Tübingen

Stocherkahnrennen: Altherren- Kahn gegen Personalnot

Die letztjährigen Verlierer vom Tübinger Verein Deutscher Studenten (VDST) schicken in diesem Jahr einen Altherren-Kahn auf den Neckar.

18.06.2019

Von Lorenzo Zimmer

„Lebertran – die einzige Flüssigkeit, die so schmeckt, wie sich eine Niederlage anfühlt“, sagt Benjamin Ruchser über dieses Bild vom Stocherkahnrennen 2018, das auf dem Balkon der im vergangenen Jahr ausrichtenden Alten Straßburger Burschenschaft Germania entstand. Ruchser, Sprecher der Aktivitas des Vereins Deutscher Studenten (VDST) in Tübingen, und seine Bundesbrüder richten das Rennen in diesem Jahr aus. Bild: ASB Germania Tübingen

„Lebertran – die einzige Flüssigkeit, die so schmeckt, wie sich eine Niederlage anfühlt“, sagt Benjamin Ruchser über dieses Bild vom Stocherkahnrennen 2018, das auf dem Balkon der im vergangenen Jahr ausrichtenden Alten Straßburger Burschenschaft Germania entstand. Ruchser, Sprecher der Aktivitas des Vereins Deutscher Studenten (VDST) in Tübingen, und seine Bundesbrüder richten das Rennen in diesem Jahr aus. Bild: ASB Germania Tübingen

Eins, zwei, drei, vier …! Dass das Stocherkahnrennen näher rückt, ist dieser Tage auf der und um die Tübinger Neckarbrücke zu hören. Mit acht Männern und Frauen besetzte Kähne pesen den Fluss auf und ab – die Besatzung hat dabei nicht selten verkniffene Gesichter. Denn am Donnerstag, 20. Juni, streiten sich die bisher 53 angemeldeten Stocherkähne um den Sieg und den damit verbundenen Preis: ein Spanferkel und ein 50-Liter-Fass Bier. Sie streiten auch gegen die Niederlage und die damit einhergehende Strafe: eine große Portion Lebertran für die komplette Besatzung.

Benjamin Ruchser und seine Bundesbrüder vom Verein Deutscher Studenten (VDST) in Tübingen, einer Studentenverbindung, die in der Wilhelmstraße ansässig ist, waren im vergangenen Jahr diejenigen, die das braungelbe Öl irgendwie runterkriegen mussten. „Das hat geschmeckt und gerochen wie ein Fischmarkt in der vietnamesischen Hitze bei 40 Grad“, erinnert sich Ruchser und verzieht leicht das Gesicht.

Weil die Aktivitas des VDST, wie der aktive und immatrikulierte Teil einer Studentenverbindung heißt, im vergangenen Jahr verlor, darf sie nach alter Tradition das Rennen in diesem Jahr ausrichten. Der personelle Aufwand, um das Event zu organisieren und parallel acht Mitglieder abzustellen, um einen Kahn ins Rennen zu schicken, war für die Verbindung zu groß. „Der Kahn war frei, und dann haben wir als Alte Herren aus einer Bierlaune heraus angefragt, ob wir nicht mitmachen sollen“, sagt Jens Oelert, Alter Herr des VDST.

An die Niederlage vor einem Jahr hat Ruchser noch lebhafte Erinnerungen. Er gehörte als sogenannte Bugsau zur Mannschaft und musste im umkämpften Nadelöhr Zusammenstöße vermeiden und das Boot koordinieren. „Direkt nach dem Start war uns die Stange gebrochen“, erinnert er sich. Und obwohl der Kahn, so Ruchser, „im Mittelfeld aus dem Nadelöhr kam“, machte man danach auf der langen Geraden zum Ziel keinen Stich mehr. „Ich wäre auch nochmal mitgefahren, denn dass uns die Stange nochmal so dumm bricht, ist extrem unwahrscheinlich.“

Geographiestudent Benjamin Ruchser, 25, und Steuerrechtsanwalt Jens Oelert, 53, hoffen auf ein besseres Abschneiden ihres VDST. Bild: Klaus Franke

