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Schüler aus Gomaringen forscht über eine widerständige Familie

Stilles Heldentum

„Zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ nennt Jonathan Schilling aus Gomaringen seine Forschungsarbeit, für die er heute im Stuttgarter Neuen Schloss von Kultusminister Helmut Rau als einer der 20 Landessieger einen Preis bekommt.

20.07.2009
  • susanne mutschler

<strong>Gomaringen.</strong> Er sei „sofort begeistert“ gewesen und „wollte unbedingt mitmachen“, erinnert sich Jonathan Schilling an die Geschichtsstunde im vergangenen September, als er von dem Forschungswettbewerb des Bundespräsidialamts zum Thema „Helden – verehrt, verkannt, vergessen“ erfuhr. Der Neuntklässler, der in Tübingen das Wildermuth-Gymnasium besucht, ist sicher einer der jüngsten Teilnehmer.

Wenn sich Jonathan für etwas begeistert, dann mit Haut und Haaren. In Geschichte finde er – spätestens vom Barock an – „alles interessant“, sagt er. Schon in der fünften Klasse hatte er freiwillig alles Wichtige über die preußische Vergangenheit auswendig gelernt. Seine zweite große Leidenschaft ist die Musik. Jonathan spielt Klavier und Maria Callas steht als lebensgroße Pappfigur in seinem Zimmer. Jahrelang sang er in einem Stuttgarter Knabenchor die Sopransoli und will nun nach dem Stimmbruch seine Gesangsstudien wieder intensiv aufnehmen. Vom Preisgeld für den Geschichts-Wettbewerb wird er sich als erstes eine Brahms-Gesamtausgabe kaufen.

Im historischen Lesesaal

der Uni ackerte er

Bei der Vorstellung eines Helden habe er zunächst an Siegertypen wie den sagenhaften Siegfried oder den Draufgänger Achill gedacht und sich gefragt: „Wie soll ich denn in Gomaringen einen Helden ausmachen?“ Das Forschungsthema sollte entweder eine regionale oder biographische Anbindung haben, so wollte es der Wettbewerb. Dann fielen ihm die Geschwister Martha und Karl Beck ein. Die 87-jährige ehemalige Lehrerin hatte ihm immer mal wieder in Mathematik weitergeholfen, ein Fach, für das Jonathan keine große Leidenschaft empfindet. Von ihr wusste er, dass sie nicht im Bund Deutscher Mädel (BDM) war.

Schon der erste Besuch bei der alten Dame, dem noch viele andere folgten, brachte „eine Flut von lebendigen Geschichten“ über ihr eigenes und das Leben ihres Vaters, erzählt er. Fast bedauert er, dass er kein Tonband mitgenommen hatte. Ihr Vater war Karl Beck, der in Gomaringen das E-Werk und eine mechanische Strickerei betrieb und den CVJM leitete. Unverbrüchlich habe Beck einem Mann die Treue gehalten, obwohl er wusste, dass jener Jude war. Alle 14 Tage sei deshalb die Gestapo in der Beckschen Stube gestanden, fand Jonathan in seinen Gesprächen mit dem 1923 geborenen Bruder Karl heraus.

Karl Böhm, der Sohn eines Rabbiners, war 1910 aus der Tschechoslowakei nach Gomaringen gekommen. Er arbeitete bei der Firma Carl Dölker als Zuschneider und hatte nebenher einen kleinen Kolonialwarenladen. Neben Sally Adamsohn war er der einzige Jude im Dorf. Böhm allerdings war zum evangelischen Glauben übergetreten und hielt im CVJM die Bibelstunden. Dass Karl Beck einem, wie es im Nazi-Jargon hieß, „Vollblutjuden“ erlaube, arischen Buben das Wort Gottes zu verkünden, sei sogar durch die Zeitungen gegangen, wusste Jonathan von Martha Beck.

Daraufhin ging er in den historischen Lesesaal der Uni-Bibliothek und ackerte Nachmittage lang die entsprechenden Jahrgänge der Zeitschriften „Stürmer“ und „Flammenzeichen“ durch. In einer Ausgabe von 1936 fand er den Artikel, in dem Karl Beck namentlich und massiv diffamiert wurde und fügte ihn in seinen Forschungsbericht ein.

Der 15-Jährige, der völlig allein und selbständig arbeitete, las sich in die historische Fachliteratur ein und stöberte in den wenigen schriftlichen Zeugnissen, den Feldbriefen und Tagebuchaufzeichnungen aus der Familiengeschichte der Becks. Er ließ sich von Kreisarchivar Wolfgang Sannwald beraten und fragte in der Gemeindeverwaltung nach: Dort fand sich zu seinem Erstaunen kein Hinweis mehr, dass jemals ein Karl Böhm in Gomaringen gelebt hatte. Bei der Firma Naturana sei er mit seiner Bitte um Informationen über ihren früheren Zuschneider abgeblitzt.

In selbstverständlicher

Bescheidenheit

Jonathan selbst war inzwischen längst davon überzeugt, dass Karl Beck zu seinem Helden-Thema passte. „Ein Mann von kompromissloser Standfestigkeit“, schreibt er. Bei „Naziveranstaltungen“ habe er sich sogar öffentlich geäußert. „Der nahm kein Blatt vor den Mund“, sagt Jonathan bewundernd. Diesen Mut zur Widersetzlichkeit erklärt der Forscher aus der engen Freundschaft zu Karl Böhm und aus Becks christlicher Überzeugung. Böhm starb schließlich 1941 mit 73 Jahren, bevor ihn der Deportationsbefehl erreichte.

An der Richtigkeit der väterlichen Einstellung hätten auch seine Kinder nicht gezweifelt. Martha sei nie ein „deutsches Mädel“ geworden und ihr Bruder Karl bequemte sich erst in die HJ, nachdem sein unbeugsamer Vater mit dem „Fähnleinführer“ ausgehandelt hatte, seinen Sohn nur dann zu schicken, wenn keine „Gefahr für seine christliche Einstellung“ vorliege. Eine Kopie dieser erstaunlichen Vereinbarung hat Jonathan seinem Bericht angehängt.

Ein halbes Jahr hatte der Wettbewerb für die Forschungen angesetzt. Gegen Ende der Frist wurde Jonathan, der seinen Arbeitsstil als etwas „chaotisch und unorganisiert“ bezeichnet, die Zeit furchtbar knapp. Die letzten Tage und vor allem die Nächte vor dem Abgabetermin seien schon „anstrengend“ gewesen.

Entstanden ist auf 26 Seiten das Porträt eines Gomaringers, dem niemals ein Denkmal gesetzt wurde und der in seiner selbstverständlichen Bescheidenheit auch nie eines gewollt hätte. Die späte Würdigung von Karl Beck, der 1985 mit 90 Jahren starb, ist gleichzeitig ein spannender Beitrag zur Dorfgeschichte. Den Nachkommen allerdings musste Jonathan versprechen, dass er seine Arbeit nicht veröffentlichen wird. Sie wollen auf keinen Fall, „dass mit den Leistungen ihres Vaters öffentlich geprahlt wird“, erklärt er.

Info

Bundesweit nahmen 6600 Schüler mit 1831 Forschungsarbeiten an dem Wettbewerb teil. In Baden-Württemberg reichten 599 Schüler 142 Beiträge ein. Die vier Schüler aus dem Tübinger Wildermuth-Gymnasium gehören zu den 20 Landessiegern.

Stilles Heldentum
Der Schreibtisch eines Jungforschers: Hier arbeitet Jonathan Schilling. Bild: Rippmann

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20.07.2009, 12:00 Uhr
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