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Vor der Haustür

Stolpersteine geben Nazi-Opfern ihre Namen zurück

Um 17.45 Uhr hat Gunter Demnig am Freitag den letzte Stolperstein verlegt. Er erinnert vor der Metzgerei Hipp in der Hechinger Straße an Walter Löwenstein. Am Abend sprach er im Gemeindehaus St. Michael vor 30 Zuhörern über sein Projekt.

28.11.2011
  • Fred Keicher

Tübingen. Man stolpert nicht mit den Füßen über die Pflastersteine, sie werden plan in den Gehweg eingelassen. „Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen“, sagt Gunter Demnig. Die Pflastersteine sind Würfel aus einem sehr soliden Beton, die eine Messingtafel tragen. Beton und Messing sind zerstörungsfrei verbunden. Der Pflasterstein wird mit Schnellzement in den Bodenplatten verankert. Von den fast 30 000 Pflastersteinen, die der Kölner Künstler seit 1993 verlegt hat, musste er nur 60 ersetzen.

Die Schrift ist handgeschlagen, Buchstabe für Buchstabe. „Das ist eine sehr konzentrierte Arbeit“, sagt er. Fräsen wäre ein große Erleichterung und Zeitersparnis. Aber es wäre industriell, und „in Auschwitz sind die Menschen industriell ermordet worden“. Den Opfern („Juden, Schwule, Zeugen Jehovas, Zigeuner“) ihren Namen geben, nimmt Demnig wörtlich. Ein Ehepaar oder eine ganze Familie auf einen Stein zu bringen, lehnt er ab, obwohl es weniger Arbeit wäre. „Jedes Mensch muss seinen Stein haben.“ Beim Darübergehen wird das Messing abgenutzt und glänzend. „Erinnerung wird blank poliert“, sagt Demnig.

Trotz allen Bezugs zu konkreten Menschen und realen Situationen ist das Stolpersteinprojekt Kunst mit einer sehr hohen Abstraktion. Schon früh hat Demnig Landart gemacht, die sich durch Begehen verändert oder verschwindet. In Kassel hat der gebürtige Berliner (Jahrgang 1947) Kunstpädagogik studiert.

Für ihn war Kunst alles andere, als das, was man zu Hause an der Wand hängen hat. 1980 hat er die Uni Kassel und das Pariser Centre Beaubourg mit einer Art Duftmarke verbunden: Kreidefarbe, die er mit einem Abrollgerät (ein umgebautes Fahrrad) auf die Straße gemalt hat. Für die 818 Kilometer hat er 21 Tage gebraucht. Eine „verwehte Spur“ aus Kreide widmete er der Kasseler Altstadt, die im Bombenhagel unterging, während gleich daneben Henschel weiter Panzer produzierte.

Weniger vergänglich sind die Arbeiten des 64-Jährigen mit Bleiplatten, in die er etwa die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes eingeschlagen hat oder „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ in 120 Sprachen. Gehen kann man über alle.

Die Stolpersteine kommen auf den Gehweg vor dem letzten selbst gewählten Wohnsitz der Opfer, vor die Haustür. Oft sind akribische Recherchen in Katasterunterlagen nötig, weil sich Straßenverläufe und -namen geändert haben. Auch in Tübingen gab’s Verwirrung um die frühere Steinlachstraße und die Steinlachallee, wie Pfarrer Harry Waßmann erzählt. Er hat mit Sabine Eulerich und Pfarrer Thomas Steiger die Verlegung der 26 Pflastersteine initiiert und die Spenden gesammelt. Genehmigt hat die Stadt das Projekt nur für die Südstadt, um dem Geschichtspfad nicht in die Quere zu kommen.

Ein Stein wurde am Freitag nicht verlegt. Er hätte in der Katharinenstraße vor den ehemaligen Economat an einen Sinto erinnert. Sein Neffe hat Einspruch erhoben. Ihre Sitten ließen es nicht zu, dass jemand den Namen mit Füßen trete. Einen anonymen Stein will Demnig nicht.

Stolpersteine geben Nazi-Opfern ihre Namen zurück
Gunter Demnig Bild: Faden

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28.11.2011, 12:00 Uhr
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