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Keine Hinweise auf Verstöße

Stefan Treue zur Situation der Versuchstiere am Max-Planck-Institut

„Keinerlei Hinweise auf systematische Vernachlässigung“ der Versuchstiere gebe es am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, sagt der Direktor des Göttinger Primatenzentrums, Stefan Treue. Nachdem „Stern TV“ Bilder von blutenden Affen gezeigt hatte, ist Treue im Auftrag der Münchner Max-Planck-Gesellschaft seit Dienstag am Tübinger Institut.

17.09.2014

Von Angelika Bachmann

Tübingen. „Die Bilder sind für alle eine Herausforderung“, sagte Treue. „Stern TV“ hatte vor einer Woche Videoaufnahmen gezeigt, die ein Tierschützer gemacht hatte. Er arbeitete sechs Monate lang inkognito als Tierpfleger am Tübinger Max-Planck-Institut. Dort werden 42 Affen gehalten. Ihnen werden für neurophysiologische Untersuchungen zylindrische Implantate in den Schädel operiert. Die Bilder zeigten Affen, die an den Operationswunden bluteten. Ein Affe zog immer wieder mit den Fingern an der offenen Wunde und einem Hautlappen.

Prof. Stefan Treue, Direktor des Göttinger Primatenzentrums, wurde von der Max-Planck-Gesellschaft um eine Einschätzung der Lage in Tübingen gebeten.

Für den Leiter des Primatenzentrums ging es bei seinen Untersuchungen nicht um die Frage, ob es zumutbar sei, die Implantate einzupflanzen. Denn das wurde den Wissenschaftlern am MPI von der zuständigen Behörde (dem Regierungspräsidium Tübingen) erlaubt. Es gehe darum zu klären: Kommt es überdurchschnittlich häufig nach Operationen zur Infektion der Wunde? Und: Werden kranke Tiere adäquat und schnell behandelt?

„Ich habe keinerlei Hinweise darauf, dass es am Institut eine systematische Vernachlässigung der Tiere gibt, im Gegenteil“, sagte Treue am Mittwoch gegenüber dem TAGBLATT. „Die Tiere werden dort mit großer Sorgfalt und Professionalität behandelt.“ Das Institut beschäftige einen eigenen Tierarzt. „Es gibt also kurze Wege, wenn ein Tier krank ist.“ Zudem gebe es noch einen externen Tierarzt, der ab und zu gerufen werde. Vier Tierpfleger kümmerten sich um die Tiere. Zu den Bildern der Affen mit blutenden Wunden sagte Treue: „Egal wie gut man operiert – man kann nicht garantieren, dass nicht doch etwas passiert.“ Das sei vergleichbar mit Operationen bei Menschen: Auch da könne es passieren, dass Wunden nachbluten, nachoperiert werden müssen oder sich entzünden. Es gebe keine Hinweise darauf, dass das beim Max-Planck-Institut besonders häufig vorkomme.

Stella hatte eine Gehirnhautentzündung

Treue hat mit Tierpflegern und Tierärzten am Institut gesprochen, Dokumentationen angeschaut, mit Wissenschaftlern und der Institutsleitung geredet. Auch die in den Videos gezeigten Fälle habe er dabei besprochen. Wenn sich nach einer Operation eine Naht öffne, werde nachoperiert. Das komme nicht so selten vor, sagte Treue. Wichtig sei, dass das Tier in der Situation gut tierärztlich versorgt werde. Und das sei nach seiner Einschätzung am Max-Planck-Institut der Fall.

Besonders entsetzt haben viele die Bilder von „Stella“, einem Makaken, der sich übergeben hatte und halbseitige Lähmungserscheinungen hatte – „ein schwerstkrankes Tier“, wie Treue sagte. Einen solchen Fall habe er selbst noch nie gesehen. Wie sich bei einer Kernspinuntersuchung herausstellte, hatte es Schädigungen des Gehirns.