Geographiestudent Benjamin Ruchser, 25, und Steuerrechtsanwalt Jens Oelert, 53, hoffen auf ein besseres Abschneiden ihres VDST. Bild: Klaus Franke

Dass der VDST Ruchsers Bereitschaft zum Trotz in diesem Jahr seine Alten Herren ins Rennen schickt, freut den wettkampfbereiten Steuerrechtsanwalt Oelert. „Wenn ich einen Fall gewinne oder eine gute Steuererklärung mache, ist das nichts, wovon ich meinen Enkeln erzählen werde.“ Bei einem solchen Rennen mitzumachen, sei da schon etwas anderes, findet der 53-Jährige, der als aktives Mitglied des VDST in den späten 1980er Jahren schon am Rennen teilnahm und damals Vorletzter wurde: „Beim Stocherkahnrennen grandioser Erster, Zweiter oder Vorletzter zu werden, macht schon mehr her.“ Ein solches Ereignis, findet Oelert, ist der Stoff für Legenden – geeignet, um sie zu erzählen und in den Erinnerungen zu schwelgen.

Siegerehrung auf dem Neckarfloß

Die Bereitschaft Oelerts und der weiteren Besatzung, die zwischen 37 und 53 Jahre alt ist, verschaffte den aktiven Mitgliedern des VDST Freiräume für die Ausrichtung des Rennens. Die Organisation laufe „ausgesprochen gut“, sagt Ruchser mit einem gewissen Stolz. Was man für den Erfolg eines solchen Rennens braucht? „Das Minimale ist ein Fass Bier und ein Spanferkel für die Sieger und der Lebertran für die Verlierer“, so Ruchser. Zwingend hinzu komme die Organisation eines Orts für die Siegerehrung, eine Musikanlage, verschiedene Versicherungen, der Bereitschaftsdienst von Rotem Kreuz und DLRG sowie die Buchung eines Sicherheitsunternehmens. „Wir haben uns ein paar Sponsoren und Förderer gesucht. Ganz von gestern sind wir nämlich nicht, auch wenn man das den Verbindungen gerne nachsagt“, sagt Ruchser und lächelt.

Für die Siegerehrung hat das Organisationsteam um Ruchser ein Neckarfloß gemietet, damit die vielen Tausend Besucher den Abschluss des Spektakels mitverfolgen können. „Das war so ein bisschen die Kritik aus dem letzten Jahr, dass nicht alle Zuschauer das Happening im Garten der Alten Straßburger Burschenschaft Germania sehen konnten.“ Das werde dieses Mal mitten auf dem Neckar anders sein.

01.06.2018 So war das Stocherkahnrennen 2018
© Video: Adelheid Wagner 03:39 min
Ausgelassene Stimmung, Gedränge am Nadelöhr und tanzende Orang Ukahns: das Stocherkahnrennen 2018.

Während sich Oelert und die Altherren-Besatzung des VDST-Kahns „eine reibungslose Veranstaltung“ wünschen, sind die Erwartungen der Aktiven an ihre Altherrenschaft ebenfalls recht klar: „Die Alten Herren dürfen gerne auch verlieren“, feixt Ruchser. „Denn dann stehen sie im nächsten Jahr in der Pflicht, das Ganze auszurichten.“ Plötzlich schweigt er für einen kurzen Moment. „Mein einziger Denkfehler dabei ist: Ich werde in diesem Jahr philistriert.“ Ruchser wird also die Aktivitas seiner Verbindung verlassen und damit selbst zum Alten Herren des VDST. „Und dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich auch wieder für die Organisation gefragt werde.“ Von daher, schiebt Ruchser nach, „wäre es auch in meinem persönlichen Interesse, wenn es unseren Alten Herren mit einem Altersschnitt über 40 gelingt, ein paar knackigen Studenten die sinnbildlichen Badehosen runterzuziehen.“

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Erstellt:
18.06.2019, 10:10 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 23sec
zuletzt aktualisiert: 18.06.2019, 10:10 Uhr

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