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Sicherheit

Stille vor dem kleinen Knall

Wegen der Entschärfung einer Fliegerbombe ist die Berliner Innenstadt lahmgelegt. Erstmals wird auch der Hauptbahnhof komplett evakuiert.

21.04.2018

Von MARIA NEUENDORFF

Nach der Entschärfung: Die britische Bombe wird abtransportiert. Foto: dpa

Berlin. Um 10 Uhr gleicht Berlins größter Bahnhof einem Geisterbahnhof. Die Rolltreppen rattern ohne Passagiere, die gläsernen Fahrstühle stehen still, die Geschäfte sind dunkel. Auch ringsum sind alle Gebäude evakuiert. 800 Meter beträgt der Radius um die Weltkriegsbombe, die Bauarbeiter im Berliner Untergrund entdeckt haben. Bis 13.19 Uhr dauert es, dann ist sie entschärft.

Ein Tourist aus Chile, der die Ansagen nicht versteht, schiebt seinen Rollkoffer über den menschenleeren Bahnsteig. Als ihn Polizisten bitten, das Gebäude zu verlassen, ist er verdutzt. Er will doch weiter nach Kopenhagen und später nach London, sagt er. Doch nun muss er hinaus in die leergefegte Invalidenstraße, wo nun auch keine Busse, Straßenbahnen und Taxis mehr halten.

Für die Region an sich ist der Fund nichts Ungewöhnliches. „Dass wir den Hauptbahnhof komplett evakuieren müssen, ist aber Premiere“, sagt Bahnsprecher Achim Stauß. Viele Passagiere hätten einen Zug früher genommen oder ihre Reise auf den späten Nachmittag verschoben. „Die Tickets dürfen ja flexibel genutzt werden.“

Hinter ihm verriegeln Bahnmitarbeiter die Glastüren. Eine Reisegruppe aus Weimar schlüpft noch schnell hindurch. „Nicht, dass wir nachher keine Zahnbürste haben“, witzelt eine der Damen. Sie hat vor der Dampferfahrt ihren Koffer im Bahnhofsschließfach gelassen.

Unter den letzten, die die Büros nebenan in den Bügelbauten verlassen, ist Ute Buhtz. Die Mitarbeiterin von DB Immobilien hat die Evakuierung mit koordiniert. Die Pläne dafür lagen schon lange in der Schublade.

„Das ist heute ein guter Test für den wirklichen Ernstfall“, findet Buhtz. Wegen der tagelangen Vorbereitungszeit habe man immer wieder überlegen können, was fehlen könnte. Zum Beispiel Müllbeutel für die Wasserflaschen, die vor dem Bahnhof im Wartezelt verteilt werden. Oder Toiletten. „Wir haben die umliegenden Hotels angerufen und vereinbart, dass die Menschen dort hingehen können.“

Doch allzu viele sammeln sich gar nicht vor dem Bahnhof. Das Wetter ist einfach zu gut. „Wenn es länger dauert, treffe ich mich mit meiner Freundin am Wasser“, sagt ein junger Mitarbeiter eines Bahnhofsshops, während er sich in der Sonne eine Zigarette dreht.

Ordentlich zu tun hat dagegen ein Disponent der Deutschen Bahn. Die Dienstpläne für Zugführer und Gastronomiepersonal hat er vor sich auf einen Blumenkasten gelegt. Auch er musste sein Büro verlassen. Per Handy schickt er das Personal zum Ostbahnhof oder zum Südkreuz, wohin viele Züge umgeleitet werden.

Währenddessen fahren Polizisten im Sperrgebiet mit Lautsprecherwagen durch die Straßen, klingeln und klopfen an Wohnungstüren. Auch das Sozialgericht, das Bundeswirtschaftsministerium, der Bundesnachrichtendienst und ein Teil des Bundesverkehrsministeriums sind betroffen. Die Sperrzone verläuft quer über das Gelände der Charité-Klinik. Notaufnahme und Bettenhaus liegen glücklicherweise knapp außerhalb.

Aus einem Mietshaus muss die Feuerwehr einen bettlägerigen Mann mit einer Drehleiter durch das Fenster holen. Für die, die es alleine nicht schaffen, stehen jenseits des Flatterbandes 30 Krankenwagen bereit. Die evakuierten Häuser werden mit Kreidezahlen gekennzeichnet.

Lisa-Marie Jahancec sitzt mit ihrem fünfjährigen Sohn auf einem Schulhof. In den Rucksack hat die 24-Jährige Wasser, etwas Spielzeug und Bücher gepackt. „Als ich meine Nachbarn mit mehreren Koffern gesehen habe, habe ich mich schon gefragt, ob ich genug mitgenommen habe.“

Doch schon um 13.19 Uhr, früher als erwartet, ist der Spuk vorbei. Das Entschärferteam des LKA teilt mit: „Kurzer Knall. Der Zünder wurde soeben abseits der Weltkriegsbombe kontrolliert gesprengt.“

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Erstellt:
21. April 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. April 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. April 2018, 06:00 Uhr

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