Auch hier hätten die Tierärzte verantwortlich gehandelt, befand Treue. Um das geschwächte Tier nicht für eine Kernspinuntersuchung sedieren zu müssen, habe man zuerst versucht, es mit einem Breitbandantibiotikum zu heilen, da die Symptome sowohl von einer Hirnhautentzündung als auch einem Schlaganfall hätten herrühren können. Als dieses nicht anschlug, entschied man sich für die Kernspinuntersuchung unter Narkose. Diese zeigte: Das Tier hatte schwere Hirnschädigungen. Stella wurde deshalb eingeschläfert.

Eine anschließende pathologische Untersuchung habe den Verdacht einer Hirnhautentzündung bestätigt. Nach der Symptomatik des Tieres hätte es auch ein Schlaganfall sein können. Hirnblutungen sind eigentlich eine Alterserkrankung, auch bei Tieren. Möglich sei aber, dass bei den Versuchen am Institut ein Blutgefäß im Gehirn verletzt wurde. Für die Versuche werden Elektroden in das Gehirn der Affen eingeführt. Das ist für die Tiere schmerzlos. Doch je tiefer die Elektrode ins Gehirn eingeführt wird, desto größer ist das Risiko, dass Gefäße verletzt werden. Trotzdem sei es glücklicherweise sehr selten, dass ein Versuchsaffe einen Schlaganfall erleidet, so Treue.

Die Überprüfung der Authentizität der Bilder sieht Treue nicht als seine Aufgabe. „Auch eine selektive Zusammenstellung authentischer Bilder verzerrt allerdings die wahrgenommenen Häufigkeiten.“ Gezeigt worden sei nicht der Normalfall sondern die Ausnahme.

