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Wer früh kommt, wartet möglicherweise länger - Geheimtipp: 12 Uhr mittags

Stichproben in der Augenklinik

Wer Probleme mit den Augen hat, braucht einen langen Atem. Jedenfalls in der Ambulanz der Tübinger Augenklinik. Dies ist kein Ort, den man so schnell wieder verlässt. Einige Stunden müssen Patienten schon mitbringen, wenn sie hier ärztliche Hilfe und Behandlung suchen. Wir machten Stichproben an drei Tagen.

23.04.2015

Von Ulla Steuernagel

Tübingen. „Zum Glück bin ich arbeitslos“, sagt Harry Haag aus Aalen und lacht trocken. Er steht vor dem Gebäude der Augenklinik und schlägt die Zeit tot. Drinnen sind die beiden langen Gänge voller Patienten. Nur wenige Stühle sind nicht besetzt. Seine Frau und die beiden Kinder (7 und 8 Jahre) warten auf die Untersuchung. Die Kinder leiden an einer genetisch bedingten Augenkrankheit und sind regelmäßige Patienten der Ambulanz. Die Familie hatte einen Termin um 8.30 Uhr: „Aber das hat nie was zu sagen“, weiß der Vater. Jetzt ist es 10.30 Uhr. Dass sie viel Zeit mitbringen müssen, darauf sind die Haags vorbereitet. Was machen die Kinder so lange? „Malen, händlen, zerfeln, nerven“, sagt der Vater. Er hofft, um die Mittagszeit wieder abfahren zu können.

Auch Werner Hiller ist als Begleiter da. Mit Frau und Kind ist er schon um 6.15 Uhr in Krauchenwies bei Sigmaringen losgefahren. Seine Frau ist zur Behandlung ihres Grünen Stars bereits zum vierten Mal in der Tübinger Klinik. Hiller muss sich jedes Mal einen freien Tag nehmen, anders gehe es nicht. Sein Sohn („Ich komm bald in die Schule“) schwingt im Halbkreis um eine Stange des Treppengeländers. Immer wieder hin und her. Wird es noch lange gehen? Um 8.30 Uhr waren die Hillers da, die gezogene Platzziffer hieß 577. Die Zahl sage hoffentlich nichts über die Anzahl der Patienten vor ihnen, sagt Hiller. Aber auch er weiß: „Die Warterei ist immer heftig.“ Dennoch will er nicht meckern, eine andere Klinik habe die Behandlung seiner Frau „verhunzt“. Die Behandlung in Tübingen sei dagegen ausgezeichnet. Deshalb versteht er auch, dass die hiesige Klinik so überlaufen ist. Die Ärzte nimmt er in Schutz: „Die können auch nicht mehr als schaffen.“ Und so nehmen die Patienten auch die langen Wartezeiten auf ungemütlichen Gängen in Kauf. „Man ist schon froh, wenn man einen Stuhl ergattert“, so hat Hiller beobachtet.

Vor der Klinik gibt es keine einzige Sitzgelegenheit, zumindest nicht im Abholbereich vorm Gebäude. Eine ältere Frau aus Nürtingen wartet hier auf ihren Sohn. Die Haut rings um ihr linkes Auge ist gelb. Die Frau ist wegen einer Netzhaut-Erkrankung in Behandlung. Gerade hat sie eine Spritze ins Auge bekommen, mit dem gespritzten Auge sieht sie nichts. Dennoch ist sie vor allem erleichtert, denn sie hatte furchtbare Angst vor dieser Spritze: „So schlimm war?s gar nicht“, sagt sie nun. „Ungefähr so wie beim Zahnarzt.“ Das Warten kam ihr gar nicht so lange vor, sie war eher froh über jeden Aufschub. „Beim ersten Mal habe ich acht Stunden gesessen“, sagt die Frau, jetzt waren es knapp drei Stunden, die sie in der Klinik verbrachte. So lange sitze sie auch in der Praxis eines Nürtinger Augenarztes. Zu schaffen macht ihr aber, dass sie sich nirgendwo setzen kann, wenn sie nicht mit den Treppenstufen oder den steinernen Fenstersimsen vorlieb nehmen will. Gut, dass es die Stange zwischen Gehsteig und Straße gibt, daran hält sie sich fest.

Nachmittags gegen 15 Uhr sieht die Situation etwas besser aus. Eine Frau aus Reutlingen war auf 13 Uhr zur Star-Sprechstunde bestellt, um 15 Uhr verlässt sie das Gebäude glücklich. Auch eine junge Frau aus Balingen ist zufrieden mit der Wartezeit. Fünf oder sechs Mal war sie schon da. Ihre gefühlte Bilanz: „Je früher, desto länger.“ Deshalb wähle sie ihre Termine möglichst um die Mittagszeit. „Dann kann ich vorher noch etwas arbeiten.“

Fast immer sind die Stühle in der Ambulanz der Augenklinik besetzt. Das war, wie unser Bild zeigt, schon vor zehn Jahren so und ist heute nicht anders. Archivbild: Metz

Wer glaubt, in deutschen Kliniken gebe es extrem lange Wartezeiten, muss sich von Gesundheitsökonom Jonas Schreyögg eines Besseren belehren lassen. In einer Studie aus dem Jahr 2011 fand der Hamburger Volkswirtschaftler heraus, dass die Wartezeiten von privat und gesetzlich Versicherten nicht besonders differieren, entscheidender seien die eher einkommensabhängigen individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). Doch insgesamt hielten sich die Wartezeiten in den deutschen Klinik-Ambulanzen gemessen an denen anderer Länder in Grenzen. Das Triage-System zur Beurteilung der Dringlichkeit von Notfällen sollte jedoch ausgebaut werden: Patienten könnten ihre Schmerzen selber in einer Rangordnung von 1 bis 10 bewerten. Generell sei die Erwartung der Deutschen an ihre Gesundheitsversorgung „recht hoch“, mit der Tendenz: Je besser, desto höher. Schreyögg rät Patienten, selber aktiv zu werden, nach der voraussichtlichen Wartedauer zu fragen und ob man noch weggehen und die Zeit anders nutzen könne. Wer früh kommt, wartet möglicherweise länger - Geheimtipp: 12 Uhr mittags: Stichproben in der Augenklinik 23.04.2015 Kommentar: Warten auf bessere Klinikzeiten 23.04.2015

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Erstellt:
23. April 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. April 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. April 2015, 12:00 Uhr

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