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Militärmesse in Stuttgart

Stiller Protest trifft auf viele taube Ohren

Pazifisten demonstrieren mit Leichen-Puppen gegen die ITEC. Deren Besucher nehmen die Aktion kaum wahr.

16.05.2018
  • CAROLINE HOLOWIECKI & JENS SCHMITZ

Stuttgart. Sjors Beenher scheint unzufrieden. Mehrmals prüft er, von wo aus das Protestlager mit rot befleckten Leichen-Puppen und Transparenten am besten zu sehen ist. „Ich bin nicht überzeugt“, lautet sein Urteil. Die „Friedensfachkraft aus Amsterdam“ hätte sich gern vor der Ausstellungshalle neun postiert, um die Besucher der Rüstungsmesse ITEC zu konfrontieren, die am Dienstag gestartet ist. Stattdessen steht Sjors Beenher etwas missmutig am Durchgang vom Flughafen zur Stuttgarter Messe. Die deutschen Aktivisten haben derweil eine andere Zielgruppe im Blick: die Besucher der „Pflege Plus“, des Deutschen Fürsorgetags sowie der „UNITI expo“ für die Tankstellen- und Carwash-Branche, die sich das Gelände mit der ITEC teilen. Militärfans erreichen sie sowieso nicht, dafür vielleicht die Besucher anderer Veranstaltungen, so die Denke.

Hostessen und Uniformträger

Drinnen, in der Ausstellungshalle, wähnt man sich eher auf einer normalen Industrieveranstaltung mit lächelnden Hostessen und Gratis-Kugelschreibern denn auf einer Militärmesse, wäre da nicht die auffällig hohe Zahl an Uniformträgern und die auffällig niedrige Außenpräsenz: Kein Schild, keine Fahne weist darauf hin, dass hier das nach Eigenangaben führende Militärforum zum Thema Simulation, Training und Ausbildung stattfindet.

Noch bis Donnerstag informieren sich 2500 Fachbesucher aus mehr als 60 Nationen auf der ITEC über Themen wie Digitalisierung, Datennutzung und Drohnen. Das große Überthema lautet virtuelle Realität: Mehr als 90 Firmen und Organisationen sind vertreten; ein Großteil von ihnen bietet Simulationen zu Ausbildungszwecken: Fallschirmspringer können mit 3-D-Brille genauso in virtueller Umgebung trainieren wie Schützen im Feld oder Panzerbesatzungen. Für Befehlshaber ist es kostengünstiger, Heere im Cyberspace zu manövrieren, als sie drei Wochen in der realen Welt zu bewegen.

Stiller Protest trifft auf viele taube Ohren
Bis Donnerstag demonstrieren Aktivisten vor der Messe. Foto: C. Holowiecki

Land und Stadt als Messegesellschafter waren seit Wochen von Kirchen und Rüstungsgegnern für die Beherbergung der ITEC kritisiert worden. Während sich Bürgermeister Michael Föll bereits gegen eine Wiederholung ausgesprochen hat, hat Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (beide CDU) den Entschluss verteidigt, unter anderem, weil keine Waffen ausgestellt würden, sondern Trainings- und Simulationssoftware für Feuerwehr, Polizei oder Militär. Dass keine Waffen zu sehen sind, ist jedoch nicht ganz richtig – mehrere Aussteller zeigen Maschinengewehre und Panzerfäuste. Die Ministerin hat insofern recht, als lediglich Trainings- und Simulationsmöglichkeiten mit diesem Gerät demonstriert werden. Um den Ernstfall geht es hier nicht.

Bei der Messe Stuttgart GmbH beruft man sich derweil darauf, keine Grundlage zur Ablehnung des Gastveranstalters gehabt zu haben. Paul Russmann von „Ohne Rüstung Leben“, der draußen demonstriert, will das nicht gelten lassen. „Sie hätten sie nicht akquirieren müssen.“ Er glaubt an einen Imageschaden für Messe und Stadt. Das Gros der Passanten wirkt ob des Protests vor der Messe indes desinteressiert. Viele Ausländer mit Trolleys hasten vorbei, können oder wollen nicht verstehen. Laut wird der Protest trotzdem nicht. „Wir sind Pazifisten. Wir sind nicht der schwarze Block“, sagt Bernhard Kusche, der für die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) in Bayern die Regenbogenfahne hochhält. Nur zwei Polizisten schauen vorbei, um Dekoration aus der Rettungsgasse entfernen zu lassen. Sicherheitsstufe: unauffällig.

Mahnwache durchziehen

Die etwa 20 ITEC-Gegner sind still, aber entschlossen. Thomas Haschke aus der DFG-Ortsgruppe möchte die 56-Stunden-Mahnwache komplett aussitzen. Auch der holländische Franziskaner Roland Putman will in Kutte und Sandalen ausharren. Seit Jahren reist er zu jedem ITEC-Austragungsort. Seine Botschaft: Gewalt ist keine Lösung.

Aussteller Nils Hinrichsen, Direktor des Hannoveraner Software-Start-ups eSim, nimmt die Demonstration vor der Messe hin, auch wenn ihr Ansatz ihm zu pauschal erscheint: „Es gibt einen demokratischen Auftrag des Volkes und der Parlamente, eine Armee aufzustellen. Wenn diese Armee aufgestellt wird, dann soll sie auch die beste Ausbildung und Ausrüstung haben. Das ist eine Frage der grundsätzlichen Ethik“, sagt er.

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16.05.2018, 06:00 Uhr
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