Seit der Ausstrahlung der Bilder bei „Stern TV“ hat das Institut seine Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Sicherheitsleute sind rund um das Institutsgebäude präsent. Hunderte von Drohungen gingen per Mail ein. Anrufer drohten Instituts-Mitarbeitern: „Ihr traut euch noch auf die Straße? Wenn ich einen von euch erwische, schneide ich ihm die Kehle durch.“ Tübingen : Tierversuchsgegner distanzieren sich von Anfeindungen gegen Forscher 07.05.2015 Hunderte Wissenschaftler haben schon unterzeichnet : Internetaufruf: Solidarität mit Hirnforscher Logothetis 07.05.2015 Tübingen : Wissenschaftler stellen sich hinter Hirnforscher 06.05.2015 Kein Ende der Versuche: Affenversuche könnten nach 2019 weitergehen / Max-Planck-Institut stoppt Umbau 06.05.2015 Tübingen: Versuche an Affen sind weiter möglich 06.05.2015 Kommentar · Tierversuche: Von Primaten und Formaten 05.05.2015 Stuttgart: Ministerin Bauer: Tierversuche weiter nötig 05.05.2015 München/Tübingen: Max-Planck-Gesellschaft will an Affenversuchen festhalten 04.05.2015 Tübinger Forscher stellen Affenversuche ein: Künftig Experimente nur noch mit Nagetieren - OB Palmer bedauert Entscheidung 04.05.2015 Hirnforscher Nikos Logothetis beendet seine Arbeit mit Affen: Max-Planck-Direktor will nur noch Versuche mit Nagetieren machen 01.05.2015 Soko Tierschutz: Material wurde anonym zugespielt: Weitere Bilder zu Affenversuchen veröffentlicht 17.12.2014 Tübingen : Behörde: Ergebnisse zu Affenversuchen erst im Januar 16.12.2014 Umschauen verboten: Gegen Drohnen und Tierversuche - 30 Teilnehmer bei Demonstration vor dem MPI 05.10.2014 Kriterien für Tierversuche: Kuratorium des Max-Planck-Instituts nennt Bedingungen und verteidigt Forscher 04.10.2014 Selten so schockiert: Primatenforscherin Goodall zu MPI-Experimenten 29.09.2014 Tübingen : Behörden prüfen Stellungnahme zu Tierversuchen am Max-Planck-Institut 24.09.2014 Krähe mit Steckdose: Tierschützer kritisieren Forschung an der Uni 24.09.2014 Schockierende Bilder: Palmer gab im Gemeinderat eine Stellungnahme zu den Affenversuchen ab 24.09.2014 Polizei sucht den Täter: Steinwurf auf Palmer bei Tübinger Demo gegen Tierversuche 22.09.2014 Sirenengeheul gegen Affenversuche: Tierschützer mobilisierten 1000 Teilnehmer für Demo - Auch Tübinger Grüne protestierten mit 21.09.2014 Kommentar Demo: Aggressionen schaden dem Tierschutz 21.09.2014 Stein trifft Palmer: Tierschützer bedrohen OB und MPI 21.09.2014 Laut Polizei nur Verkehrsbehinderungen bei Tierschützer-Demo - OB berichtet von Steinewerfer: Bis zu 1200 Teilnehmer bei der Kundgebung gegen Tierversuche 20.09.2014 Tierschützer bemängeln die Aufklärung: Stratmann und Palmer weisen Vorwürfe zurück / Bericht soll bald ans Regierungspräsidium gehen 19.09.2014 Kommentar Tierversuche: Normalzustand: Implantat im Kopf 20.09.2014 Konstanzer Professor im Interview zu den Tübinger Tierversuchen: Schluss mit der Augenwischerei 19.09.2014 Umstrittene Affenversuche: Tübinger Max-Planck-Institut beantragt vorerst keine Primaten-Experimente mehr 19.09.2014 Viel Augenwischerei: Der Biologe Marcel Leist zur Debatte um Affenversuche 19.09.2014 Keine neuen Versuche am Tübinger Max-Planck-Institut: Erste Folgen der Debatte um Forschung an Affen 18.09.2014 Kurzfristige Kontrolle: Debatte um MPI-Versuchsaffen geht weiter 18.09.2014 Keine Hinweise auf Verstöße: Stefan Treue zur Situation der Versuchstiere am Max-Planck-Institut 17.09.2014 Gutachter soll Vorwürfe gegen Max-Planck-Institut für Kybernetik klären: OB Palmer in der Kritik bei der Tierversuchs-Debatte 15.09.2014 Regierungspräsidium fordert Auskunft über Affenversuche: Fragenkatalog ans Max-Planck-Institut geschickt 15.09.2014 Viele Fragen zu Affen-Versuchen: Regierungspräsidium lud Max-Planck-Institut zum Gespräch 13.09.2014 Grüne stellen Tübinger Affenversuche grundsätzlich infrage: Parteivorsitzende fordert Aufklärung vom Max-Planck-Institut 12.09.2014 Versuchstiere gefilmt: Tierschützer schleuste sich im Tübinger Max-Planck-Institut ein 11.09.2014 Hochschule erntet Kritik: Uni Hohenheim will zwei neue Labore für Tierversuche bauen 11.08.2014 Stuttgart: Neun Prozent weniger Tierversuche 09.08.2014 Stuttgart : Seit 2011 gut 15 Prozent weniger Tierversuche im Land 07.08.2014 Enormer Aufwand: Haller-Haid: Tierversuche sind notwendig 13.02.2014 Sind Tübinger Tierversuche unerlässlich? : Grüne fordern eine strengere Prüfung der Affenversuche 11.02.2014 Kommentar: Troia und der Streit um Tierversuche 12.02.2014 Forschen mit weniger Qual: Wissenschaftler sucht Alternativen zu Tests mit lebenden Tieren 04.02.2014 Tierrechte vor Wissenschaft: 200 Tierschützer demonstrierten gegen Affenversuche 06.05.2013

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Erstellt:
17. September 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. September 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. September 2014, 12:00 Uhr

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