisten, die an der Uni Latein nachholen müssen, dürfen neuerdings nur noch ein Semester länger studieren. Versprochen wurden ihnen zwei Semester.

23.10.2015
  • Ulrich Janssen

Tübingen. Es ist eine der gefürchtetsten Hürden im Studium: Das Latinum. Ganze Studentengenerationen quälten sich schon durch die Lateinkurse, die traditionell das Philologische Seminar der Tübinger Universität anbietet. Zwei Semester dauert es üblicherweise, bis die angehenden Lateiner fit sind für die Prüfung zum „Kleinen Latinum“, weshalb die Studierenden ihre Regelstudienzeit auch um zwei Semester verlängern dürfen.

Voraussetzung ist allerdings, dass der Lateinkurs mit dem „Kleinen Latinum“ abgeschlossen wird. Am Romanischen Seminar der Universität Tübingen ging man bislang davon aus, dass die dortige Prüfung dem „Kleinen Latinum“ ungefähr entspricht. Schließlich müssen die Studierenden dafür auch volle zwei Semester Latein pauken.

Doch das war, wie sich jetzt herausstellte, ein Irrtum. Statt zwei Semester bekommen die Studierenden für ihre Prüfung nur ein Semester Studienzeit-Verlängerung genehmigt. Bei den Betroffenen sorgte das für helle Aufregung. Denn an der Regelstudienzeit hängen nicht nur das Bafög oder der Wohnheimplatz. Auch viele Firmen registrieren aufmerksam, ob Bewerber die vorgesehene Studienzeit eingehalten haben. Die Betroffenen protestierten deshalb beim Seminar und wandten sich ans SCHWÄBISCHE TAGBLATT. Es gebe einzelne Studierende, hieß es in einer Mail, die wegen des gestrichenen Semesters „sogar über eine Beendigung ihres Studiums nachdenken“.

1331 Romanistik-Studierende studieren aktuell in Tübingen, fünf Lehrstühle zählt das Seminar. Einer davon gehört Prof. Sarah Dessi-Schmid. Die Wissenschaftlerin, die 2013 nach Tübingen kam, verteidigt das zweisemestrige Latein-Lehrprogramm in Tübingen, das sich vom normalen „Kleinen Latinum“ in einigen Punkten entscheidet.

Dieses Programm hätten die Romanisten gemeinsam mit den Latinisten entwickelt. Es sei, sagte Dessi-Schmid dem TAGBLATT, auf die speziellen Anforderungen des Studiums optimal abgestimmt. „Da können wir ein gezielteres Wissen vermitteln, das für die berufliche Zukunft der Studierenden besser ist.“ Das klassische „Kleine Latinum“ erfülle diese Anforderungen nicht. „Wir möchten aber, dass die vielen Romanisten mit ihrem Studium später auch einmal etwas anfangen können.“

Laut Dessi-Schmid ist das Tübinger Spezial-Latinum nicht weniger anspruchsvoll als das klassische „Kleine Latinum“. Entsprechend überzeugt setzte sich die Romanistin als Geschäftsführende Direktorin des Seminars auch dafür ein, ihren Studierenden zwei Semester Verlängerung zu verschaffen.

Doch damit war das im Tübinger Regierungspräsidium angesiedelte Landeslehrerprüfungsamt nicht einverstanden. Gegenüber dem TAGBLATT verwies man auf die herrschende Rechtslage. Laut der Wissenschaftlichen Prüfungsordnung reichen grundlegende Latein-Kenntnisse für ein Romanistik-Studium völlig aus. Und diese Kenntnisse könnten in einem Semester bequem beschafft werden.

„An allen Landes-Unis wird das so gehandhabt“, erklärte uns Franz-Josef Mayer, der das Tübinger Amt leitet. Nur die Tübinger Romanisten wollten unbedingt „noch eine Schippe drauflegen“. Dort werde „eine Art Latinum“ erwartet, was aber durch keine Verordnung abgedeckt sei. „Die Romanisten haben sich da in eine Sonderstellung manövriert.“ Zur Sicherheit fragte das Amt auch noch in Stuttgart beim Kultusministerium nach, was zur Folge hatte, dass der Leitende Ministerialrat Gerd Friedrich der Tübinger Professorin die Rechtslage schriftlich näher brachte.

Dass man das rechtlich so sehen kann wie das Stuttgarter Ministerium, das räumt auch Prof. Dessi-Schmid ein. Inhaltlich allerdings kann die Wissenschaftlerin die Position der Behörde nicht nachvollziehen. Das bisschen Latein, das die Studierenden bei der rechtlich vorgesehenen Prüfung lernten, „das haben sie doch gleich wieder vergessen“. Im Übrigen bekämen auch die angehenden Theologen, die ein speziell theologisch ausgerichtetes Graecum nachweisen müssten, für das Erlernen zwei Semester zugestanden.

Doch das Amt ließ sich weder von Dessi-Schmid noch von Prof. Karin Amos überzeugen, der Prorektorin der Tübinger Universität, die sich ebenfalls in den Streit eingeschaltet hatte. Am Ende blieb der Tübinger Universität nichts anderes übrig, als klein beizugeben. Zwar befürworte die Hochschule, so hieß es jetzt in einer offiziellen Stellungnahme, „weiterhin eine Vermittlung von Sprachkenntnissen auf hohem Niveau“. Aber: „Selbstverständlich passt sie ihre Praxis den gesetzlichen Zeitvorgaben an.“ Für die in den romanischen Fächern nötigen Lateinkenntnisse sei „lediglich eine Studienzeitverlängerung von einem Semester möglich“.

„Man muss mit Niederlagen leben“, räumte Dessi-Schmid gegenüber dem TAGBLATT ein. „Als Beamte können wir uns über die Anordnung der Behörde nicht hinwegsetzen.“ Für die Tübinger Romanisten heißt das: Sie müssen über ihre Lateinanforderungen neu nachdenken: „Das ist keine einfache Situation.“ Immerhin versprach die Romanistin, dass die Studierenden darunter nicht leiden sollen: „Wir werden eine kreative Lösung finden.“ Am Ende werden wohl auch in Tübingen die Latein-Sprachkurse für Romanisten nur noch ein Semester dauern.

Keine Hoffnung kann Dessi-Schmid aber all denjenigen machen, die schon zwei Semester Latein hinter sich haben. „Deren Probleme können wir leider nicht mehr lösen.“

Streit um Lateinprüfungen an der Uni: Wie viele Semester werden gutgeschrieben?
Konnte sich mit ihrer Position beim Land nicht durchsetzen: Prof. Sarah Dessi-Schmid vom Romanischen Seminar. Bild: Metz

Immer noch sind Lateinkenntnisse in vielen Studiengängen vorgeschrieben. Laut Auskunft der Pressestelle der Universität Tübingen handelt es sich aktuell um folgende Fächer: Französisch Lehramt, Spanisch (Lehramt; Grundkenntnisse in Latein), Evangelische Theologie, Kath. Theologie, Allgemeine Rhetorik, Geschichtswissenschaft, Griechisch, Latein, Italienisch Master, Philosophie (Latinum oder Graecum). Zuständig für die Prüfung der Lateinkenntnisse (das „Kleine“ oder das „Große“ Latinum) ist das Lehrerprüfungsamt des Landes Baden-Württemberg.

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23.10.2015, 12:00 Uhr
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